Lia Suzuki

das Gespräch führte Prof. i.R. Thomas Christaller

Lia Suzuki in Berlin 2019
Lia Suzuki in Berlin 2019

Prof. i.R. Thomas Christaller: Lia Suzuki, schön, dich hier in Deutschland, in Berlin, bei diesem tollen Seminar zu haben, zu dem wir eingeladen sind. Ich habe einige Fragen von Horst Schwickerath. Mit besten Grüßen von ihm ist die erste Frage natürlich sehr offensichtlich: Wann hast du das erste Mal mit dem Aikidō angefangen?

Lia Suzuki: 1982


Hast du noch ein paar Anmerkungen dazu?

(Lachen)

Sicher. Du weißt, dass es im Dezember 1981 gewesen sein könnte. Jedenfalls war es Dezember. Ich war auf der Suche nach etwas zu tun. Vor dem Start des Aikidō war ich eine Wettkampfreiterin und plötzlich reitete ich nicht mehr, weil ein paar der Pferde krank wurden und es gab einige Veränderungen bei meinem Trainer. Also habe ich mir einen Jūdōkurs angesehen, auch einen Kung-Fu-Kurs und einen Tai Chi Kurs. Keines sprach mich wirklich an. Ich fühlte mich zu keinem hingezogen. Tai Chi erschien mir zu langsam – der Jūdō-Lehrer und der Kung-Fu-Lehrer wirkten beide irgendwie militaristisch oder so und das passte nicht zu meinem Weltbild.

Dann sah ich Aikidō. Am Ende sah es für mich völlig unecht aus. Aber alle schwitzten und lächelten. Da ein einmonatiger Weihnachtsurlaub von der Universität vor mir lag, der am nächsten Tag begann, dachte ich: »Ich tue besser etwas als gar nichts, sonst wird es mir langweilig. Also werde ich diese seltsame Kampfkunst nur für einen Monat machen. So fand ich die echte Kampfkunst für mich.« Das ist meine Geschichte.
(Lachen)


Also hast du deine echte Kampfkunst gefunden.

(Lachen)

(lacht immer noch) Ja.


Da du eben von deinem Start erzählt hast, kannst du bitte ein wenig über dein Leben erzählen?

Sicher. Meinst du mein Leben seit Beginn des Aikidō? Oder …


(lacht) ja, wir sind in einem Alter, in dem dies eine lange Geschichte ist.

(lacht) ja.

Aber vielleicht kannst du einige kritische Ereignisse im Zusammenhang mit Aikidō herausgreifen?

Sicher. Nun, du weißt, wie ich aufgewachsen bin … Ich bin mit zwei älteren Brüdern auf dem Land großgeworden. Die nächsten Nachbarn wohnten etwa 1 Meile [1,6km] von uns entfernt, wenn ich spielen oder etwas tun wollte, musste ich einen Weg finden, um mit meinen Brüdern auszukommen. Nicht kämpfen. Es war eine Herausforderung.

Und mein jüngerer Bruder, war ein Athlet, unglaublich kompetitiv, äußerst athletisch und »hyper« – weißt du, ein »Energieball«. Also wollte er jemanden, mit dem er Baseball spielen konnte, Football [amerikanisches] und all diese Dinge. Der ältere Bruder war eher »der intellektuelle Künstler«. Er weigerte sich einfach. Er sagte: »Nein, das will ich nicht. Das langweilt mich.« Es hatte etwas, diese Art … So hatte ich keine Wahl – Der athletische Bruder ist eine Art … (Lachend) zwang mich, viele Dinge zu tun. Es hat irgendwie geholfen, dass sich meine körperliche Seite wohlfühlte. Wir haben unser waze erfunden, um Baseball zu spielen. Da wir kein Team hatten, mussten wir uns Phantasie-Teams aufstellen: »OK, diese Jungs hier drüben … unsere Phantasie und diese imaginären Baseballteams … Die Spiele gingen über Stunden –   5, 6 Stunden, weißt du, und er änderte laufend die Regeln, als gäbe es 20 Spielrunden in einem Spiel [ein Spielabschnitt heißt innings, ein Spiel hat 9 innings »Schlagrunden« a.d.R.] – solche Dinge eben, so dass ich den ganzen Tag weiterspiele. Bewegung, keine Puppen oder so.«
 
Wie auch immer,  das Interessante war, dass ich dann das Reiten fand. Ich habe das viel besser gemacht als Bälle – weißt du, Fußball, Baseball … Das war nie meine Spezialität. Oder gegen die Uhr zu rennen. Du weißt schon, 100 Meter laufen und versuchen, morgen schneller zu sein. Oder als Mitglied der Mannschaft, die einen Ball jagt – darin war ich immer ziemlich schlecht. Aber ich war, dadurch dass mein Bruder mich fast täglich zum Spiel mit ihm drängte, besser als die anderen Kinder in meinem Alter. Dazu bin ich aber nicht von Natur aus hingekommen, sondern durch ihn.

Aber auf einem Pferd zu reiten, in gewisser Weise … das hat etwas in mir geweckt. Es hat mich wirklich begeistert. Und ich mochte den Aspekt des Reitens wirklich sehr, ich mit etwa 62 Kilo und das Pferd mit etwa 500 Kilo … Wenn du mit dem Pferd kämpfst, gewinnt das Pferd – Physik. Aber wenn du dich mit ihm gemeinsam und kooperativ bewegst, ist es magisch – mühelos. Es ist eine Menge harter Arbeit, um an den Punkt der »Mühelosigkeit« zu kommen.

