Jürg Steiner in seinem Dojo Centre Kumano in Biel-Bienne/CH.

Jürg, Du bist innerhalb Biel mit Deinem Dojo, vor noch nicht allzu langer Zeit umgezogen, warum?

Es erscheint mir schon wie eine Ewigkeit, aber es sind erst sieben Monate, dass wir hier in Ernst-Schüler Strasse das Centre Kumano neu eröffnet haben. Das alte Dojo war von der Fläche her zu klein geworden. Für den Start war es ok, aber nach zwei Jahren brauchten wir einfach mehr Platz. So ist aber auch die Atmosphäre ein wesentlich bessere, vom so genannten »Betonbunker« sind wir hier in diese hellen von Licht durchfluteten Räume gekommen.

Es war auch mein Wunsch ein Dojo im japanischen Stil zu führen, z.B. mit dem korrektem Kamizama, so dass es eine Ausstrahlung im Sinne des japanischen Kumano Juku Dojo hat und auch dort akzeptiert würde.

Dazu hat im vergangenen August auch noch Anno Sensei mit einem wunderbaren Lehrgang und der entsprechenden Schinto-Eröffnungsfeier diese Räume eingeweiht. Alles in allem eine positive Wandlung.


Du praktizierst aber nicht nur Aikido in diesen Räumen?

Ja, ich bin ja auch ausgebildeter Therapeut. Neben den täglichen Therapien führe ich ausserdem Seminare für Fussreflexzonentherapie und Meridianarbeit durch, die hab ich aber auch schon im alten Dojo gemacht. Man kann zusammenfassen, dass ich ausser Aikido hier Shiatsu, Meridian-Massage und Fussreflexzonen-Therapie anbiete.


Haben die Schüler das neue Dojo gut angenommen?

Sie waren alle begeistert, die meisten haben auch mitgeholfen beim Umbau. Wenn du einen Raum betrittst, der ein natürliches Licht beherbergt, dann fühlst du dich wohl. Das ist es, was dieses Dojo hier ausstrahlt. Ausserdem liegt das Dojo immer noch zentral, der Stadtpark ist um die Ecke, dort können wir auch Bokken und Bojitsu praktizieren.


Risiko bildet die Basis unserer Menschlichen-Entwicklung. Ein Unternehmen bzw. ein Dojo, das kein Risiko eingeht, hat auch wenig Entwicklungsmöglichkeiten. Ein Dojo sollte ca. 60 Mitglieder haben, um sich entwickeln zu können.

Wenn man berechnet, dass täglich trainiert wird, Räume, Tatamis und Nasszone, sprich Dusche benutzt werden, ein Trainer anwesend ist, eine Räumlichkeit für soziale Bedürfnisse zur Verfügung steht, dann sind die Beiträge eigentlich lächerlich gering. Da aber Aikido oft in Vereinen angeboten wird, sind die Beträge durch »kommunale Subvention« derealisiert, und viele meinen, in einem richtigen Dojo mit den meist immer noch zu niedrig angesetzten Beiträgen »beraubt« zu werden.

Oh ja, die Präsenz ist ein riesiger Faktor, damit die Aikidokas Freude haben können beim Training, eben das notwendige »Misogi«, durch dieses Training erfahren zu können. Dazu braucht es Geduld, Einsatz, Disziplin und Freude auf diesem Lebensweg zu arbeiten. Sicher ist es eine Passion, die enorm Dankbarkeit bringt, leider aber auch nicht mit der Ökonomie korreliert.


Qualität.

Aikido ist eben kein Sport, vor allem kein Massensport, Aikido ist Budo. Es ist eine Kampfkunst.

Wir haben keine Regeln wie im Karate oder Judo, dadurch ist das Potenzial infinitiv. Das Timing ist immer anders, je nach Angriff, nach Geschwindigkeit, nach Person, Grösse oder Kraft – immer wieder individuell und neu. Dadurch können wir auch enorm viel lernen, ein Leben lang, ohne dass es eintönig wird. Qualität ist relativ, ich denke aber, dass meine Jahre in Japan mir auch etwas Qualität beigebracht hat. Die Qualität sieht man am besten bei den Schülern im Dojo, sie strahlen ja aus, was und wie der Lehrer unterrichtet.
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Du hattest Anno Sensei und Tasaka Sensei hier bereits eingeladen, warum?

