Jean-Jacques -Jisch- Scheuren

Ein Gespräch in Schengen


Jisch während unseres Gespräch in Schengen, neben der Mosel …

… Jisch, erzähle unseren Lesern doch bitte etwas über deinen Weg zum Aikidō.

Jisch: Ich bin über das Karate zum  Aikidō gekommen. 1981 habe ich in Zürich mit Karate begonnen, da ich mich zwar sportlich fit fühlte, aber als Wasserballspieler und Schwimmer meinte ich, dass mir etwas fehlt, um mich verteidigen zu können. So kam ich in das Karatetraining. Dort gab es aber zwei Stolpersteine – man konnte nur in den ersten beiden Wochen des Übungsjahres (Anfang September) mit dem Training beginnen und der Trainer siebte im Training kräftig aus, damit alle, die nicht so wollten, wie er meinte, dass man trainieren muss, wegblieben – es wurde nichts außer Froschhüpfer geübt. Mit dem Erfolg, dass nach den ersten Stunden meine Füße mit Blasen bedeckt waren. Ich bin davon überzeugt, dass ich noch heute deshalb Knieprobleme habe. Dann bemerkte ich, dass alle Teilnehmer neben dem Karate noch Aikidō trainierten. Aber auch dort konnte man nur am Anfang einer Übungsperiode  in das Training einsteigen – daher musste ich ein Jahr warten. Also begann ich 1982 mit Aikido – nun aber hatte ich mich entschieden, nach Luxemburg zurückzugehen, um mich um eine Lehrerstelle zu bewerben … Ich bin im Januar 1983 wieder nach Luxemburg gekommen, um meine Stelle anzutreten.



 … warum warst du in Zürich?

… ich habe in Zürich an der ETH Elektrotechnik studiert und war 4 Jahre Assistent in der Fachgruppe für Automatik, also Regeltechnik, unterrichtete und leitete Übungen etc.

Nun war ich in Luxemburg, in dem es nur ein Dōjō gab. Dieses wurde von Ernest Glesener geleitet, der dann aufhörte – es war eine Katastrophe, der einzige Ehrenamtliche und der hört auf … Er war ein Ex-Polizist, der sehr kräftig gebaut war und er hatte damals schon den 3. Dan von Tamura. So standen wir da, mit unserem 1. Kyu … Dann kam im Februar Yamada und Kanai nach Luxemburg um ein Seminar zu halten. Wir bekamen auch heraus, dass sie danach nach La Colle s/Loup fuhren. Das war eine weitere Möglichkeit für uns – anderseits kam Tamura jedes Jahr nach Luxemburg.

Ich erinnere mich noch wie heute, dass er 1983 mit einem Bus voller Leute kam – ich meine, dass es ein Europäisches Verbandstreffen war, oder so etwas. Dann kam auch noch Sugano, der für die Benelux-Länder zuständig war, zwei Mal im Jahr unter der Woche, zum »normalen Training und gab auch noch zwei Lehrgänge in Luxemburg … So war das Aikidō in Luxemburg gerettet – das war mein etwas unebener Anfang.

… aber immer noch keinen Trainer im Dōjō.

… ich hatte damals einen engen Kontakt zu Migor Seibold aus Trier, der mich dann mit zu Gerd Walter nahm.

… in Berlin

… ja, sein Dōjō war damals noch im Mehringdamm in Kreuzberg. Das war etwas total Anderes. Gleichzeitig waren da immer noch Tamura und Yamada … 

… was war total anders?

… das war die Gruppe, die den Yamaguchi-Stil wollte. So sind wir auf die Gruppe Aikidō – Zen gestoßen. Mit Lehrgängen zu Ostern, im Sommer zwei Wochen, Weihnachten.  In Elmshorn … bis 1987 machte ich das mit.
Auch Yamaguchi traf ich zwei Mal in Mannheim – ich erinnere mich, dass Tissier ihn begleitete. Gerds Schüler und auch Gerd waren damals Uke bei Yamaguchi. Gerd sagte damals, der einzige der locker ist, dass ist Tamura, alle anderen sind rigide oder sie sind zu stark.

