Gespräch in Meze, während des Chiba Seminars in Meze, mit Heinz Reiter aus Wien.

Es sah nicht nur easy aus, es war auch effizient, und trotzdem – mit einer gewissen Leichtigkeit – die Bewegungen, »das Fliegen«, eine Etikette, einfach alles… – stilvoll, seriös, einfach mehr…!


Heinz während des Gespräches am Strand von Meze.

Jedes Wochenende Tischfussballspielen langweilte uns, aber was sollten wir sonst tun?

Ein Freund ging ins Karate. Die Halle war am Samstagnachmittag frei. Wenn wir uns also im Karatetraining einschrieben, dann konnten wir dort Samstags in die Halle. Wir konnten ein wenig Gewichte stemmen, ein wenig trainieren und waren unter uns… das war etwas Neues, der Samstag war gerettet.

Da die Halle bis Samstagsabends frei war, konnten wir uns ungehindert austrainieren. Wir trainierten Semi-Kontakt Karate, das war interessant, die Fusstechniken, die Körperhaltung. Aber irgendwas fehlte mir. In den Kämpfen stilisierte sich fast ein reines Boxen mit ein wenig Fusstechniken heraus – ein halbes Jahr machte ich das. Bis mir klar war, dass ich gleich ins Boxen gehen kann… aber ich machte weiter, denn wir waren ja unter uns…

Dann kam die Weisung – beim »après-Ski« brach ich mir »eine Haxen«. Kurz darauf, wieder beim »après-Ski«, »ohne-Stiefel«, traf es diesmal auch den anderen Fuss. Das heilte zwar, aber im Training schmerzte es bei jedem Schlag, bei jedem Tritt. Ich schaute mehr zu und bemerkte, dass Samstagsabends, wenn wir die Halle verlassen mussten, noch ein Training stattfand, ein sogenanntes Aikidotraining. Das waren ganz andere Bewegungen.
Dann wurde ein Gratistraining angeboten. Der Trainier war einverstanden, dass ich mittrainierte. Gerne profitierte ich von dieser Gelegenheit! – Seit dem Januar 1984 trainiere ich also Aikido.

Endlich hatte ich etwas Seriöses gefunden, es sah nicht nur easy aus, es war auch effizient und trotzdem barg es eine gewisse Leichtigkeit – diese Bewegungen! dieses »Fliegen«, die Etikette – einfach alles. Stilvoll, seriös, einfach mehr!

Damals hätte ich allerdings nie gedacht, dass ich eines schönen Tages ein eigenes Dojo haben würde und hauptberuflich als Aikidolehrer tätig sein würde.
Ich hatte das Glück, als ich 1985 zum Studium der Elektrotechnik nach Wien kam, dass dort bereits Junichi Yoshida trainierte. Bei ihm blieb ich, solange er noch in Österreich war. Später ging ich in ein Wiener-Dojo und natürlich trainierte ich bei Juo Iwamoto.

1990 lernte ich dann Toshiro Suga und später auch Jaff Raji kennen. Tiki Shewan hatte ich bis dahin schon einmal gehört. Der Name Tamura Sensei fiel auch schon mal des öfteren, aber nie hatte ich mit ihnen trainiert, meine »Reisezeit« begann erst durch Toshiro Suga. Was aber auch ein kleiner Zufall war, denn ich hörte von Günther Steger, dass Toshiro sich über mich erkundigt hatte und wissen wollte, »wo ich herkomme«, »wer ich bin« etc.…
So intensivierte sich unsere Verbindung und mein Training proportional dazu. Ich lernte dann auch Jaff Raji kennen, der mich mit dem »Bazillus Iaido« infizierte. Was mich bis Dato langweilte, mühsam… aber durch ihn!… wie er das unterrichtete…! Ja seine Präsenz, wie er sich bewegt, war etwas anderes als das, was ich bisher erlebte. Er zeigte Leben, keine tote Form.

Ich kann es mit dem vergleichen, was ich in meiner Heimat, dem Meran erfuhr, dort wo ich mit Aikido begonnen habe – »es lebte«.

Trotzdem weiss ich, dass damals von den 40 Aikidoanfängern ich der Einzige bin, der noch Aikido betreibt.

Sicherlich war es für mich auch wichtig, dass ich damals in Wien Jumichi kennen lernte, das war dann schon die nächste Entwicklungsstufe für mich. Obwohl ich noch bei jeder Gelegenheit nach Meran fuhr. Mein alter Lehrer war mir doch immer noch sehr wichtig.

Sein Lehrer, Motokage Kawamukai, der ja ein alter H. Kobayashi Schüler war, hatte auch meine Neugierde geweckt. Ich hörte, dass er noch heute aktiv ist. Wenn es seine Zeit als Inhaber einer in Norditalien ansässigen, sehr grossen Kontaktlinsenfirma zulässt (Aikido-Journal Ausgabe N° 27–3/2001; Interview mit G. Savenago). Aber eigentlich waren mir damals die Herkünfte und Zusammenhänge »gar Wurscht«, ich wollte nur trainieren.