Nun zum einen ging es in den alten Dojoräumen nicht, es war schlichtweg zu eng. Und ich hoffe durch die Präsenz von Meistern wie z.B. Motomichi Anno Sensei, dass Aikido in seiner ursprünglichen Art gesehen werden kann und dass die Schüler verstehen lernen, warum ich auf diese Art unterrichte; warum Disziplin, Einsatz, Respekt und auch Nächstenliebe wichtig sind. Zumal ja Anno Sensei mit seinen 72 Jahren und 50jähriger Budoerfahrung nicht nur ein bekannter Meister im Technischen ist, sondern für mich zeichnet ihn viel mehr sein »spirituelles Aikido« aus. Es ist eben ein Unterschied, ob du zwei- oder dreimal die Woche auf den Tatamis bist oder dein Leben darauf verbracht hast...

Hikitsuchi Sensei hat immer gesagt, dass bis zum dritten Dan Aikido immer rein technisch ist. Diese Technik muss dann perfekt »sitzen«. Ab dem vierten Dan muss das Spirituelle mit einbezogen werden, ab dem fünften Dan muss man sich auch im sozialen Umfeld seines Lebens bestätigen, das heisst im Dojo, bei der Arbeit und im privaten Leben. Es wird auch auf den Lebenswandel geachtet. Dieses wird im »Kumano Juku Dojo« bei der Prüfung zum »go dan« miteinbezogen. Es gibt keinen »go dan«, wenn keine spirituelle Entwicklung und kein korrektes Sozialleben zu erkennen ist.

Ich denke, dass man das in Europa, im Westen allgemein, nicht so streng sieht.


In Japan wird doch nach der Arbeit gerne gemeinsam etwas getrunken.

Ja, in gesundem Mass, z.B. nach einer Zeremonie, wird sehr gerne auch mit dem Sake angestossen – auch im Dojo – mit dem Sake vom Dojo Schrein. Ein solches gemeinsames Trinken stellt dann einen Teil des Soziallebens dar. Durch das Trinken entstehen eben auch lustige und freudige Diskussionen. Es kommt aber auf das Mass der Dinge an.

Wer in Japan Budo praktiziert, egal, ob das Kendo, Aikido, Karate oder was auch immer ist, der präsentiert etwas, sei es Ehrlichkeit, Disziplin, Selbstdisziplin etc.. Du hast einen Status, wenn du Budo praktizierst, du stellst dem Volk gegenüber etwas dar, das musst du vertreten. Du bist verantwortlich für das, was du machst und wofür du lebst. Ab dem fünften Dan hast du einen Status, man hat Respekt vor dir, deshalb musst du dich auch korrekt verhalten.

Die Budowelt in Japan ist sehr konservativ. Das ist natürlich von Dojo zu Dojo sicher auch noch verschieden, ältere Lehrer beispielsweise sind wie überall strenger. Die japanischen Dojos sind sehr diszipliniert, Toleranzen werden kleiner geschrieben.


Wachse ich dort hinein?

Es ist ein Reifeprozess, für beide Seiten.


Habe ich als Westler nicht Angst, in eine Abhängigkeit zu geraten? Wie erkenne ich die Gefahr. Als Westler bin ja nicht gewöhnt, in einer Kollektivgesellschaft zu leben. Aber in eine solche muss ich mich einleben, sonst kann ich meinen Meister gar nicht verstehen, diese nonverbale Sprache nicht entziffern. Der schwierige Punkt für uns Westler ist es wohl, die Grenzen, die Machbarkeiten zu erkennen?

Richtig.


Wann erreiche ich das Niveau des Fühlens, wann kann ich die eigentliche Sprache vergessen? Wann hast das du gespürt, gefühlt?

Eine schwierige Frage... ich bin immer noch am lernen... zu fühlen, zu spüren... ich habe noch sehr viel zu lernen! Das macht Aikido so schwierig, fast nicht fassbar; viele Aikidokas scheitern wohl auch daran.

Ich persönlich habe enorme Entwicklungen durchgemacht in Japan. Erlebnisse guter und auch schlechter Art. Ich hatte Zeiten, da konnte ich das Wort Disziplin nicht mehr hören, es hat mir »abgelöscht«. »Budo Ade«! Bis ich dann, nach einiger Zeit »eine neue Tür geöffnet habe«.

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