Frank Ostoff erstes Gespräch 1998. Teil 2.

Frank liest Aikidojournal in der Druckerei in Wiesbaden 2006.
Frank liest Aikidojournal in der Druckerei in Wiesbaden 2006.

»Wenn Du Dich an die erste Zeit mit Meister Yamaguchi erinnerst, wie siehst Du da das Verhältnis "Tissier-Gerd-Asai-Euer-Empfinden"? Denn für mich war Yamaguchi, die drei Male, die ich ihn gesehen hatte, wie – ja eigentlich kann ich nur sagen – wie jemand nicht erfassbares. Ähnliches empfand ich allerdings auch, als ich ca. 1976 Tamura das erste Mal sah.«

»Für mich war er auch nicht erfassbar, aber was mir sofort auffiel war, dass er immer mit dem Partner fühlte, sein Zentrum lenkte, manchmal sehr abstrakt – aber okay. Der Uke musste in Höchstform sein – und alles war weich und scharf zugleich.

Es war alles einfach völlig anders beziehungsweise sehr viel realistischer. Man konnte sofort erkennen wie das Verhältnis des Uke zu Meister Yamaguchi war und das war faszinierend zu sehen. Egal wie hart der Angriff war, er lachte immer und konnte alles weich aufnehmen und umlenken. Halt mit sehr viel Gefühl und das habe ich oft zu spüren bekommen, wie sensibel Meister Yamaguchi war. Kleinste Unaufmerksamkeiten und schon liess er einen für den Rest des Lehrgangs stehen – die Chance verpasst: "Keine Frage von Kondition oder Schinderei, einfach nur volle Aufmerksamkeit" – viel interessanter, als bei Meister Asai.
»Ich erinnere mich, als ich Meister Yamaguchi, das erste Mal sah. Es war in Mannheim und ich war noch ein ziemlicher Anfänger. Zum ersten Mal wurde ich so richtig mit der japanischen "Realität" konfrontiert, will sagen: "Zum einen vergab er einem einjährigen Aikidoka den Sho-Dan, zum andern fingerte er nach der Prüfung aus seinem Hakama ein Päckchen Zigaretten, um auf der Matte "eine" zu inhalieren (möglicherweise ja wegen der Qualität der Prüfung!). Diese beiden "Freiheiten" haben mich doch ziemlich geschockt. Du siehst, ich kenne wenig, ja eigentlich überhaupt nicht viel von Meister Yamaguchi. Was kannst Du über die Arbeit von ihm sagen?«

»In Anbetracht seiner grossartigen Leistung im Aikido und seines frühen Todes würde ich es schön finden, wenn du deine Frage etwas umformulierst.

Ich denke, wir sollten ihm gegenüber grossen Respekt zeigen. Natürlich hast du recht mit deiner Beobachtung, er hat geraucht wie ein Schlot und literweise Kaffee getrunken, d.h. nach unseren Massstäben nicht sehr gesund und meisterlich gelebt.

Ausserdem war er sehr schwierig zu verstehen und nicht sehr zuverlässig, aber trotz alledem, wenn er die Matte betrat, verwandelte sich die Atmosphäre, so dass es einem manchmal schauderte.

Mir war jedesmal ganz flau im Bauch, wenn das Training begann und immer wieder tauchte dieses Gefühl auf, obwohl die Stimmung sehr entspannt war und er dauernd lachte.

Ich denke, jeder von uns hat seine Erfahrungen mit ihm gemacht und sein Bild von ihm. Für mich wurde nur nach einiger Zeit klar, dass gerade wir Aikidolehrer aus Deutschland ein grosses Kommunikationsproblem mit ihm hatten und viele Leute seine Lehre missverstanden haben. Niemand von uns sprach japanisch und unsere Unterhaltung war ein dürftiges Kauderwelsch aus Englisch und Japanisch. Ein grosser Teil an Phantasie kam immer mit ins Gespräch, besonders wenn es um Aikido ging und jeder baute sich seine eigene Geschichte.

Ausserdem hatte Meister Yamaguchi nach dem Training auch immer etwas zu sagen und wusste um alle Themen in dieser Welt Bescheid. Zum Aikido gab er uns oft sehr gute Ratschläge oder seine Meinung. Er konnte bis spät in die Nacht reden, immer mit voller Präsenz. Er war an allem interessiert. Besonders beeindruckend war, dass er manche Informationen ein Jahr später direkt wieder aufgriff und genau wusste, was man machte, wo man trainiert etc.. Wenn ich heute ein Video mit Yamaguchi Sensei sehe, dann bin ich jedesmal tief beeindruckt und seine Art, sich zu bewegen, erscheint tagelang vor meinem geistigen Auge. Nach seinen Seminaren in Europa hatte ich immer monatelang die Energie und Inspiration, mich so weich und entspannt zu bewegen, wie er es vorgeführt hat, d.h. ich habe es von ganzem Herzen versucht.

