Gespräch mit Hiromichi Nagano aus München.

Meine Mutter war sehr erfreut darüber, dass ich das Visum nicht so schnell bekam, denn sie legte größten Wert darauf, dass ich mindestens solange bleiben sollte, bis ich eine richtige Yoshinkan-Basis-Ausbildung hatte


Hiromichi Nagano liest das Aikidojournal in seinem Dojo in münchen.

Wann haben Sie mit Aikido angefangen?

Mit Aikido angefangen habe ich 1978 bei Meister Asai. Von 1965 bis 1971 trainierte ich für Judo-Trainer-Ausbildung bei der Polizei in Tokyo. 1972 kam ich nach Deutschland als Zuschauer zu den Olympischen Spielen und blieb dann als Judo-Trainer hier.

Während meiner Zeit bei der japanischen Polizei lernte ich bereits Meister Gozo Shioda kennen. Aber ich trainierte damals noch nicht bei ihm, ich war noch jung und Judo war das Wichtigste für mich.

Später unterrichtete ich in Ostwestfalen, genauer in Bielefeld, für viereinhalb Jahre Judo.
Zufällig sah ich 1975 in Münster Aikido-Unterricht mit und von Meister Asai. Sofort fiel mir der große Unterschied im Verhalten und in der Etikette der Aikidokas im Vergleich zu den Judokas auf. Ich fragte mich natürlich, wo das wohl herkommen mochte, weil Aikido ja sehr viel weniger verbreitet war als Judo. Zumal, wenn man ein Judo-Buch in die Hand nimmt und auf die Matte geht, dann kann man das schon anwenden, was man gelesen hat. Aber mit Aikido ist das nicht so einfach möglich. Das Resultat meiner Überlegungen jedenfalls war, dass ich glaube, dass sich die Etikette bei den Judokas anders entwickelt hat, da es nur wenige japanische Judolehrer in Europa gab. Nun sah ich diese Hakamaträger und erinnerte mich gleich wieder an Tokyo, ich sah vor meinem inneren Auge meinen Freund von der Tokyoter Polizei, der Aikido bei Gozo Shioda trainierte. So war mein Interesse schlagartig geweckt.

1983 ging ich dann nach Japan zurück, dort lebte ich dreieinhalb Jahre in Tokyo im Tendo Ryu Honbu Dojo und trainierte als Uchi Deshi. Bis Mai 1986 blieb ich in Tokyo, um hier den Aikido-Yoshinkan-Stil zu lernen.
Warum sind Sie ausgerechnet nach Deutschland gekommen?

Ein Schüler von mir hatte hier für mich einen Visumantrag gestellt. Normalerweise wurde so etwas innerhalb von drei Monaten erledigt, aber bei mir hat es länger als ein ganzes Jahr gedauert. So konnte ich länger im Yoshinkan Honbu Dojo trainieren.

Meine Mutter war sehr erfreut darüber, dass ich das Visum nicht so schnell bekam, denn sie legte größten Wert darauf, dass ich mindestens solange bleiben sollte, bis ich eine richtige Yoshinkan-Basis-Ausbildung erhalten hatte. Und so musste ich länger bei ihr und im Honbu Dojo bleiben. An ihrem Todestag erhielt ich einen Anruf aus der deutschen Botschaft, dass mein Visum angekommen sei. Tja, dass ich länger auf mein Visum warten musste, das war schon eigenartig, ich glaube, der Wunsch meiner Mutter hatte Einfluss darauf – irgendwie hat sie daran gedreht. Eigenartig, nicht wahr?

Ja, so kam ich 1986 nach München und habe Stück für Stück Aikido im Yoshinkan-Stil in Deutschland aufgebaut. Heute ist der Yoshinkan-Stil in einigen deutschen Städten verbreitet. In Europa sind es noch die Länder Italien, Polen und Ukraine, in denen ich lehre. Im Frühling, Sommer und im Herbst gebe ich auch je einen 10-tägigen Lehrgang, so kann die Verbreitung langsam wachsen.


Waren Sie denn mit der Entwicklung Ihres Dojos ab 1986 zufrieden?

Nein, die ersten zwei Jahre überhaupt nicht. Da habe ich es sehr schwer gehabt, zumal mein Visum mir nur das Unterrichten von Aikido und Judo erlaubte. Aikido ist aber noch ziemlich unbekannt gewesen, so war ich froh, dass ich etwas später das Glück hatte, ein wenig in der Werbung und im Schauspiel dazu verdienen zu können. Diese Zeit war sehr schwer, da wir jeden Pfennig umdrehen mussten und ich bin auch meiner Frau sehr dankbar, dass sie diese Zeit klaglos mit mir durchgemacht hat. Wir hatten nicht einmal eigene Möbel und lebten bei Freunden und in einem Übergangsquartier. Das hat mich auch sehr angespornt, hart dafür zu arbeiten, dass dies möglichst schnell vorbei ging.


