Mitsugi Saotome Shihan

Gleichgewicht durch Zerstörung: Geheime Lehren von Ōsensei - AJ Edition 100 DE


Saotome Shihan während eines Sommerstage in Levigan/ Gard

Wir geben hier ein Interview mit Saotome Sensei weiter, geführt von Guy Hagen Sensei - zu lesen auf seiner Website »Warrior Wisdom« [ https://tampaaikido.com ], übersetzt und hier mit seiner Erlaubnis veröffentlicht. Wir glauben, dass Saotome Sensei einen sehr interessanten Beitrag zu den Diskussionen über die Zukunft des Aikidō leistet, die in unserer Gemeinschaft stattfinden.


 


Der Begriff Koppojutsu (»Knochentechnik«) wird am häufigsten in den traditionellen japanischen Kampfkünsten für »Bruchtechniken« verwendet. Darunter finden sich die gelenkbrechenden Techniken des Koryu-Jujitsu und des Ninjutsu, und die Tritte und Schläge des alten Karate, die entwickelt wurden, um Knochen und Rippen zu brechen. In diesem Artikel meint Koppo das bewusste Studium und Training von Techniken, um zu schädigen und zu zerstören; im Gegensatz zur allgemeinen Aikidō-Praxis, in der nur friedliche Techniken im Sinne der moralischen Vision des Gründers praktiziert werden. Koppo betont Schlachtfeldtechniken, die sich in den modernen »sicheren« Aikidō-Techniken nur begrenzt wiederfinden. Die Koppo-Ausrichtung erfordert eine sehr ernsthafte Absicht, das Training als eine Situation auf Leben und Tod zu betrachten und bewusst die gewohnte Konzentration, Einstellung und Energie im Training beiseite zu legen. Während Atemi auch lebenswichtige oder empfindliche Ziele anvisiert, bezieht sich Saotome Senseis Verwendung von Koppo auf eine bestimmte Denkweise jenseits der Verbesserung der Technik.

In den letzten Jahren hat Saotome Sensei zunehmend die Bedeutung des Koppo-Studiums für ernsthafte Schüler des Aikidō betont. In Keiko verwendet er es oft bei der Demonstration von Druckpunktschlägen und Haltetechniken jenseits des typischen Aikido-Lehrplans (z. B. Sankyo, Yonkyo) zusammen mit einer Haltung ernsthafter Kriegsabsicht. Nach einem beeindruckenden Lehrgang zu diesem Thema beim ASU-Winter-Intensivkurs 2016 hatte ich die Gelegenheit, ihn ausführlich zu einem für die meisten Aikidōka sehr kontroversen Thema zu interviewen. Der folgende Artikel ist aus Senseis Perspektive geschrieben, basierend auf diesem Interview, um den Fluss des Gesprächs so weit wie möglich abzubilden. Dieser Artikel soll auch Saotome Senseis tiefe Überzeugung und Erklärung darüber vermitteln, wie das Studium zerstörerischer Techniken nicht nur mit der Aikidō-Moralphilosophie übereinstimmen kann, sondern auch Voraussetzung für ein tieferes Verständnis der Lehren des Begründers ist.


Die helle und die dunkle Seite

Koppo ist die »dunkle Seite« des Aikidō-Trainings. Ja, der Zweck des Aikidō ist Heilung; Heilung ist die »helle Seite« (als Sensei das beschreibt, streckt er seine Hand aus und deutet auf die Ober-, dann die Unterseite seiner rechten Hand). Die Koppo-Seite des Aikidō untersucht die Zerstörung und das Wissen, wie man einen Angreifer vernichtet, um sein Leben und das anderer zu beschützen. Die meisten Aikidō-Praktizierenden haben kein Verständnis von Koppo und denken, dass sie sich dafür entscheiden könnten, nur die helle Seite zu praktizieren. Sie werden nicht von Techniken und Konzepten der dunklen Seite angezogen; sie mögen die Idee nicht einmal. Aber die helle und die dunkle Seite, Ura und Omote (vorne und hinten), sind nicht voneinander getrennt. Die helle Seite des wahren Aikidō muss auch die dunkle Seite enthalten. Ohne ein Verständnis von Koppo – der Fähigkeit zu zerstören – hat ein Aikidōka nicht wirklich die Fähigkeit, sich selbst oder andere in wahren Situationen auf Leben und Tod zu verteidigen.