Solch starken Einfluss habe ich seitdem nicht mehr gefühlt und nun sind wir gezwungen, unsere eigenen Kräfte zu mobilisieren, d.h. seine Idee fortzusetzen, bei uns selbst zu suchen und ganz ehrlich zu uns zu sein, bis wir wirklich als ganzer Mensch auftauchen. Wenn uns das gelingt, dann haben wir sicher viel von seiner Lehre verstanden.«


»Bist du auch zu Yamaguchi Sensei nach Japan gereist?«

»Ja, die erste Japanreise galt Yamaguchi Sensei. Zusammen mit Patrick Benezi, einem Meisterschüler von Christian Tissier, reiste ich 1991 nach Japan.

Yamaguchi Sensei hatte uns zu einem Seminar in Südjapan eingeladen. Das war ein grossartiges Erlebnis und wir konnten viel Zeit miteinander verbringen. Wir fuhren mit dem Shinkansen nach Kyushu, verbrachten eine Nacht in einem wundervollen Ryokan mit heisser Quelle und redeten stundenlang. Der Lehrgang war zu unserer Überraschung sehr klein und es wurde nur sehr wenig geübt. Die meiste Zeit verbrachten wir mit Essen und Trinken. Dagegen waren seine Lehrgänge in Europa richtig anstrengend und von höherem Niveau.«


»Im Sommer ‘89 bist Du, wie Du sagtest nach Paris gegangen. Für wie lange? Hast Du immer im Lotto gespielt oder wie ist es machbar, "einfach so" nach Paris zu gehen?«

»Nach dem Sommerlehrgang mit Christian Tissier bin ich direkt nach Paris gegangen. Durch meinen Freund Daniel und dank Beziehungen konnte ich in einer kleinen sehr einfachen Wohnung mitten im Marais (Altstadt von Paris) wohnen. Es gab dort keinen Luxus, aber zwei Zimmer mit Toilette im Innenhof und einer Bäckerei direkt vor der Haustür. Es war eine wunderschöne Zeit. Jeden Tag habe ich Spaziergänge zur Seine unternommen und Paris in vollen Zügen genossen. Mit der Metro konnte ich innerhalb von 20 Minuten nach Vincennes fahren und täglich am Training teilnehmen. Zu der Zeit war Christian Tissier noch jeden Tag im Dojo, ausserdem kümmerten sich mehrere seiner Schüler um mich und luden mich regelmässig in ihre Dojos ein. Ich konnte z.B. auch einmal pro Woche an der Universität mit Patrick Benezi üben und an den Wochenenden begleitete ich Christian auf seinen Lehrgängen. Das war eine sehr intensive Zeit. Ich hatte vorher Geld gespart und mir ein bestimmtes Budget auferlegt. Im Frühjahr war das Geld aufgebraucht und im April verliess ich Paris und ging zurück nach Berlin. Die Wohnung stand aber noch ein Jahr zur Verfügung und so fuhr ich regelmässig jeden Monat für ein langes Wochenende zum Üben nach Paris bzw. andere Freunde vom Aikido nutzten die Wohnung.

Lotto habe ich nie gespielt – sondern sehr viel und hart gearbeitet mit der ständigen Vision vom eigenen Dojo.«


»Wie lebt man in Paris, als "aikidobetreibender Ausländer"? Wie bist Du mit der Anonymität dieser Riesenstadt fertig geworden?«

»Wie ich schon gesagt habe, das Leben war fantastisch – jeden Morgen frische Croissants, dann ein kleiner Ausflug an die Seine, Kultur und Menschen beobachten, Bücher lesen, das gute Essen geniessen etc.. Und natürlich ausruhen vom vielen Training.

Es war nicht immer leicht, Kontakt mit den Leuten im Dojo zu bekommen, aber es ist mir trotzdem gelungen, insbesondere zu zwei ganz wundervollen Menschen, Marie Françoise Lipp und Pascal Marcias. Sie haben mich in den einsamsten Momenten (d.h., wenn ein Lehrgang zu Ende und alle Leute nach Hause zu ihren Familien gegangen waren) eingeladen und wir gingen gemeinsam essen und haben zusammen geredet. Sie zählen heute zu meinen besten Freunden.

Auch habe ich einige Leute aus Finnland und Schweden kennengelernt, zu denen ich heute noch enge Kontakte habe. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, noch länger in Paris zu leben, die Zeit reichte mir.«

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