Interview mit Roland Spitzbarth, Zürich

Er befand sich auf einer Weltreise, lernte Aikido in San Francisco kennen – und Saito Sensei gleich dazu…


Roland Spitzbarth in seinem Dojo, in Zürich.

Ich befinde mich in Zürich in der Limmattalstraße in einer Gold- und Silberschmiede, deren Gründung über 100 Jahre zurückliegt. Im ersten Stock, über der Gold- & Silberschmiede, liegen 78qm Tatami eines Dojos, das von Roland Spitzbarth geleitet wird. Auf einer Visitenkarte, die ich im Schmuckgeschäft entdecke, steht, dass man hier „traditionelles Aikido“ erlernen kann.

Kurz darauf stehe ich vor einem 60-Jährigen mit leicht gebeugter Haltung, dem man auf den ersten Blick seine Agilität nicht ansieht. Da mich die Worte „traditionelles Aikido“ an Iwama und Saito Sensei erinnern, stelle ich die Frage, ob Saito Sensei sein Lehrer war. Herr Spitzbarth bejaht dieses und erzählt von seinen Anfängen im Frühjahr 1976. Als 28-Jähriger befand er sich auf einer Weltreise, und San Francisco erschien ihm angebracht, und um wieder ein wenig Boden unter den Füßen zu spüren. So entschied er sich, dort für ein Arbeitsjahr zu bleiben. Aber es sollte schon ein wenig mehr sein als nur Arbeit…

Die laut geäußerten Gedanken führten zu Tipps von anderen, die zum Beispiel auch Aikido praktizierten, mit dem Hinweis: „schaue es dir mal an!“ Yoga schwebte ihm auch vor, und so besuchte er ein Studio, wo man seine Schuhe draußen lassen musste… Das war nicht „sein Ding“, meint er noch heute. So begann er seine ersten Schritte in San Francisco in einem Dojo, das sich „Aikido of San Francisco“ nennt und von Bill Witt, Frank Doran und Robert Nadeau geleitet wird, gelegen im ersten Stock an der Ecke Turk und Van Ness Street.

Auch dort mussten die Schuhe ausgezogen werden. Da er zu spät kam, schaute er nur fasziniert zu. Aber mehr noch beeindruckte ihn, dass der Lehrer Bill Witt während des Trainings zu ihm kam und ihn ansprach. Spitzbarth beschreibt es: „er kam direkt in meinen Kopf – als hätte der Trainer genau gewusst, was ich denke... Wenn das jemand kann, dann interessiert mich das – so blieb ich für 18 Monate, trainierte täglich und partizipierte auch am Training mit Frank Doran und Robert Nadeau, da sie sich die Trainingszeiten im Dojo teilten, und bekam auch Saito Senseis Besuch mit.“

Bill Witt bezeichnet er als Saito Schüler, Frank Doran und Robert Nadeau als Hombu-Dojo-Schüler, wobei er Nadeau als jemanden sieht, der mit der Zeit sein eigenes Aikido entwickelt habe. Diese Drei teilten sich die Trainingszeiten im Dojo, so war es für Roland Spitzbarth möglich, in seinen ersten anderthalb Jahren fast täglich zu trainieren.

Sein Aufenthalt in San Francisco war geprägt durch seine „Arbeit auf dem Bau (Renovierung) und das fast tägliche Aikidotraining“. Anlässlich des zweiten Besuches Saitos in Californien, schaute er, da blutiger Anfänger, dem Training von Saito Sensei begeistert zu. Anschließend nahm er eine Woche an dem noch heute alljährlich stattfindenden Sommercamp teil. Der Erfolg war ein fast perfektes ukemi. Zurück in San Francisco, wurde im Dojo sofort erkannt, dass die Vorwärtsrolle und der Überschlag nun saßen…

Ein intensives Training, sagt Spitzbarth, ist grundlegend für jeden Anfänger, denn mit einem ein- oder zweimaligen Training pro Woche kommt man nicht weit, da fehlt die Kontinuität, die für die Entwicklung notwendig ist. Effektiver noch sieht er ein Uchi Deshi-Training, am besten in Japan.

Durch die drei unterschiedlichen Lehrer – und auch manche anderen Schüler aus dem „Turkstreet Dojo“, die heute eigene Dojos betreiben, war kein Raum für Dogmatismus, und die große Bandbreite des erlernten Aikidos öffnet den Menschen.
Spitzbarth hat viel Gegenteiliges gesehen, dessen Ergebnis war, dass die Schüler nach Jahren noch an die „Alleinherrlichkeit ihres Lehrers und dessen Stil“ glaubten.

Sein eigener heutiger Unterrichtsstil sei eben durch diese Bandbreite geprägt, auch fordere er seine Schüler immer wieder auf, über den Tellerrand hinweg zu schauen, um nicht zu Deminieren. Trotzdem aber bleibe er traditionell, weil er der Meinung ist, dass das, was O Sensei an Techniken je zeigte und vermittelte, vollkommen ausreichend sei, da bräuchte man „nichts neu zu entwickeln“ – „diese Tools seien ausreichend für ein Leben“, denn das System sei sehr stark und umfangreich.

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