Aikido ist kein Tanz! –
Saotome Sensei


Das hat mir Ōsensei beigebracht. Ōsensei diskutierte nie Koppojutsu-Konzepte oder Waffen-Koppojutsu mit regulären Schülern oder auf Seminaren – nur mit seinen engsten Uchideshi (Lehrlingsschülern), also mit nur drei Personen: Tamura, Chiba und mir. Vielleicht mit einigen seiner ursprünglichen Uchideshi, aber Koppo-Verständnis, -Bewusstsein und -Fähigkeit waren Teil all seiner Bewegungen. Es war Teil seiner Kraft; es war immer präsent in seinen Techniken, immer in seinem Kumitachi und Kumijo. Jedes Mal, wenn er einen Jo (Stock) aufhob, jedes Mal, wenn er ein Ken (Schwert) aufhob, existierte die vorgespannte Macht zu töten. Alle Aikido-Techniken beinhalten die Kraft zu töten oder schwer zu verletzen (an dieser Stelle zeigt Sensei mir einen Kotegaeshi; dann wiederholt er die Technik, nur mit meinem Daumen und dann erneut, während meine Fingergelenke knirschten). Mit dem richtigen Verständnis sind unsere Techniken keine »sicheren« Versionen historischer Kampftechniken, sondern kraftvolle Schlachtfeldtechniken, die Nage um des Ukes willen abdämpft. Die Techniken, die Ōsensei zeigte, glichen einem Tiger, der sanft mit den Zähnen zubiss; mitfühlend, aber mit Vorbehalt unglaublicher Kraft, die man auf einer primitiven Ebene spürte. Nage sollte sich dessen immer bewusst sein.

Es gibt nicht zwei Schwerter, sondern nur ein einziges.

Dies ist eine der tieferen Bedeutungen von Katsujinken/Satsujinken (die Philosophie des »lebenspendenden Schwertes« versus des »todbringenden Schwertes«) - nämlich dass es nicht zwei verschiedene Schwerter sind sondern eines. Ōsensei sprach mit mir über diese Konzepte während wir alleine waren – als ich für ihn kochte, als ich ihn irgendwohin begleitete, als ich ihn in seinem Haus als Otomo Uchideshi (begleitender Lehrlingsschüler) betreute.  Ōsensei hat diese Konzepte oder Bewegungen nie an reguläre Schüler weitergegeben; deshalb versteht ein Großteil der Welt Aikidō nur als defensive, pazifistische Kunst.

Warum beschloss Ōsensei, nur wenigen engen Schülern diese Botschaft zu vermitteln, wenn er sie für so wichtig hielt?  Erstens war es Ōsenseis Vision, die Welt zu heilen, und für die meisten Aikidōschüler genügt es, die »helle Seite« zu studieren und einen Wege zu finden, Harmonie in ihr eigenes Leben zu bringen. Das wahre Verständnis von Katsujinken/Satsujinken ist schwer zu begreifen. Es ist ein schwieriges Konzept – es voranzustellen, würde das Wachstum des Aikidō einschränken, wie viel von der Welt es beeinflussen könnte, und würde zu Verwirrung bei vielen Schülern führen, die bei keinem Lehrer mit tieferem Verständnis trainieren könnten. Ōsensei unterschied zwei Arten von Aikidō-Schülern: den Schülern, die die Botschaft des Aikidō in ihrem eigenen Leben manifestieren möchten, und den Schülern, die ein Träger der Ueshiba-Vision sind und die Bürde tragen, das Herz des Aikidō für zukünftige Generationen zu bewahren. Das ist der Unterschied zwischen Schüler und Deshi. Der Deshi hat einen viel schwereren Weg – es ist ein mühseligeres Training. Eine andere Möglichkeit, sich das vorzustellen, ist, dass die meisten Schüler nur Aikidō-Bücher lesen oder nur als Empfänger des Aikidō-Unterrichts ins Dōjō kommen. Der Deshi dagegen hat damit zu kämpfen, Fehlstellen in seiner Ausbildung zu füllen; muss außerhalb des Dōjōs trainieren und lernen; und muss herausfinden, wie man Aikidō unterrichtet, anstatt einfach unterrichtet zu werden. Es gibt noch viel mehr Prellungen und Schmerzen, die mit dem Studium des dunklen Herzens des Aikidō-Wissens verbunden sind, und diesen muss man sich mit ernsthafter Entschlossenheit annehmen.