Natürlich war mir damals nicht klar, dass dies eine wirklich gute Vorschau – Grundlage für den zukünftigen Einstieg in das Aikidō war. Denn alles, was ich gerade gesagt habe, kann man im Zusammenhang sehen. Jetzt gibt es eine Menge Leute, die auf verschiedene Weise trainieren. Einige von ihnen versuchen von Anfang an, diese Mühelosigkeit zu erreichen. So war es nicht, als ich anfing. Wir haben sehr hart gearbeitet, immer im eigenen Schweiß getränkt, um unser Zentrum, unsere Beine, sowie die Kraft unseres Unterkörpers, zu entwickeln. Ich muss gestehen, dass mir  diese Idee gefällt, sehr hart zu arbeiten, sich intensiv viel Mühe zu geben, hoffentlich, endlich, letztendlich, die Dinge mühelos zu erledigen. Mit den Pferden war es im Endeffekt das gleiche.

Das hat mich also ins Aikidō gebracht. Das hat dazu beigetragen, die Faszination zu erhalten. Ich mag die Idee, dass diese Anwendung der mühelosen Bewegung zusammen mit einem anderen Wesen eingesetzt wird. Ich mag auch die Tatsache, dass es im Aikidō kein Endergebnis gib – du bist nie fertig. Einige Leute hassen das an dem Aikidō – sie wollen das Ziel erreichen und sich dann entspannen. Ich bin die Art von Person, die sich, kurz bevor ich ein mir wichtiges Ziel erreichen werde, normalerweise die Messlatte für mich selbst höher lege. »OK, es ist gleich da, ich hole es trotzdem, also ist es nicht mehr interessant. Nein, jetzt greife ich zu einem weiter, höheren Ziel.«

Ja, das ist so ein Punkt, den ich am Aikidō mag.

Um auf die Frage zurückzukommen, mein Leben, meine Aikidō-Karriere, als ich anfing … Nun, ich habe in Japan trainiert. Hart geübt, mit so vielen hochrangigen Personen wie nur möglich. Ich jagte sie. Ich folgte ihnen sogar zur Bar. Ich setzte meine Ellbogen ein, um neben denen zu sitzen – denen die aussahen, wie ich aussehen wollte. Meine damaligen Modele waren alle Männer. Es gab eine Frau, die, als ich in Japan ankam, einen höheren Rang als ich hatte. Es war also eine Inspiration. Am Ende habe ich sie im Rang überholt, aber sie ist natürlich immer noch eine Inspiration für mich. Die anwesenden Männer, von denen es viel gab, hatten  alle einen viel höheren Rang … Außerdem waren sie fast immer anwesend – mit ihnen konnte ich üben. Sie waren besser zugänglich. Ich habe sie nur einmal pro Woche gesehen – sie waren so inspirierend, dass alles gut lief. Es hat mir nichts ausgemacht. Ich hatte ja eine gute Schule gehabt – meine beiden älteren Brüdern, ohne andere Kinder um mich herum, so fühlte ich mich wirklich sehr wohl.
Viele Frauen sagen: »Ich wünschte, es gäbe mehr Frauen im Dōjō, aber mir machte es nichts aus. Ein wenig hat es mich damals betrübt, dass wir keine Frauen von wirklich sehr, sehr hohem Niveau hatten. Ich denke, dass am Anfang die einzige andere Frau neben mir im Dōjō, den dritten Dan hatte – aber es gab viele Jungs, die waren 5. und 6. Dan.

Und ich erinnere mich peinlichst, ich war sandan und sprach mit einer anderen Frau, sie war kohai. Vielleicht war sie ein shodan oder so. Wir redeten, tranken ein Bier und ich sagte: »Es ist so frustrierend. Ich möchte… Warum haben wir nicht eine Daisempai-Frau?« Ich meine, jemand, der viel, viel höher graduiert ist als wir. »Warum haben wir nicht eine Daisampai-Frau? Wir brauchen es wirklich. Und blah blah, und blah blah … Warum passiert das nicht?«

Mir war zu dem zu dem Zeitpunkt dieses Gespräches wirklich nicht bewusst, dass ich die höchst graduierte Frau in unserer Organisation war – ich war ein Sandan. Sie schwieg, sie sagte nichts – sie hörte mir zu, wie ich meinen Chor immer und immer wieder wiederholte. Schließlich wagte sie es, ihren Sempai zu schimpfen – sie nahm allen Mut zusammen, sah mich an und sagte mit leiser Stimme: »Du bist es.« Ich sagte: »Was? Was meinst du damit, was meinst du damit?« Sie sagte erneut: »Du bist es.« Weiter sagte sie: »Bitte kommt öfter ins Dōjō.«

Zu der Zeit ging ich ungefähr zweimal pro Woche in das Dōjō, weil meine Firma …  Es gab eine ökonomische Krise. Ich musste viele Stunden im Büro verbringen, aber nachdem sie mir das gesagt hatte, fand ich einen Weg, meinen Zeitplan neu zu organisieren. Es war so stark. Es war so mächtig.

Und dann öffnete ich meine Dōjōs in den USA. …Lesen Sie mehr, in der Edition des AJ 98DE

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