Andreas Raatschen , AJ 71DE

Fächerstadt Karlsruhe – „appe“ Ecken & Aikido.

Andreas, in unserem Vorgespräch sagtest Du, dass Du in Mainz mit Aikido begonnen hast. Ja, ich bin in Münster geboren, wo ich aber nur meine Babyjahre verbrachte. In Mainz begann ich an der Universität mit dem Aikido. Kurz darauf zog ich nach Bruchsal, dort trainierte ich bis zum 2. Kyu in einem DAB-Verein, bevor ich nach Karlsruhe umzog. Wenn ich Deine Holzarbeiten sehe, muss ich an die „appe Ecke“ denken. Liege ich da richtig, hast du eine anthroposophische Ausbildung genossen? Nein, der Bezug ist eher autodidaktisch, ich habe hier in Gondelsheim in einer Wohngemeinschaft mit Anthroposophen gelebt. Außerdem habe ich viele Möbelstücke für Anthroposophen gebaut und entworfen – diese Formensprache machte mir viel Freude, sie sprach mich an. Nein, eine Ausbildung, wie zum Beispiel den Besuch einer Walddorfschule, habe ich nicht erlebt. Es ist eher eine Gefühlssache, mit der Organisation hatte ich nichts zu tun. Das Gefühl aber ist mitbestimmend für unser Leben. Ja, absolut. Nun bist du im Aikikai. Wie kommst Du da mit der Arbeit von Herrn Asai zurecht? Du musst diese Frage nicht beantworten. Die große Stärke des Aikidos von Meister Asai sehe ich in seiner Klarheit, diese erlaubt eine besondere Form der Lehrbarkeit – sowohl für Anfänger wie für Fortgeschrittene. Ein weiterer Vorteil ist, dass er keine Einwände hat, wenn wir zu anderen Meistern gehen, um dort zusätzliche Facetten kennen zu lernen und andere Sichtweisen zu erleben. Wichtig ist ihm, dass wir uns weiter entwickeln und dabei seinem Stil als Basis treu bleiben. Sicherlich wird er es nicht gerne sehen, wenn man in seinem Unterricht, übertrieben ausgedrückt, in Endo- oder Tissier-Attitüde herumkaspert. Aber er hat nichts dagegen, sich das anzuschauen und diesen Unterricht zu besuchen – was mir persönlich auch sehr wichtig ist. Die nur Technik, oder … Meister Asai zeigt sehr gradlinig die Basistechniken… in dem was er macht ist mehr drin, aber das was er betont und als seinen didaktischen Schwerpunkt zeigt, das ist diese gradlinige, fast baukastenartige Technik. Andere Lehrer, wie zum Beispiel Endo, arbeiten mehr an dem Gefühl – welches zwischen den Partnern herrschen kann. Endo zeigt, zumindest auf den Lehrgängen, weniger Technik. Sehr interessant finde ich persönlich, was für unterschiedliche Anforderungen bei den Danprüfungen von den Sensei gestellt werden – welch unterschiedliche Wertigkeit … Prüfungen, zum Beispiel für den 3. oder 4. Dan, bei Meister Asai haben einen großen, freien Raum, sprich, sie können sich weitgehend frei bewegen, also ju-waza. Dagegen sah ich 4. Dan Prüfungen bei Endo und Tissier, die umgekehrt verliefen, viel mehr Technik-orientiert. Asai vermittelt auf Lehrgängen viel Basistechniken, dafür sind seine Prüfungen relativ frei, da kann man „Gefühl zeigen“. Bei Endo und Tissier dagegen, wird auf den Lehrgängen in die Tiefe einer Technik gegangen, wie sie sich anfühlt und welche Variationen daraus entwickelt werden können. Aber die Prüfungen erlebte ich dort als viel schematischer, ja enger strukturiert als sie bei uns im Aikikai sind. Jedenfalls finde ich es sehr interessant, wie durch diese Systeme jeweils gewährleistet ist, dass Basis sowie die freie Bewegung vermittelt werden. Beeinflusst Dich Deine Arbeit als Präsident des Landesverbandes FABW? Grund der Frage ist, dass Du durch diese Arbeit, mit vielen Menschen in Berührung kommst, die aus anderen Stilrichtungen kommen, euch aber ein Thema gleich ist. Wir machen im FABW von Zeit zu Zeit Lehrgänge, die gemeinsam von Lehrern aus den verschiedensten Stilrichtungen geleitet werden. Diese Form der Kommunikation finde ich wichtig – überhaupt finde ich es für die Entwicklung des Aikido wichtig, dass die Grabenbildung, bedingt durch die große Spaltung, keine weitere Nahrung erhält. Denn es besteht ja die Gefahr, wenn die jetzige Generation der Shihan nicht mehr unter uns weilt, dass es zu erneuten Spaltungen kommen kann. Durch unsere Abeit kann einer Tendenz, hin zu 500 verschiedenen kleinen, gegeneinander abgeschotteten Aikido-Organisationen, entgegen gewirkt werden. Kommunikation fördert den Kontakt – eine Plattform wie der FABW formt Kontakt, aus diesem Grund habe ich mich für den FABW stark gemacht. Ich denke, es könnte einmal nötig sein, vielleicht eine Struktur vorzuhalten, die gemeinsames Üben und ein gemeinsames Eintreten für das Aikido als Ganzes ermöglicht.

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