… der kleine Mann muss ja locker sein, er kann ja nicht anders.

1987 habe ich gerade meinen 1. Dan gemacht – und Yamada, dessen Chauffeur ich war, sagte mir, »Tamura mag es nicht gerne, wenn jemand während der Prüfung viel umhergeht  und Unruhe bringt« …
Es war ja auch eine Entwicklungsphase – auch die Besuche bei Gerd waren mehr als nur ein Schnuppern …

Gudrun: … konntest du dich dann wenigstens wehren?

Nein, ich kann mich noch nicht einmal gegen meinen Hund, geschweige denn, gegen meine Frau wehren. Mein Hund zieht mich überall herum …

Gerd machte immer die Eingänge und fragte dann: »Was machst du denn jetzt …« – das hatte etwas Lehrreiches …

Dann kam die nächste Phase: Nach dem wir geheiratet hatten, sind wir öfter nach New York geflogen und trainierten bei Yamada – in Europa versuchten wir uns so oft wie möglich bei Seminaren von Tamura zu begegnen … Wir sind immer zusammen zu den Lehrgängen gefahren.

Die nächste Phase war dann, dass wir zu den Sommer-Seminaren nach Amerika flogen. Die waren schon erstaunlich, denn sie begann früh morgens, um sechs Uhr mit zwei bis drei Stunden Training, mittags und abends ebenfalls – die Lehrer wechselten sich ab und Parallelstunden waren immer angeboten.
Das war schon toll – du hast Lehrer gesehen, die du in Europa noch nie gesehen hast. Wie z. B. Chiba Sensei. Chiba hat richtiges Budō vermittelt – er erklärte die exakten Positionen und weshalb man diese einnehmen musste. Bei ihm konntest du nicht verträumt auf der Matte stehen und deine alten Sachen machen – du musstest voll konzentriert da sein. Das war ein sehr wichtiger Input!

… es war selten, dass jemand erklärte, warum du etwas auszuführen musst.

… er erklärte auch: »was ist Budō« – das habe ich nie wieder erlebt, er war der Einzige. Das ging um Gyaku hamni und dann musst du den Eingang machen … So erklärte er, warum du überhaupt diesen Eingang machen musst. »Eben, dass du in eine Position kommst, in der du dem Uke das Messer in den Rücken stechen kannst – dann hast du gesiegt.« Aber bis du dahin kommst … Und seine ganzen Schwerttechniken, einfach einzigartig. Und dann sagt Tiki, »ja ich habe das dem Chiba beigebracht, der hat das von mir«.

Wir haben dann parallel gearbeitet – ich habe Stéphane Benedetti schon früh eingeladen, weil er der Einzige war, der mir erklären konnte, wie Tamura was macht – die ganzen Feinheiten. Tiki habe ich auch früh eingeladen, weil wir dann in den Sommerseminaren die ganzen Bokkentechniken mitmachen konnten. Viele Jahre habe ich beide eingeladen, für die Seminare, aber auch um die Prüfungsordnung im Verband zu etablieren. Ich war ja lange im Verband tätig, zwei Jahre Mitglied, zwei Jahre Schatzmeister und 8 Jahre Generalsekretär – in der Zeit war ich zuständig für Aikidō.
Auch haben wir eine Struktur geschaffen, wie man die Prüfungen organisieren sollte. Lehrerlehrgänge haben wir zusammen mit dem französischen Verband veranstaltet … das waren auch sehr interessante Erfahrungen. Die Franzosen sind ja professionell wie man eine Stunde aufbaut, wie man eine Planung nach der Descartes-Methode erschafft, um etwas zu erklären (!) – während die Japaner das nicht tun, die machen es einfach …

… das war mit der FFAB?

… das war ein kultureller Austausch zwischen den Sportministerien Frankreich und Luxemburg.

