Jürgen Rohrmann aus Bietigheim

Im Januar 1979 sind wir dann auf den Lehrgang zu Kobayashi Sensei gefahren.


Jürgen Rohrmann während unseres Gespräches, 25.01.2015

Wann hast du mit dem Aikido begonnen?

1975, im Judo-Club Bietigheim, der dem Deutschen-Judo-Bund Sektion Aikido angeschlossen war. Ich meine, dass der Vorsitzende der Harmut Gerber war. 
1977 kam es dann zu einer Spaltung, bei der wir zu dem neugegründeten DAB übergingen. Einige Lehrer, die uns interessierten, wie zum Beispiel Volker Uttecht aus Leonberg, haben sich auch für den DAB entschieden, dies war für uns der Grund vom DJB zum DAB zu wechseln. Bis Januar 1979 waren wir „dicke“ dabei, als wir eine Ausschreibung aus Nürnberg, in der ein Hirokazu Kobayashi 8. Dan angekündigt wurde, erhielten. Damals gab es nicht die heutige Informationsflut durch das Internet. Für uns gab es nur das Aikido – im DJB/DAB – das wir praktizierten …  – uns war kein Aikikai bekannt oder sogar andere Schulen/Stilrichtungen – da wurde wohl etwas verschwiegen. Dann noch ein 8. Dan … wer ist das … – … wir sind hingefahren. Es war sehr ernüchternd und für mich persönlich ein Schlüsselerlebnis.
Seit zirka 6 Monaten nagten mein Partner Thomas Dimt – mit dem ich jetzt 40 Jahre Aikido feiere – und ich an der Technik Tenchi-nage herum. Thomas ist körperlich stärker als ich, es ist für ihn kein Problem mich fest zuhalten.  So sind wir nach Nürnberg zu einem damaligen 1. Dan des DAB gefahren und wollten uns Tenchi-nage erklären lassen. Es funktionierte auch bei ihm nicht – er kompensierte den Mangel durch Schnelligkeit. Später meinte er, man müsse sich vorstellen, man zerreiße ein Telefonbuch! Diese Logik habe ich bis heute noch nicht verstanden. Also Frustration pur.
Im Januar 1979  sind wir dann auf den Lehrgang zu Kobayashi Sensei gefahren. Zuerst machte er etwas für uns total fremdes shin-kokyu. Da flogen die Leute durch die Gegend, aufrechte, keine gebückte Körperhaltung und dazu noch ein elegantes Aikido … dann kam tatsächlich Tenchi-nage! So kam schnell der Gedanke auf, dass wir uns den kleinen Japaner schnappen, der soll uns das zeigen – Thomas flog und hatte noch nicht einmal die Zeit abzurollen, er lag da wie ein Maikäfer. Ich sagte gleich zu ihm, du musst ihn fester halten, los … wieder lag Thomas da. Dann bekamen wir minuziös,  ganz langsam die Technik gezeigt – das Meguri, das Reindrehen … das funktioniert auch langsam. Da war mir klar, dass ich vier Jahre meiner Zeit verschwendet habe.

Wo sollte es hergekommen sein – vielleicht von André Nocquet.

