Yukio Shimizu Kendolehrer Teil 2

Yukio Shimizu Kendolehrer von Köln

Yukio, nach dem Samstag morgen Training.
Yukio, nach dem Samstag morgen Training.

… wie lange bleibst du jetzt in Deutschland?

Ich bleibe noch bis Freitag, dann geht es wieder in den Süden – danach muss ich noch nach Ungarn…
 
… hmm, Ungarn, das ist aber auch nicht so einfach, oder?

Meinst Du das politisch?

Ja. Man hört und liest in letzter Zeit wieder viel von dem Präsidenten Orban …

Ja, Europa hat sich den Fehler erlaubt, oder vielleicht sollte man sagen, sie träumen von Qualität, wenn sie von 16 auf 27 Länder vergrößern – um vielleicht so mit dem Holzhammer die Idee Europa in die Köpfe der Menschen zu „zaubern“, die Jahrzehnte national dachten, statt bei maximal neun zu bleiben und dieses zu Europa auszubauen, um dann reife Länder auf zunehmen, ohne nationale Identität, als Europäisches Land, mit zum Beispiel der Region Polen oder Schweden … 

Genau wie bei uns im Budo-Klub. Wenn wir mehr Mitglieder bekommen, wir aber im Kern nicht stabil genug sind, dann beginnen schnell alle möglichen, besser unmöglichen Probleme. Wenn aber der Kern stabil ist, kann man ruhig und vor allen langsam wachsen. Automatisch kommen dann auch nur bestimmte, eben die richtigen Leute – diese müssen dann auch nicht selektioniert werden. Zwar sind alle begeistert, wenn die Mitgliederzahl schnell steigt, aber proportional gehen dann auch die Probleme einher. Es werden Ansprüche gestellt, die gar nichts mit dem Klub oder dem Kendo zu tun haben … das verläuft adäquat wie in Europa – im Großen wie im Kleinen. 

In Japan wird Kendo in den Schulen unterrichtet, nicht wahr?

Seit letzten Jahren ist es ein Pflichtfach geworden, die Kinder müssen ab 13 Jahre Judo oder Kendo wählen. Man hat natürlich, jetzt nach einem Jahr, noch erhebliche Probleme. Es gibt keine ausreichende Zahl an Lehrern, vor allen an qualifizierten Lehrern. Hallenprobleme gibt es auch, weil die normalen Turnhallen nicht sehr geeignet sind um den Geist zu vermitteln, der im Budo wichtig ist.

Das Problem hast Du aber auch in Deutschland, meistens wird in Turnhallen die Tatami verlegt und ein Bild von Osensei hingestellt und fertig ist das Dojo – in Frankreich ist es genauso.

Aus dem Grund lasse ich immer eine Fahne – koshitankai - in der Mitte aufstellen und die traditionelle Dojobegrüßung – dojo nirei muss ausgeführt werden. Dies ist ein wichtiger Aspekt im Budo. Wenn diese Form nicht eingehalten wird, dann gleich es schnell einem Turnunterricht, der Respekt geht verloren.
Es ist wichtig im Kendo, dass gewisse Stufen erhalten werden, dass das shuhari eingehalten wird – das shu ist das Erlernen bis zu einem gewissen Niveau –  das ha soll die eigenen Gedanken beinhalten. Die Wichtigkeit der eigenen Gedanken darf man nicht unterschätzen. Das ri ist dann die übergeordnete Stelle des Osenseis. So kann die Gewissheit hergestellt werden, dass dies weiter gegeben werden kann. Das ist dann wie ein stabiler Kern. Wenn das nicht beachtet wird, dann singt die technische Qualität, oft fehlt dann auch die menschliche Qualität, was dazu führt, dass die Überheblichkeit das geistige Zepter übernimmt, mit der Folge, dass solche Leute sich als Lehrer darstellen… das sind und bleiben meistens „mini-ri“ Leute. Letzteres bereitet die meisten Probleme – denn Budo ist nicht nur eine Angelegenheit der Technik, sondern auch des Charakters.

Das sollte so sein – ich sagte oft, weil es im Aikido keinen Kampf gibt, fehlt die Realität.