In Amerika habe ich zufällig den Kanai Sensei getroffen. Wir waren in San Francisco bei der Schwiegermutter und sahen ein Hinweisschild auf ein Seminar mit Kanai Sensei, organisiert vom San Francisco Aikikai … Da haben wir natürlich mitgemacht. Mit tut heute noch der Rücken weh, wenn ich an seine Wurftechniken denke. Er hat eben immer so eigenartige Drehungen vollzogen … Es gibt noch heute einen Club in Montreal, der diese Bewegungen ausführt.
Ich erinnere ich noch, als 1983 Kanai die japanischen Dehnungsübungen machte – da war nur eine Frage: »Was macht der da?«

So, das ist so meine kleine Aikidō-Geschichte. 

… ein reguläres Training …

… 1989 habe ich mein eigenes Dōjō gegründet – ich war gerade 2. Dan. Heute würde keiner mehr mit dem 2. Dan ein Dōjō gründen – das ist keine Graduierung für einen Dōjō-cho.

… in Japan eröffnest du ein Dōjō vielleicht mit dem 6. Dan.

Tamura sagte, dass man ab dem 4. Dan den Lehrer vertreten darf.
Damals hatten wir keine andere Möglichkeit. Wir trainierten drei Mal in der Woche und am Wochenende ging es auf Lehrgänge … Ich meine, dass ich zwei Monate im Jahr auf Lehrgängen verbrachte. Dort habe ich mein Aikidō richtig gelernt.
Ab ’89 änderte sich das Alles, ein Dōjō zu leiten ist eine andere Welt. Ein Dōjō mit einer Struktur kommt einem Leiten eines Unternehmens gleich. Das beinhaltet viele Jobs,  die du da erledigen musst.

… es gibt Aussagen, die meinen, dass mehrere Stile in einem Dōjō positiv zu beurteilen sind…

… Das kann sein. Ich hatte aber einen Lehrer, der mehr oder weniger in seinem eigenen Lehren würfelte, sprich er wechselte ständig, er hatte keine Linie. Das geht nicht, eine Linie muss da sein.
Ich hörte, dass es im Aikikai Zürich so ist, dass die unterschiedlichen Stile sich nicht in die Quere kommen – es müssen befreundete Shihans sein …

Bei Tamura gab es nie Probleme - das war angenehm. Wenn auch nicht immer einfach. Seit Tamura aber verstorben ist, regnete es Dan-Grade. Leute, die gerade noch bei Tamura durchgefallen sind, erhielten auf einmal den nächsten Dan. Bei einigen Prüflingen fragte er damals schon nach zwei Minuten, wann gibt es Aperitif? Er wusste es ganz genau … – er war streng.

Gudrun: … wie hast du deine Frau kennengelernt?

… in La Colle sur Loup. Ich war mal wieder der Chauffeur von Yamada und sie war Schülerin von Yamada. Sie kam mit einer anderen Frau über den großen Teich und die Beiden sind natürlich zu Sensei, der sie gleich einlud … Dann hat sie gesehen, dass ich gut Abwaschen kann …
Wir, Yamada und die Tamuras haben nach dem Training immer schnell ein paar Nudeln gegessen und ein kleines Bier getrunken und dann ab zum Strand Siesta halten – und die Jungen haben immer Abwasch gemacht. Ich erinnere mich noch an den Osawa, der damals noch 5. Dan war, wir haben zusammen abgewaschen. Ja und dann habe ich sie nach Luxemburg eingeladen.

Ich erinnere mich, dass wir noch bis abends in Cagnes-sur-Mer am Strand lagen, dann schnell das Zelt abgebaut haben – denn am nächsten Tag mussten wir mittags in Ouchy am Genfersee in Lausanne mit Yamada zu Mittag essen … – so sind wir über die Route Napoleon gedüst. Yamada ist dann auf die Suche nach dem Ort, wo er die Asche seines Vaters in den Bergen verteilt hatte, gegangen. Das war sehr emotional.

Früher war Yamada in der ersten Woche alleine in La Colle – anschließend machte er dann das Seminar bei Klaus Broscheit in Deutschland, über viele Jahre. Die Influenz von Yamada war schon recht groß. Aber das war auch mit Tamura – es war eine persönliche Beziehung da. Auf der Matte, war auf der Matte – aber neben der Matte, war daneben.

… siehst du Yamada heute mit anderen Augen?

