Jean-Jacques Scheuren

… ein Gespräch in Schengen Teil 2


Jisch wwährend unseres Gespräches

… eigentlich habe ich im Dōjō einige Hochgraduierte – aber sie müssen aktiver werden, zum einen sollten sie wenigstens einmal die Woche ins Aikidō kommen, wenn nicht, dann aber alle zwei Wochen – und das regelmäßig. Besser wäre es, wenn sie einmal die Woche ein Training geben … das belebt das Dōjō-Leben – diese Vielfalt …  da steckt einiges an Erfahrung dahinter.
Oft kommen Mitglieder nach Jahren wieder ins Aikidō, manchmal steckt eine Scheidung dahinter, oder die Kinder aus dem Gröbsten heraus …
Du kannst dann nur sagen: »… die Tür steht offen«.
Wir haben darauf schon reagiert, schon länger haben wir einen Familienbeitrag eingeführt – es gibt eine Obergrenze, die Erwachsene und X Kinder beinhaltet, sie müssen dann nicht mehr bezahlen. Diese »Mindereinnahmen« muss man unter Werbekosten betrachten, denn die Familien können andere Familien nachziehen – auch hier findet ein Beleben des Dōjōs statt.

Möchtest du etwas Besonderes sagen?

Ist das die Fangfrage?
Hier in Europa ist das Aikidō europäisch geworden – in wie weit aber ist es immer noch europäisch? Wenn wir über die Grenze nach Frankreich schauen – da ist klar zu erkennen, wie wenig sie sich vermischen. Nach meiner Meinung war das, als Tamara noch lebte besser – man traf sich zum Aikidō – vielleicht träume ich, ein Wunschbild, aber ich meine, dass durch ihn eine andere Bereitschaft unter den Übenden war. Durch seine Art …
Es ist ein Markt, den die Verbände kontrollieren möchten - jeder bleibt bei seinen Leisten, es wird nicht, wie man oft hört, »über den Tellerrand geschaut«.
Yamada erzählte mir, dass zwei Asai-Schüler zu ihm als Uchi Deshi kamen - Asai hat es begrüßt.

… ich war früher bei Asai, ab einem gewissen Punkt sagt er, geht woanders hin und schaut … das sagte er schon früher.

… der Markt ist übersättigt – heute ist hier ein Stage mit drei Leuten und morgen dort einer mit vier Teilnehmern. Wenn Sensei hier ist - das ist unter der Woche, da stehen 55 Leute auf der Matte …
Das wird oft so organisiert, dass ja niemand dorthin gehen kann. Das sind doch bornierte Gruppierungen, die das kontrollieren wollen – Ich frage mich schon, wessen Geist …
Der Markt darf nicht zerstört werden – geht ja nicht dorthin …

Angst

… oder wie du vorhin sagtest, dass die Herren Meister Grade »verteilen«. Der Level ist nicht mehr korrekt, das hat sich zum Negativen verschoben, wenn ich das so sagen darf. 
Das war bei Tamura anders, ein zweiter Dan war ein Zweiter und ein Dritter war ein dritter Dan – das war zu erkennen.

… wie fandest du das, als Tamura die ersten drei Dane zusammen prüfte und dieses dann vergab, oder auch nicht.

… er sah das schon daran, wie sie auf die Matte kamen … der fällt durch, der nicht … der macht eine Bewegung, wie z. B. Shomen uchi Ikkyo, dann wusste er, wie der Level desjenigen war. Er hat es immer gesehen – ich sehe es heute doch auch, welches Niveau da herrscht.
Heute die Flut der sechsten Dane - wie du sagst, ein Haufen …
Schaue dir Yamada an, 8. Dan seit 1990 - schau dagegen einen 8. Dan von 2017 an … Das sind so viele Jahre Unterschied – Welten …

… gut, aber wir sagten es vorhin, wie Yamada früher war – auch er hat gelernt.

Ja.
Er hat mir – Nein, Noriko sagte mir das: »wir träumen so schön, in der Ruhe von Bernau«. Ich erzähle meinen Traum und Noriko sagte dann weiter: »Yamada hat geträumt, dass Doshu ihm den 9. Dan übergeben hat«.
Das darfst du nicht weitersagen – aber ich denke, dass das sein Wunsch ist …

… wer ist Noriko?