Tiefere Kenntnisse erfordern sowohl ein Studium der
Schädigung als auch eines der Heilung.


Was soll ich Schülern sagen, die Angst vor Koppo haben?  Koppo hat ein Ziel. Sein Ziel ist es nicht, anderen zu schaden, sondern ein tieferes Verständnis zu erlangen.

Ōsensei hatte viele Schüler, viele Deshi, aber die meisten Deshi massierten nie Ōsenseis Rücken.  Ōsenseis Rückenmuskeln waren so stark, so hart! Ich musste viel stärker werden, damit er meine Massagen spüren konnte, und es war zunächst sehr schwer für meine Hände. Er sagte immer: »Benutz mehr Ki, Saotome! Benutz mehr Ki, reibe nicht nur die Oberfläche!« Ōsensei lehrte uns diese Ideen, damit wir, wenn wir ihn massieren, ein tieferes Verständnis erlangen konnten. Das Koppo-Prinzip bringt das Aiki-Wissen nach innen.

Aikido-Jutsu, Koppo-Jutsu – das sind »Yin-Yang« des Shiatsu (japanische Massage; beachten Sie, dass Saotome den Begriff »Shiatsu« verwendet, um sich allgemein auf mit den Händen ausgeübte/massagebasierte Heilkunst zu beziehen, nicht speziell auf die Shiatsu-Tradition). Aber auch das sind keine zwei Dinge, sondern sie sind miteinander verbunden. Zusammen sind sie das tiefere Studium der Körpersysteme – der lebenden Biologie. Zum Beispiel wurden Kampfkunstlehrer klassischerweise oft ermutigt, Therapeuten zu werden, um ihr Wissen zu erweitern.  Kampfkünstler und ihre Schüler würden sich verletzen und die Lehrer könnten so damit vertraut werden, wie der Körper funktionierte und wo er schwach war oder wie er geheilt werden konnte. Gelenkverletzungen, Zerrungen und Knochenbrüche kann man sich klassisch beim Kampfkunsttraining zuziehen, und der Lehrer würde so Verantwortung dafür übernehmen, wie man diese Verletzungen heilt, damit sie das Training nicht behinderten. Shiatsu ermöglicht ein tieferes Verständnis der Kampftechnik, und die Kampftechnik wiederum ein tieferes Verständnis des Shiatsu. Aber die Fähigkeit, den Körper zu durchdringen – zu zerstören –, ist erforderlich, um dieses Wissen zu studieren, nicht nur Shime (Schmerzkontrolle) oder schöne Massagen.



Yin und Yang (In-Yō)

Wahres Budo ist Gleichgewicht – Yin und Yang im Gleichgewicht. Denken Sie an Bier oder Wein (Sensei deutet im Großen und Ganzen auf einige der Gäste im Restaurant hin, die trinken). Bier kann gut für dich sein oder Gift. Es sind nicht zwei verschiedene Biersorten, die den Unterschied machen. Der Unterschied besteht in dem Wissen, wie es in den Körper aufgenommen wird. Ohne Kontrolle ist es schlecht.  … Lesen Sie mehr, in der Edition des AJ 100DE

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