Gespräch mit Thorsten Schoo azs Frankfurt. Teil 1

Thorsten Schoo, Jg. 1964, 3. Dan Aikikai, 3. Dan FFAAA, direkter Schüler von Christian Tissier. Studierte Philosphie, Germanistik u. Kunstgeschichte in Heidelberg und Frankfurt a.M. sowie Sport und Religionswissenschaft in Frankfurt a.M.

1991 waren wir Zeltnachbarn
in St. Mandrier – auf dem traditionellen Tamura-Stage

»Thorsten, in jüngster Zeit kursieren in der Aikido-Welt Gerüchte über Dich: Da soll es Aus-schreibungen in Schweden geben, wo Du als 4. Dan auftauchst. Christian Tissier – Du entschuldigst – gibt auf meine Nachfrage hin an, Du hättest gerade den 3. Dan gemacht. Gra- duierst Du Dich nun selber hoch?«

(Lacht) »Nein, das ist doch eine völlig absurde Idee. Die Geschichte ist die: Ich bin dieses Jahr eingeladen worden, auf einem grossen Sommercamp in Schweden, an dem mehrere Lehrer teilnehmen, zu unterrichten. Die Verantwortlichen kannten mich zwar seit langem, wussten aber nicht über meine Graduierung Bescheid. Man hat von Schweden aus per e-mail wohl nachgefragt. Aber ich lese meine elektronische Post nicht in regelmässigen Abständen, und vielleicht mussten die Ausschreibungen schnell gemacht werden, ich weiss es nicht. Ich freue mich jedenfalls, dass man mich als 4. Dan eingeschätzt hat. Gleichzeitig möchte ich aber die Gelegenheit des Interviews nutzen, um das Missverständnis zu korrigieren: Ich bin 3. Dan FFAAA, 3. Dan Aikikai und habe meine Prüfung of-fiziell vor dem französischen Prüfungskomittee in Paris, im Juni dieses Jahres abgelegt.«


»Na, dann können wir ja jetzt anfangen. Thorsten Schoo, Du leitest das Aikido Zentrum in Frankfurt am Main. Wie begann Deine Aikido-Geschichte?«

»Die begann im Winter 1989, am Ende meines Philospiestudiums. Das war eine verkopfte Zeit. Ich hatte die Idee, die wesentlichen Fra-gen über mich und das Leben theoretisch lösen zu können. Auf das AIKIDO brachte mich ein Studienfreund, damals 3. Dan Karate.

Mit meinem ersten Lehrer, Ottmar Gendera, hatte ich grosses Glück. Nach dem Training diskutierten wir nächtelang. Er konnte mich dort »abholen«, wo ich gerade war. Nebenbei wurde ich mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass hier und jetzt die Musik spielt. Ich verdanke dieser Anfangszeit sehr viel.

Mein zweiter Lehrer war Zenon Kokowski, ein Schüler von Tamura Sensei. Zenon gibt heute noch in Frankfurt Training. Ein sehr integerer und sehr bescheidener Mann. Es ist mir schwer gefallen, mich von ihm und seiner Gruppe zu trennen.«


»Warum trainierst Du heute nicht mehr mit Zenon?«

»Du bringst mich auf einen Gedanken. Ich würde heute tatsächlich gerne mal wieder mit ihm trainieren. Nein, ich werde ihn einladen, mal bei mir ein Training zu geben. Daran habe ich schon einmal gedacht, es aber wieder vergessen.«


»Anscheinend hast Du Dich nicht nur von Zenon, sondern auch von Deinen anderen Lehrern schnell wieder gelöst. Warum?«

»Ich hätte es lieber anders gehabt. Aber ich hatte immer das Gefühl, nicht am richtigen Platz zu sein. Es war doch mehr oder weniger Feierabend-Aikido, was wir da machten. Dabei spreche ich nicht über die Qualität, die konnte ich damals noch gar nicht beurteilen. Nein, es war mehr der Mangel an Trainingsmöglichkeiten und physischer Intensität, der mich fortzog. Zenon und Ottmar waren ja nicht die einzigen, bei denen ich in den ersten zwei Jahren trainierte. Da gab es die Takemusu-Aiki-Gruppe der van Meerendoncks, die Aikikai-Gruppe in Mainz, Volker Riemann in Idstein. Ich trainierte 7 Tage in der Woche in 5 verschiedenen Städten bei 7 verschiedenen Lehrern in drei unterschiedlichen Stilen! Das war auf die Dauer unmöglich.«


