Jaff Raji Interview Teil 2 - AJ 70DE

… man muss dennoch tätig sein …

Jaff faltet seinen Hakama, nach einer Demonstration in Paris.
Jaff faltet seinen Hakama, nach einer Demonstration in Paris.

…findest Du es nicht widersprüchlich Aikido, Ken und Jodo zu machen?

Nein, überhaupt nicht. Schon früh hatte ich Interesse an Waffen, denn Tamura Sensei hatte auch immer Waffen dabei und benutzte immer das Schwert. O’Sensei hatte auch das Ken dabei. Es nutzt nichts zu sagen, dass das Ken nicht gut für das Aikido sei. Als ich Iaïdo angefangen habe, hat es meinen Körper verbessert. Dabei habe ich präzise gelernt, denn ich trainiere für mich allein und da kann ich also nicht sagen, dass der Uke nicht gut rollt. Das war ein persönliches Training. Eine wichtige Aktivität, die allmählich den Körper formt.

Das Aikido ist oft freier, man kann sich in alle Richtungen bewegen. Man kann also mehr Bewegungen machen als man braucht, ohne Rücksicht zu nehmen. Wenn man Iaïdo oder Iaijutsu macht, darf man sich viel weniger frei bewegen – da es tödlich wäre – man muss sehr präzise mit den Gesten sein.

Jodo hat mir geholfen eine gute Bewegungs- und Körperqualität zu entwickeln. Ich konnte also in drei Dimensionen arbeiten. Von der Technik kann man sagen: Hammi total in Aikido, davon gibt es ein bisschen in Jodo und gar nichts in Iaido. Also der Umzug von Quadrat zum Kreis.

Meine Entwicklung in diesen drei Disziplinen hat die Art meiner Bewegung beeinflusst – mein Körper musste lernen, sich in allen Dimensionen unterschiedlich zu bewegen. Das war wertvoll.
Bei Lehrgängen werde ich oft von den Teilnehmern gefragt, warum wir die Waffen einsetzten. Meine Antwort lautet immer, dass es wichtig ist, denn alle japanischen Kampkünste haben als geschichtliche Grundlage das Schwert. Es gibt keine Kampfkunst in Japan, die geschichtlich oder kulturell nicht an dem Katana gebunden ist.
Die Samurai hatten immer – meistens zwei – Katana dabei und damit kämpften sie. Als Frieden herrschte, haben sie andere Waffen entwickelt. Es gab Duelle mit den Lanzen, Stock und Sichel und so weiter. Dann entwickelte man die Verteidigungsstrategie und so entstand der Jujutsu. Der eine mit, der andere ohne Waffe. Man verteidigt sich gegen eine Waffe. Geschichtlich gesehen, stammen die japanischen Kampfkünste aus einem edlen Umgang mit einander.

Die Entwicklung des japanischen Budo stammt grenzenlos von dem Schwert ab. Man kann durch das Schwert die Technik verstehen. Das Aikido ist eine edle Kampfkunst. Am Anfang durfte nicht jeder am Aikidotraining teilnehmen, nur die hochgraduierten und die Aristokraten durften mitmachen. Als man in Europa mit Aikido begann, hat man uns dieses zumindest gesagt. Vielleicht war das falsch, aber das haben wir damals gehört. Das war dieses Erbe der Samurai und der japanischen Aristokratie, was O’Sensei aus vielen Budoarten entwickelt hat. Alle benutzten das Schwert, daher die Annahme, dass Aikido aus dem Schwert geboren ist.
Eine Entwicklung der Schulen gab es während der Zeit von Togukawa. Davor gab es nur ein Durcheinander und Morden im Land. Durch die Moral des Friedens haben die Kämpfer ihre Energie kanalisiert. Man hat ihnen die Kunst und die Kultur beigebracht. Nicht die erste Generation wurde davon geprägt, sondern die folgenden. Mittlerweile wurde der Kampfcharakter schwächer und heutzutage haben wir als Erbe eine Kunst.

In Europa haben wir nicht diese globale Kultur, aber wir besitzen eine Leidenschaft. Wir versuchen dann die Kunst, Kultur und den Körper nachzuahmen. Man betreibt das Aikido und dabei legen wir viel Wert – oft nur – auf den esoterischen und spirituellen Aspekt. Da fehlt aber etwas Wesentliches. Man sollte, ja man muss mit dem Körper beginnen, sonst besitzt man weder Weisheit noch Geistigkeit noch Esoterik. Folglich muss man sich zuerst physisch engagieren. Diese persönliche Entwicklung führt wahrscheinlich zu einem Selbstbewusstsein, zu einer Stimmung, zu einer Weisheit. Das ist persönlich, man beginnt nicht, die Esoterik des Aikido zu unterrichten, man beginnt mit der Schulung des Körper. Man muss rollen, viel rollen, Suburis machen und wieder rollen. Auf diesem Weg gibt es Menschen, die dabei behilflich sind, die geistigen Aspekte zu verstehen .
Ich habe eine religiöse Erziehung von meinem Großvater und meinem Vater erfahren, die aber nicht extrem war. Dabei war wichtig, wie ich in meinem Alltag und in meinem Leben geistig reagiere. Das war eine Stimmung, ein Verhalten, damit man in seiner Umgebung respektiert wird. Man muss einfach sein, was man wirklich ist und nicht anders sein als man ist. Das ist die Grundlage für eine Sicherheit, eine Höflich-, Freundlich- und Nettigkeit miteinander – ein Akzeptieren. Man darf natürlich Probleme haben und wütend sein. Aber unter solchen Umständen muss man verstehen, dass man anders reagiert als erwartet. Der Zorn ist nicht das Ende einer Beziehung. Das ist ein Schock, den man vernachlässigen soll. So kann alles wieder normal werden.

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