Heute darf ich mich selber mit den Stilblüten der Anfänger auseinandersetzen. Für uns damals gab es nur das Erleben, das sportlich engagierte Training, heute erlebe ich Anfänger, die sich z.B. theoretisch mit dem Aikido via Buch vorbereitet zu haben scheinen. Es kommen Forderungen im Training auf, die rein intellektueller Natur sind, das Rollen aber wird als »körperliches Übel« angesehen. Damit nicht genug, manche Anfänger steigern sich quasi in ihren Vorstellungen.

Es scheint eine Periode der »Kopfmenschen« aufzukommen. Man erwartet wohl, dass schon alleine die Bemühung, sich in ein Dojo zu begeben, es rechtfertigt, »die Erleuchtung« zu erlangen. Es gibt natürlich Wege zur Erleuchtung, die nicht unbedingt Schweisstropfen fordernd sind, im Aikido aber zählt nun mal noch immer die Bewegung, – »ohne Fleiss kein Preis«! Denn selbst Zen in »seiner Ruhe« bewegt »höllenmässig« im Inneren.

Es ist einfach schade, dass es wohl Bücher gibt, die dem Leser scheinbar nicht klar vermitteln, dass das System von Aikido so aufgebaut ist, dass ein Erlernen über die Bewegung und die Begegnung mit dem Partner erfolgt. Selbst heute sollte man nicht vergessen, dass Aikido dem Budo, der Art Martial entstammt.


Das Ego muss aufgegeben werden, sonst erreiche ich keine wahre Veränderung.

Ich muss an meine Grenzen stossen. Ich habe vor gut einem Jahr angefangen, Kurse mit Kokugyo Kuwahara zu besuchen: Zensitzen mit Kalligraphie. Kalligraphie nicht im Sinne von schönschreiben, sondern schreiben mit der inneren Kraft. Als ich mich zum ersten Mal darauf einliess, hatte ich zwei Tage »mentale Qualen«.

Ich brauche Bewegung, da lerne ich. Na, lernte ich, würde wohl besser passen. Ich muss jetzt lernen, Bewegung in der Ruhe zu erfahren.

Eigentlich wollte ich ja nur Kalligraphie machen, und nun auf einmal sass ich da…! Wieso muss ich sitzen, bevor ich einen Pinsel in die Hand nehmen darf?…

Aber es ist eigentlich wie im Aikido, bevor ich auf die Matte gehe, muss ich mich umziehen… Du gehst auf die Matte und sollst Dich verbeugen, Du weisst nicht warum du dich verbeugen sollst… das alles vergisst man gerne.

Später weiss man, warum man sich verbeugt, denn es ist nicht der Kamiza, sondern man verbeugt sich vor allen seinen Lehrern, die man bisher hatte, angefangen vor seinen Eltern, seinen Schullehrern, seinen Freunden… Ich verbeuge mich nicht vor O'Sensei, der dort am Kamiza abgebildet ist. Es sind diejenigen, die mir diesen Weg ermöglicht haben, vor denen ich mich verbeuge. Ich brauchte viel Erlebnisse, bis ich dass für mich entdecken konnte.

Aikido ist Imitation, bis es zur Erfahrung werden kann. Aber auch schreiben lernen ist nichts anderes.


Du sagtest vorhin so etwas schönes: Wenn man älteren Menschen zuhört…;

Das verrückte dabei ist, dass es belanglos ist woher sie kommen, was sie waren. Man muss soweit kommen, dass man sich über Formen und Stile hinwegsetzt, dann öffnet sich das Herz, man fühlt sich auf einer Ebene, trotz des Altersunterschiedes.

Mir passiert es in letzter Zeit immer häufiger, dass ich Menschen treffe, die über das Kämpfen hinaus sind. Wir werden schnell Eins, egal aus welchem Metier sie kommen. Ich glaube es gibt eine Art verstecktes Prinzip in uns, das uns eint.

Mittlerweile, auf der Stufe, auf der ich heute eben angekommen bin, glaube ich, dass es egal ist, was du machst. Hauptsache ist, du machst es mit dem Herzen, dann führen alle Weg zum gleichen Ziel. Vielleicht sage ich in zwanzig Jahren etwas anderes, aber ich spüre, es wird nicht sehr weit davon entfernt liegen.

Wichtig zum Verstehen ist, dass man anderen die Zeit lässt, die man selbst benötigte. Chiba Senseis Freund, Robert Cohan, der heute den Vortrag hier in Méze hielt, sagte etwas wichtiges: Der Unterschied zwischen »Fragen und Urteil«. Denn wieviel Fragen stellen wir, in denen die Antwort für uns schon enthalten ist.

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