Gespräch mit Roger Schmocker aus Halden in drOstschweiz. ...über die Anwendbarkeit von Aikido außerhalb eines Dojos.

Ein komisches Thema. Schwierig. Wenn ich nie in gewissen Situationen war … Aber es umfasst alles und alle Punkte.


Roger Schmocker im Dojo Château du Blat.

Ein Gespräch mit Roger Schmocker, Halden/CH,
6. Dan Aikido und Mitglied vom Shibu Schweiz und dem Sugino Dojo in Kawasaki Japan.

Roger leitet die einzige Vereinigung in der Ostschweiz, die das traditionelle Aikido (Aikikai) und das Yoseikan Aikido von Minoru Mochizuki, anbietet. Darüber hinaus ist Kobudo (Tenshin Shoden Katori Shinto Ryu) Bestandteil des Unterrichts.

Im Jahr 1970 begann für Roger Schmocker seine Laufbahn im Aikido. Seinen Anfang machte er in Biel, im Aikido Club. Bis 1973 war er Mitglied der Amicale Mochizuki. Nach der Trennung von der Amicale Mochizuki, traten er und der Aikido Club dem Aikikai Schweiz (A.C.S.A.) bei. Im Jahr 1977 wechselte er in die Ostschweiz. Hier begann die Zusammenarbeit mit anderen Aikidokas aus der Region und der Anfang einer sehr lehrreichen Zeit unter Sensei Masatomi Ikeda, der neu in der Schweiz als technischer Leiter für den Aikikai Schweiz (A.C.S.A.) tätig ist. Seit drei Jahren ist er in der Kampfsportschule Bushido Romanshorn, wo er Aikido und Tenshin Shoden Katori Shinto Ryu Kobudo unterrichtet. Seit 1993 ist Roger Schmocker auch in der Tsch. Republik tätig. Jedes Jahr findet ein Lehrgang in Chomutov statt. Dazu kommen Lehrgänge in Budweiss und Prag.

http://www.shobukai.ch


Warum ist das Aïkido im Dojo anders als das, was »auf der Straße« unter Kampfkunst verstanden wird? Heute schicken viel mehr Mütter als früher ihre Kurzen ins Aïkidotraining, weil dem Aikido der Ruf des »philosophischen Sportes« vorauseilt… Schadet dies dem Aïkido?

Ja, dann kommen wir wieder auf das zurück, was wir schon besprachen, »den Tanz im schwarzen Rock«. Ich vermute aber auch, dass die Erlebnisse im Dojo für ein europäisches Kind sehr unterschiedlich im Vergleich zu denen eines japanischen Kindes sind. Nicht nur die Erziehung ist eine andere, auch die Gesellschaft setzt andere Schwerpunkte. Daraus folgt, dass das Verhalten gegenüber einer »fremdem Person« auch sehr different ist.

So wird hier im Westen schon das Kindertraining ganz anders aufgebaut als in Japan, wo alleine schon der Meister, sprich der Lehrer, eine ganz andere Respektsperson darstellt. Schon das ist fundamental, denn daraus folgt, dass das Training in Japan viel straffer organisiert ist.

In meinem alten Dojo hatte ich ca. 30 Kinder, es war teilweise katastrophal; je nachdem, was sie vorher in der Schule oder am Nachmittag erlebt hatten …; da konntest du jeden Unterrichtsaufbau vergessen, aber du kannst sie ja auch nicht zwingen… du kannst nur über den Spaß an sie herankommen, aber die Nerven … Bei der japanischen Trainingsmethode haben sie diesbezüglich weniger Probleme damit, obwohl da natürlich auch der Spaß eine Rolle spielt, aber eben nicht als »Grundvoraussetzung«.


Da fällt mir die Erkenntnis von Hiroo Mochizuki ein, dem ein Junge auf die Tatami pieselte, weil er sich nicht traute zu fragen, ob er austreten gehen dürfte. Das war für Hiroo Mochizuki ein Grund über seine Unterrichtsmethode nachzudenken. Fortan unterrichtete er nur noch mit Spaß…

Die Kehrseite, die ich erlebte, ist die, dass alle zwei bis drei Minuten einer fragt, ob er mal eben … irgendwann habe ich das gestoppt und vor dem Training gesagt: … jetzt und nicht im Training.


Wir kommen vom Thema ab.

Tori und uke sind zum einen Partner, es wird keine Situation geschaffen, »um mal Luft abzulassen«. Sonst kommt keiner mehr, oder es kommen nur sehr Wenige ins Training. Andererseits aber kann man ein Training in Richtung »Realität« hin aufbauen… bis zu einem Punkt kann man dahingehend trainieren – aber auch nicht für alle, dafür sollte man besser einen speziellen Trainingstag festlegen.

Da kommen wir sehr schnell wieder zu dem Thema, über das wir gestern sprachen, zum Angriff!

Auch wenn du zu dem uke sagst: »Greif nur an« – er wird immer einen gewissen Grad an Hemmung haben. Das ist nur natürlich, dass nie der Grad einer Kampf- oder Aggressionssituation entsteht oder gar entflammt. In diesem Zusammenhang ist es aber von Wichtigkeit, dass uke lernt, seinen Angriff zu demonstrieren, das soll heißen, dass er seinen Angriff fortführt. Nur dies ermöglicht es tori eine Situation zu erlernen, eine Technik einzusetzen – eine Technik zu verstehen; nur durch diese Erfahrung kann sich tori entwickeln.

Da wir ja keinen Wettkampf machen und die einmalige Situation haben, dass wir einen »Rollentausch« vornehmen, sind wir ja theoretisch permanent gefordert unsere augenblickliche Erkenntnis umzusetzen und in der Lage sie sofort wieder anwenden zu können. Aber das überfordert natürlich auch einige Übende. Ich sehe hierin einen der schwierigsten Momente im Aikido.

Zum anderen sind wir ja auch Angsthasen, und wenn unser Körper uns Gefahr signalisiert, dann läuft ein chemischer Prozess ab, der uns blockieren kann – das kann auch so weit gehen, dass wir das Erlernte quasi vergessen. Das mühevolle Training über Jahre und die damit verbundene Erfahrung können in einem solchen Augenblick von Angst oder von einer Blockade überdeckt werden – manche sind also nahezu verloren, paralysiert. Das Wissen ist nicht mehr vorhanden, keine Reaktion ist mehr wie früher. Es gibt hier sicherlich auch Unterschiede von Mensch zu Mensch.

Wenn man die Angst überwinden kann, dann ist in meinen Augen Aikido ideal, um in einem Straßenkampf »selbstverteidigungsmäßig« zu bestehen, denn die Aikido-Bewegungen ermöglichen eine »harmonische Kontrolle« eines Kampfablaufes.

Der Unterschied einer Kampfsituation auf der Straße im Vergleich zu der im Dojo ist sehr weit greifend, aber, wie ich jetzt auch bemerke, sehr interessant, was die Unterrichtsgewohnheit angeht.


Der heutige Zeitgeist lässt quasi kein martialisches Gedankengut zu. O Sensei entwickelte sein Aïkido in Jahren, in denen eine relativ extrem martialische Geisteshaltung herrschte. Japan lag viele, viele Jahre, z. B. mit China, Korea …in Fehde, O Senseï kam also aus einer prägenden martialischen Umgebung – trotzdem kam er, wie wir wissen, zu der Erkenntnis, dass Harmonie weiter reicht als Säbelrasseln. Zwei, drei seiner alten Schüler verließen ihn wegen "seiner neuen friedlichen Haltung", der Rest aber blieb…

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