Interview mit Hiroshi Tada Senseï aus Musashinoshi in Japan. Teil 1

Heisse Sommertage im Schweizer Jura! Eine Woche mit Hiroshi Tada


H. Tada Senseï in Saignelegier 2003

Können Sie sich noch an den Beginn Ihrer Aikidozeit erinnern?

Schon als kleines Kind kannte ich den Namen von Ueshiba O Sensei, da er ein berühmter Meister war. Eingetreten bin ich aber erst im März 1950 in das Ueshiba-Dojo.


Warum gerade Aikido?

Weil Aikido einfach gut, das Beste ist.


Viele sind ja über Judo oder Kendo zu Ueshiba Sensei gekommen.

Ich habe auch anderes Budo studiert, aber die Qualität von Aikido ist ganz anders. Es ist eine andere Welt.

Morihei Ueshiba war ein spezieller genialer Lehrer, er war kein »normaler Budoka«.

Eingetreten bin ich in das Dojo von Ueshiba, ohne zu wissen was Aikido ist, auch habe ich nie etwas von Aikido gesehen, aber der Ruf der Morihei Ueshiba voraus eilte, als spezieller Mensch und Lehrer, hat mich dort hin gelockt.
Prägten die Erfahrungen, die Sie im Aikido erlangten, früh oder war Ihr Weg auch steinig?

Es ist schwierig, das so konkret zu beantworten, es ist zu umfangreich. Sicher ist, dass ich nicht dachte, »wenn ich nun Aikido praktiziere, dann wird alles gut«. Nein, ich bin einfach nur Ueshiba-Sensei gefolgt.


Haben Sie bestimmte Erinnerungen an O Sensei?

Oh ja, ganz viele Erinnerungen. Ich war fünfzehn Jahre lang Schüler von O Sensei, dann bin ich von 1964 bis 1970 nach Europa gegangen und in dieser Zeit ist O Sensei ja leider verstorben (1969).


Warum sind Sie nach Italien gegangen?

Ich hatte nicht geplant nach Italien zu gehen und schon gar nicht die Absicht dort zu bleiben. Der eigentliche Plan war, ein Jahr lang durch Europa und Amerika zu reisen um dann nach Japan zurückzukehren. Aber eine Bekannte, Onô-San, die ich noch von der Universität her kannte, sie praktizierte auch ein wenig Aikido, ist nach Italien gefahren, hat dort auch geheiratet und lebte in Rom. In Italien angekommen, ergab sich nach einer Aikidô-Vorführung, dass das Innenministerium anfragte, ob ich einen einmonatigen Lehrgang geben könnte.


Daraus wurde dann ein langjährige Geschichte?

Um die Leitung dieses Lehrgangs wurde ich mehrfach gebeten, was ich auch gerne tat. Auch bat man mich, dass ich ein Dojo eröffnen sollte. Daraus entstand der Gedanke, das Aikikai Italien zu gründen. Insgesamt hat es dann sechs Jahre gedauert.


War für Sie damit Ihre Aufgabe erfüllt und Sie sind deshalb wieder nach Japan zurück?

Nein, weil ganz viele Schüler von mir in Japan lebten, deshalb bin ich zurückgekehrt.


Wie würden Sie Ihr Aikido beschreiben?

Ich empfinde es als unnötig, ein spezielle Bezeichnung hinzuzunehmen, es ist einfach Aikido. Wenn man sich die Ideogramme anschaut, dann sollte man sofort verstehen, was es bedeutet. Aber hundert Menschen werden auch hundert verschiedene Definitionen oder Vorstellungen von Aikido haben.

Selbstverständlich es gibt viele Arten von Aikido, aber das was O Sensei gezeigt hat, das man sich mit den Gottheiten vereint, das ist ausreichend, da braucht man keinen Zusatz.

Es gibt einen alten Film und in den Aufzeichnungen von O Sensei gibt es Erklärungen dazu. Desweiteren gibt es ein Buch von O Sensei mit seinen Gedichten1, die das alles auf der Basis des traditionellen Schintoismus erklären. Darin geht es, wenn man es in modernen Termini ausgedrückt, um die Stellung des Menschen im seinem Bezug zum Universum, und die Vereinigung des Menschen mit dem Universum.

Dieses Gedankengut wird in der japanischen Kultur in verschiedenen Formen ausgedrückt, z.B. im Konfuzianismus, Taoismus, Schintoismus, jedesmal auf seine Weise, aber alle in Bezug auf Prinzipien des Universums.

Heute ist es unwichtig zu sagen, ich studiere die Schinto- oder die buddhistische Linie. Wichtig sind die Prinzipien, die dahinter stecken.


Aber in Japan ist man doch nie auf »einer Linie«, der Dualismus ist ja quasi ein »Inbegriff für Japan«, nicht wie in Europa, wo man z.B. »Katholik ist«.
Es ist ein »japanfremder Gedanke«, zu sagen, »ich glaube an das und das andere ist falsch«. O Sensei war diesbezüglich ganz speziell, er hat alles was Konfrontation hätte hervorrufen können, strikt abgelehnt


Der moderne Mensch achtet recht wenig auf seinen Körper, ist Aikido sozusagen Ideal für uns moderne Menschen?

Aikido ist ja eine ganz moderne Sache, es ist noch nicht so alt, folglich auch besonders geeignet. Obwohl Osensei an die Gottheiten des Shintô glaubte, war er ein äusserst rationaler Mensch. Dies erkennt man an seinen Bewegungen. Er konnte das wunderbar auf seine Weise durch Bewegungen ausdrücken. Deshalb kann sich Aikido auch auf der ganzen Welt verbreiten, weil es im Kern rational, und deshalb für den heutigen Mensch besonders geeignet ist.

Es ist auch viel fortgeschrittener als zum Beispiel Judo oder Kendo, was man in Japan im Bildungssystem für die Sekundar- und Oberstufen mit eingegliedert hat.

Es gibt im japanischen Budo ein breites Spektrum von Ansichten, ein Spektrum, das so breit ist, dass sich die Meinungen an beiden Ende völlig widersprechen. Dies heisst aber nicht, dass nur eine dieser Ansichten richtig ist.

Es gibt verschiedene Ansichten über die richtige Ausführung der Techniken. Vorgestern erklärte ich hier in diesem Seminar, dass im feudalen Japan, das traditionelle Bogenschiessen je nach Kaste2 seine eigenen Techniken hatte. Der Samurai schoss den Pfeil anders, als zum Beispiel der Bauer. Letztere mussten für die Ernährung Tiere erlegen können, was eine andere Technik und weniger Etikette erforderte. Im Ju-jutsu des Kodokan wird zum Beispiel auch am Boden weiter gekämpft, etwas was die Samurai absolut ablehnten. Für jede Stufe gibt es die richtige Art zu denken und die richtige Art der Technik.

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