… er hat heute viel mehr Aufgaben als früher, er muss viel mehr bewältigen – dazu in viel mehr Ländern mit Konflikten. Die Konflikte haben sich enorm gesteigert. Er ist mehr ein Diplomat oder ein Emissär des Aikikai … Er wird für vieles eingesetzt. Es wird vergessen, dass er nach seiner Operation, doch ein 79-Jähriger ist.  Ich finde es erstaunlich, wie stark er noch ist.
Aber er hat sich auch verändert. Früher hat er einen Wein getrunken und die Leute zum Einkaufen geschickt, wir kochten … er hat aufgehört Alkohol zu trinken, was ihm vielmehr Kraft gibt. Er hat sich schon geändert. Früher als Uke bist du durch die Luft geflogen.

… mir kam es in Bernau so vor, dass er lockerer, heiterer war.

… kann sein. Er fühlt sich in Bernau sehr wohl. Weil er weiß, dass er auf dem Bauernhof ist, er kann die ganze Woche lesen. Auch das Abschlussfest war sehr harmonisch – er ist von Tisch zu Tisch gegangen hat mit jedem gesprochen … einen Film – 10 Jahre Bernau – geschaut, viel gelacht …  in dem Sinne ist er sicherlich lockerer geworden.

Man muss unterscheiden zwischen dem New York Aikidō und Aikido in Europa. In NY sind alle gestresst – sie müssen vor sechs Uhr in der Stadt sein, sonst dürfen sie nicht alleine durch den Tunnel fahren. Dann gehen sie in die Morgenstunde. Stress am Morgen. Deshalb machen sie dort auch ein stärkeres physisches Aikidō – wenn auch nicht so präzise, wie es mir erscheint. Das war mehr auf Wurftechnik aufgebaut. Bei Shihō nage [四方投げ] oder Kokyū nage [呼吸投げ], da bist du richtig geworfen worden. Diese Mischung vom Beiden, Präzision und souplesse [Biegsamkeit] von Tamura – dass mehr das »Gerd Walter Aikidō« mit hineinbringen – aber trotzdem präzise sein … Da erschien mir, dass Tamura viel präziser war, eine exakte Bewegung der Hüfte … Das hat er aber auch nie erklärt …

Gudrun: … das muss man aber auch erst einmal erkennen können …

… ja, so weit muss man erst einmal kommen. Aber das ist das, was heute verloren geht. Was ist heute Aikidō?  – in den Sozialen Medien auf Facebook etc., das zerstört vieles. Du machst ein Foto mit dem Sensei oder im Restaurant oder auf der Matte … Du kannst dann liken etc. aber was ist das – der Kopf gehört auch dazu. Das ist eine Abwandlung vom Aikidō. Wenn Aikidō  nur aus Wurftechniken besteht, dann fehlt sehr viel.

Yamada hat sich beim letzten Lehrgang sehr aufgeregt, nur Ikkyo, Nikyo, Sankyo – nur Basis-Training. Wenn du früher zu einem Wochenseminar mit Tamura gingst, dann hast du »das gesamte Programm« durchlaufen. Das ist auch die Kunst für solche Seminare – das so zu tun, zur Verfügung zu stellen … Ich frage mich, wie das weitergehen soll, wenn es nur noch Wurftechniken geben soll?

… wenn du eine Antwort möchtest, dann schaue dir die Videos vom Aikikai an, die Jungen im Hombu Dōjō  zeigen einen, spitz ausgedrückt, »Einheitsbrei«. Keinerlei Präzision …

… welche jungen Leute meinst du?

… angefangen von Waka Sensei … ich meine, dass das auch mit ein Grund ist, dass das Interesse und die Mitliederzahlen im Aikidō so stark zurückgehen.

… kann sein. Ich meine, dass da der »Zen-Gedanke« mit hinein muss – damit überlegt werden muss. Wenn ich wie in Bernau unterrichte und sage, nun macht mal das und stelle gleichzeitig eine Frage – das bekommt keiner mit. Dann muss 


lesen Sie mehr in der Edition AJ 94DE

© Copyright 1995-2018, Association Aïkido Journal Aïki-Dojo, Association loi 1901