»Mit Deiner heutigen Erfahrung, würdest Du mir darin zustimmen, dass genau dort der »Fehler« lag, eben als Anfänger auf 7 Hochzeiten zu tanzen? Denn ich bin der Meinung, dass man in den ersten zwei bis drei Jahren, bei einem einzigen Lehrer bleiben sollte?!«

»Ja, es ist wunderbar, wenn man einen einzigen Lehrer hat, bei dem man gross werden kann. Nicht nur die ersten zwei bis drei Jahre. Das habe ich in meiner Anfangszeit ja so dringend gesucht!«


»Wie ging es dann weiter?«

»Schliesslich fand ich mich in Berlin wieder, um es bei Gerd Walter zu versuchen. Nun, Gerd Walter sucht nach dem Absoluten in der Bewegung.

Ich war vorher viel in christlichen Klöstern gewesen. Ich war auch in Indien im Ashram gewesen. Man ist am Anfang auf der Suche, ohne genau zu wissen, was man sucht. Ich bin jedenfalls nicht in den Klöstern geblieben. Dicke Mauern um ein kleines Fleckchen Erde herum, und die ganze Welt aussen vor, das war irgendwie nicht mein Ding. Ich bin auch nicht in Berlin geblieben. Ich empfand ihn damals als zu reduktionistisch. Sehr wenig Techniken, viel Rollen üben, Schritte üben. »Nein, erst mal hinsetzen. Wie wollt Ihr Aikido machen, wenn Ihr überhaupt nicht richtig gehen könnt? Holt die Sitzkissen raus, wir sitzen erst mal 5 Minuten.« Ich erinnere mich noch gut, dass da noch mehr Fragezeichen in meinem Kopf auftauchten. Das kann selbstverständlich nicht als Kritik Herrn Walter gegenüber gemeint sein, sondern beschreibt mein damaliges Empfinden.

Was ich brauchte, war ein Aikido, das mir festen Grund unter den Füssen und nicht noch mehr Flügel gab. Also bin ich wieder zurück nach Frankfurt. In Wiesbaden lernte ich Michael (Migo) Seibold kennen, der im Dojo von Dirk und Doris Dohse regelmässig Training gab. Das war 1992. Ich war gerade Shodan geworden. Migo schwärmte von Christian Tissier, den ich das erste Mal dann in Mannheim erlebt habe.«


»Du hattest in Christian Tissier den Lehrer gefunden, mit dem Du weiter gehen wolltest?«

»Ja. Ich half Migo und seiner Partnerin Barbara Beste, ihren ersten eigenen Dojo in Frankfurt aufzubauen, wo sie im Tissier-Stil unterrichten wollten. Weil ich handwerklich so gut wie keine Vorerfahrung hatte, bedeutete das für mich Mauern aufreissen, Löcher in Decken stemmen, Gräben buddeln und so. Mir hat das gut gefallen.«
»War dies dann die Zeit, in der Du nach Paris gegangen bist? «

»Nein, mich verband mit der neuen Schule von Migo und Barbara sehr viel. Als der Dojo fertig war, habe ich dort täglich trainiert. In einem richtigen Dojo, mit fest ausgelegter Matte, ohne die lästige Vereinsatmosphäre, das habe ich damals ungeheuer genossen. Ich studierte in einem zweiten Studiengang Sportwissenschaften in Frankfurt, um mir das nötige Wissen in Biomechanik, Anatomie, Trainingswissenschaften etc. anzueignen.

Erst als ich einen Job bei »Lufthansa Cargo« ausgemacht hatte, kam die Sache mit Paris ins rollen. Ich konnte jetzt sehr günstig nach Paris fliegen. Als auf meine Frage hin Christian mich dann einlud, zu ihm zu kommen, habe ich einen Kredit aufgenommen, Ende 1993 war ich dort.«


»Wie lange bist Du in Paris geblieben? «

»Etwas über ein Jahr. Ich führte eigentlich zwei Haushalte: Montag bis Freitag früh Training in Paris, Freitagmittag bis Sonntag dann die Wochenendschicht am Flughafen in Frankfurt. Reizvoll war der regelmässige Wechsel zwischen Blaumann und dunklem Zweireiher, zwischen Zigarettenqualm und Sekt Orange. Ich habe zu dieser Zeit viele neue Städte gesehen. Am schönsten war der Lehrgang mit Christian in Moskau, mitten im Winter, bei minus 30 Grad. Als man uns am Roten Platz herumführte, sind mir die Ohren und Christian die Nase angefroren!«

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