Noriko ist die Frau, die für ihn alles macht. Sie schmeißt das Dōjō, liest alle E-Mail, ist seine Sekretärin  … Sie passt auf ihn auf, sie kocht für ihn, Das birgt natürlich auch eine gewisse Verpflichtung.
Sie hat einen gewichtigen Platz in Senseis Leben eingenommen. Früher hat die Tochter diese Stelle innegehabt. Noriko macht das sehr gut … – auch der gesamte Mailverkehr. Ohne sie ginge es nicht.
Bei Tamura war es ähnlich, da war der Gonze und etliche Leute und Stéphane hat übersetzt …

Ich bin natürlich auch froh, dass mein 5. und 6. Dan durch Tamura und Yamada begutachtet worden sind … früher war es so, dass du warten musstest, bis Tamura dir das auf dem Tatami überreicht hat – erst dann galt es – heute hast du nicht wenige, die sich schon vorher selbst in den Stand heben.

Wenn du den Claude Berthiaume siehst, der hat seine Graduierung in 2004 noch von Kanai Sensei erhalten, wenn du dagegen den Dany Leclerre siehst, der hat 2017 den 7. Dan erhalten … Welten Unterschied.

… ohh, der Gute hat sich, als ich damals mit der französischen Version des AJ begann über ein Interview, dass ich schon Jahre zuvor mit Paul Muller geführt hatte, so sehr aufgeregt – es ging überhaupt nicht um ihn  … für mich war das ein Interview ohne Ecken und Kanten, aber Leclerre meinte, »dass man so etwas nicht schreibt über Christian Tissier« … er hat mir aber auch nicht gesagt was – ich weiß noch heute nicht, was er gemeint hat, aber die Herrschaften Aikidōka sind manchmal sehr speziell.
»Die heilige Kuh-Aikidō «, oder irgendetwas.


Ich finde, dass das dem Aikidō schadet, dass in das Aikidō etwas hinein interpretiert wird, was einer Märchenwelt gleichkommt.  Kennst du das?

Ja das kenne ich, es wird versucht den Sensei auf ein Podest zu setzen. Schau dir mal Tada Sensei an, ich habe gehört er faltet sein Hakama immer selbst. Oder auch Yamaguchi Sensei der war sehr einfach. Natürlich soll es den nötigen Respekt geben, die Sempai-Kohai Relation muss berücksichtigt werden. Es ist aber so, dass die Aikidō Lehrer keine Zen-Mönche sind aber viele haben sehr viel Erfahrung mit einer großen Menge an Leuten und sind vom Harmonie-Gedanken geprägt.

Du sagtest gerade, in wie weit das Aikidō noch Europäisch ist. Du bist ja oft in den Staaten gewesen – sind dort nicht viele verschiedene Stile, durch die vielen Japaner?

Auf den Sommerlehrgängen waren meistens Yamada Sensei, Kanai Sensei, Chiba Sensei und Shibata Sensei da. Das sind auch die großen Stile in den USA mit jeweils zwei Verbänden USAF und Birankai North America. Alle anderen kenne ich nicht.


Heute gibt es im Aikidō keinen Angreifer, sondern nur noch einen Partner, während Ōsensei sie noch »teki« [敵]  »Feind« nannte. Wie  siehst  du  das?
Ich habe immer gelernt, dass der Angreifer der Partner ist und nicht der Feind. Das gebe ich auch so weiter. Leider wird in einigen Richtungen das mehr martialisch ausgelegt. Die Kunst besteht darin so zu üben, dass es nahe an einen richtigen Angriff ist ohne den Partner zu verletzen. Man will ja das Zentrum des andern kontrollieren.


… Ōsensei sprach immer von teki – nach dem 2. Weltkrieg sieht man Ōsensei oft mit einem Jo, eine »spirituelle Verbindung« zum »Himmel« aufzunehmen. Aikidō soll Frieden in die Welt bringen,  er sah sich als Avater [avatāra] Erlöser für die Welt. Das passt nicht so zu Budo? Auch kam der »Partner« erst in den 1980 Jahren »auf die Tatami« …   


Im kanji Ai waren ja ursprünglich 4 Häuser unter einem Dach zu sehen, was alle Leute der Erde bezeichnete. Nachher wurde daraus ein Haus unter dem Dach, also ein harmonisches Zusammenleben. Ich glaube es gibt zwei Richtungen im Aikidō: bei den einen ist das Budo immer noch im Vordergrund, bei den anderen eher das Sanfte und die fließenden Bewegungen, jedoch mit extremer Präzision der Ausführung der Technik mit dem Partner. Ich glaube der spirituelle Gedanke des Nichtangreifens ist ein wichtiger Punkt: wer greift an? Sugano Sensei sagte immer beim Suburi schneidest du dein eigenes Ich in zwei. Auch die Zen Meister werden sich nicht erschrecken lassen von einem Blitz oder Donnerwetter.   … lesen Sie mehr in Edition 95DE

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