Bei Kendo gibt es ja den Kampf, da bemerkt man ob da einer besser ist, wenn man stark ist, dann hat man meistens ein starkes chi, dieses chi und die Stärke korrelieren miteinander. Aber die Personen arbeiten nicht miteinander, man ist egoistisch. Im Aikido ist ein großes Miteinander, hier aber fehlt, wie ich es oft sehe, das chi. Das chi ist eine geheimnisvolle Kraft, keine physische Kraft. Eine Kraft, die aus dem Zentrum kommt.
Leider sieht man im Aikido den uke sehr schnell, oft mit theatralischen Geräuschen verbunden, ohne wirklichen Grund fliegen – es fehlt ein wenig das go no geiko, damit der Tori erkennt, wo die Grenze zur Realität ist. Sonst kann er den Boden unter den Füßen verlieren und in einem Jahr Osensei werden.
Vor allen aber muss die richtige Atmung erlernt werden, auch muss verstanden werden, dass nicht nur wir existieren, sondern, dass wir nur ein Teil – ja nur ein Teilchen der Natur sind. Leider kapieren wir das nicht und wenn, dann sind wir Weltmeister im Verdrängen. 
Denke nur an die Erfahrung der Japaner mit der Atombombe zum Ende des zweiten Weltkrieges und nun sind sie die, die ohne einen Funken an Verantwortung Atomkraftwerke bauen und betreiben. Nach einem Unglück wie am 11. März vorletzten Jahres, belügt man die Menschen ob der wirklichen Gefahr – man muss ja nichts befürchten. Das ist wirklich schlimm was die Japaner da machen.

Hast Du in der Schule mit Kendo begonnen?

Ja, mein Lehrer hat mich dazu gezwungen. Ich hatte mir eine Verletzung im Baseball zugezogen und so den Sport ganz sein gelassen. Heute meine ich, dass mein Vater und mein Lehrer sich kurzgeschlossen haben und so kam der große Finger auf mich zu… ich musste dann mit zum Kendo, mein Lehrer sagte mir, dass es gefährlich sei, einfach so aufzuhören. So habe ich dann noch sieben Monate in Japan Kendo gemacht.
Ja, das ist schon interessant, was einem im Leben so passiert – wenn ich damals in Japan damit nicht begonnen hätte, dann hätte ich in Deutschland nie damit angefangen.
Da ich in Deutschland nicht Deutscher werden wollte, musste ich etwas suchen, was mir meine Identität erhielt. So wählte ich das Kendo – leider habe ich mein Ziel, den 8. Dan, nicht erreicht. Ich habe es drei Mal versucht und es nicht geschafft. Dadurch habe ich viel auch über mich gelernt. (lacht) Außerdem ist das nun wirklich nicht das Wichtigste im Leben. Ich kann auch so weitermachen – ob siebter oder achter Dan… wichtig ist, dass wir zusammen Freude am Training haben und so zusammen weiterkommen. Das geht auch nicht, dass ich mich hinstelle und sage, „so, ich bin der Lehrer …“, Nein, man muss zusammen trainieren.
Der Mensch muss sehr aufpassen, was er tut – nimm das Beispiel die Olympischen Mannschaft im Judo, wie diese sich bis aus Blut untereinander gemobbt haben, auch im Basketball kam das vor, wie in den Schulen. Das Menschliche geht verloren, es geht nur noch um den Zweck. Im Kendo gibt es auch eigenartige extreme Formen des Trainings, dadurch verliert das Kendo an seiner Basis. Der Zwang hilft Niemanden.

Gudrun AJ: Als Du nach Deutschland gekommen bist, war da das Kendo hier schon bekannt?

Ja, in allen europäischen Ländern. Ein Herr Kasbach war in Japan und als er zurückkam gründete er in Wiesbaden eine Kendogruppe, die erste in Deutschland. Ich selbst habe ja in Pforzheim trainiert. In Wiesbaden kam dann Dieter Ott und Volker Rieman, der später ganz zum Aikido überging…

Was ist Kendo für Dich?

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