Man muss ja von etwas leben...

Ja, es war zwar nicht Aikido, aber Schauspielerei liegt ja nicht so weit entfernt, so ist es wohl kein all zu großes Vergehen...

Am Anfang hatte ich das Glück, dass ich im Judo-Dojo meines Freundes Wolfgang Dörflinger in Schwabing Platz fand, so konnte ich an zwei Tagen Aikido-Training anbieten. Wolfgang ist inzwischen 74 Jahre alt und kommt immer noch regelmäßig zweimal in der Woche in unser Frühtraining morgens um 6 Uhr. Langsam aber stetig steigerten sich die Trainingszeiten, ich konnte später an drei Tagen unterrichten, bis ich schließlich ca. 200 Mitglieder hatte. Dann bin ich hierher in die Auenstrasse in München gezogen. Nun bin ich auch schon mehr als 10 Jahre hier in diesen Räumen: Mittlerweile haben wir ca. 80 Kinder und 140 Erwachsene als Mitglieder eingeschrieben. Das ermöglicht mir zumindest, jetzt davon leben zu können. Aber ich muss auch Lehrgänge geben und außerdem werden zweimal im Jahr Dan-Prüfungen und dreimal Kuy-Prüfungen angeboten, um so noch etwas Geld hereinzubekommen… Aber bis hierher war es ein langer Weg und ich kann gar nicht all die Leute aufzählen, die mich dabei unterstützt haben.


Der Yoshinkan-Stil ist ja schon anders als das allgemeine Aikido?

Ja, ganz anders. Gozo Shioda war jünger als O-Sensei Ueshiba. Als Gozo Shioda nach dem zweiten Weltkrieg nach Japan zurück kam, besuchte er O-Sensei und sie trainierten zusammen. 1948 gab es ein Kobudo-Fest, wo alle Kampfkünste präsentiert wurden. Dort hat, wenn ich mich richtig erinnere, Tohei Sensei eine Vorführung im Aikikai-Stil gehalten. Gozo Shioda machte unabhängig vom Aikikai eine Demonstration und erhielt den Preis des besten Technikers. So kam es auch, dass ein Tokioter Bankhaus ihn unterstützte und er somit in der Lage war, sein Yoshinkan Honbu Dojo im Stadtviertel Yoyogi in Shibuya-ku aufzubauen. Die Mitgliederzahlen sanken aber bald darauf, und so musste er später in die Gegend des Koganei-Stadtviertels umziehen. Ende 1987 erfolgte ein weiterer Umzug nach Shinyu-ku, wo das Honbu Dojo auch heute noch ist. Erst liefen beide Dojos noch parallel, aber bald wurde Koganei dann geschlossen.

Gozo Shioda erlaubte seinen Schülern auch andere Stile, wenn deren Meister vorher bei O-Sensei trainiert hatten.

Er hatte aber auch das Glück, dass er zwei hervorragende Schüler hatte, nämlich Kiyoichi Inoue und Kushida, die beide schon sehr früh bei ihm als Uchi Deshi lebten. Ohne diese beiden hätte er den Yoshinkan-Stil nicht so entwickeln können. Sie haben gemeinsam viele Techniken verbessert. Gozo Shioda hatte ja auch früher bei Horikawa (Daitoryu Aiki-Jujutsu, persönlicher Schüler von Sokaku Takeda) gelernt, der den Jujutsu-Stil vertrat, folglich musste einiges verändert und verbessert werden.
Es ist natürlich interessant, wenn man sieht, dass bei den anderen (z.B. Aikikai) auf das Training des Fallens sofort das Rollen folgt, was dann direkt in die freien Techniken mündet. Im Yoshinkan wird dagegen sehr viel mehr Wert auf die Grundstellungen und die Grundbewegungen gelegt.

Dieser Stil ist etwas schwieriger zu erlernen, denn der Anteil der Grundstellung zur Bewegung liegt hier im Anfangsstadium bei einem Verhältnis von 60 zu 40 oder gar bei 80 zu 20 Prozent. Es geht also von der Grundstellung zum Werfen, dann zum Rollen und wieder zurück zur Grundstellung.


Wie alt sind Sie jetzt?

Achtundfünfzig, ja ich bin jetzt schon seit vielen Jahren in Deutschland, länger fast als ich mich in meiner Heimat aufgehalten habe. Mein Ziel ist der Weltfrieden, kein Krieg. Ich versuche in meiner Umgebung Frieden und Harmonie zu schaffen durch Aikido, Philosophie und buddhistisches Denken.


vielen Dank für das Gespräch!

Richten Sie bitte an Tamura sensei meine herlichen Grüße aus.

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