Wir haben uns später ja sehr viel mit  Kobayashi Sensei unterhalten. Er sagte ja auch, das André Nocquet zwar für 8 Monate bei Osensei war, aber in der Zeit habe er sehr viel Wert auf das Fotografieren gelegt. Was selbst Osensei irgendwann zu viel wurde. In acht Monaten kann nicht viel passiert sein.
Anderseits muss man sagen, dass der DAB André Nocquet sehr viel zu verdanken hat. Umso verwunderlicher ist es, wie sie mit ihm später umgegangen sind.
1980 gab es in Thonon les Bains [France] einen 10 tägigen Lehrgang mit Kobayashi – wir sind zu zehnt dort hingefahren und waren hin und weg. Dann wurde uns klar, wenn es Kobayashi gibt, dann gibt es auch andere … So habe ich persönlich Mitte- bis Ende der 80-er vielen Fahrten unternommen, um überall reinzuschauen. Aber Kobayashi bin ich treu geblieben und habe versucht an so vielen Lehrgängen wie möglich von ihm teilzunehmen. Er war jedes Jahr zwischen 3 und 6 Monaten in Europa unterwegs. Rüsselsheim, Hannover, Nürnberg, München, Stuttgart, Bietigheim, Ludwigsburg, Oberstenfeld, Tübingen, Marburg, Heilbronn waren seine Stationen in Deutschland, dann natürlich verschiedene Orte in Italien, Frankreich, Belgien, Niederlande und Schweiz.
1978 hatte Hartmut Gerber Kobayashi Sensei bereits nach Rüsselheim eingeladen – er wollte Kobayashi verpflichten, er aber hat das nicht mit sich machen lassen. Auch von uns hat er sich nicht verpflichten lassen wollen – wobei das für uns egal war, wir sind zu ihm gefahren und mit ihm durch Europa getingelt. Laut Kobayashi hat Osensei ihn darum gebeten, sich nicht binden zu lassen und keine eigene zusätzliche Schule aufzumachen. Er war ja immer im Aikikai. Uns bot er ja auch an, „wenn ihr wollt, dann könnt ihr eure Dan-Prüfungen vom Aikikai bestätigen lassen“. Manche haben das Angebot angenommen, aber für mich war das nicht wichtig.

[…]

… ich war gestern in Freiburg, um bei dem Lehrgang von Herrn Asai einige Fotos zu machen. Er erzählte, dass, wenn er mit Osensei trainieren konnte, dessen Hand schneller vor seinem  Gesicht war, bevor seine eigene Hand als Uke bei Osensei ankam. Sprich, dass er sich vorher bewegte …

… bei Kobayashi Sensei sah man das auch manchmal. Bei Giampietro Savegnago haben wir das auch öfter trainiert. Es ist eben so, wenn eine gewisse Distanz unterschritten wird, dann musst du reagieren und zum Beispiel einen Angriff provozieren – aus dem du dann wieder etwas machen kannst.
Bei Aiki-Ken mit drei Angreifern ist das sehr schön zu sehen – du suchst dir einen aus und auf den gehst du zu … der muss dann als erster reagieren – nach dem ersten kannst du dann abwarten, was die beiden anderen fabrizieren.
Ja, es stimmt, in alten Aufzeichnungen sieht man dies sehr stark bei Osensei.

[…]

Wie habt Ihr euch organisiert, als ihr aus dem DAB ausgetreten seid, oder „ausgetreten worden seid“? Wer war euer Lehrer? Oder einfach nur Aikido gemacht?

Ja, wir haben nur Aikido gemacht und wollten keine Einschränkung – die hatten wir ja zur Genüge erfahren … Walter Oelschläger und Manfred Mann waren bereits 1. Dan, Thomas Dimt und ich waren zum ersten Dan bereits angemeldet. Ich habe die Danprüfung nicht bestanden, zum einen hieß es, wegen zu kurz ausgeführter Techniken, anderseits hatte ich bereits eine Menge von Lehrgangseinträgen mit Kobayashi Sensei in meinem Pass. Ich sagte mir dann aber, dass mich das nicht mehr interessiert, was dort gemacht wird – ich stelle mich nicht um, um eine solche substanzlose Graduierung  zu erhalten. Zumal wir bereits André Cognard, François Riondet und Giampietro Savegnago kennengelernt hatten – eben die drei ersten europäischen Schüler von Sensei. Wenn Sensei nicht in Europa war, konnten wir zwischen diesen Dreien wählen … 1983 sind wir aus dem DAB ausgetreten. So waren wir frei von diesem Machwerk.
Wir sahen lediglich ein Problem in den Prüfungen. Sensei, den wir darauf ansprachen, wollte da nicht ran – er mischt sich in keine Politik ein, solche Dinge interessieren ihn herzlich wenig. Aber irgendwann habe ich dann doch den Shodan von ihm erhalten, den zweiten habe ich von André und den dritten wieder von Sensei und den vierten Dan von Giampietro erhalten.
Im Verein haben wir bis zum Braungurt geprüft und darüber hinaus kam es zu einer Abstimmung mit André Cognard bzw. Giampietro Savegnago – das lief bestens. 

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