Gespräch mit Paul Muller aus Strabourg.

Mit vierzehn war ich eben sehr an, wie heisst das auf Deutsch, war ich sehr an einem Mädchen interessiert? Aber sie hatte einen anderen Freund, und irgendwann gab es halt mal Krach, »da hat er mir eben eine gelangt«, der war auch noch drei Jahre alter als ich.... so konnte es nicht weitergehen.

Paul muller liest das Aikidojournal, in Strasbourg.
Paul muller liest das Aikidojournal, in Strasbourg.

Paul hast Du vor Aikido schon eine andere Budoart praktiziert?

Nein, ich habe als 15 jähriger mit Aikido angefangen, vorher gab es so gut wie keine »sportliche Aktivität«. Aber kaum hatte ich mit dem Aikido begonnen, da lernte ich Nakazono Sensei, und er schlug mir nach einem Angriff auf die Hand und sagte: »Sie müssen Karate lernen, Sie können nicht angreifen«! Also habe ich auch noch Karate praktiziert. Da Karate nur physikalisch ging, war ich sehr schnell, so nach sechs bis acht Monaten
1 Kyu. Dann musste mein Karatelehrer, Herr Massboeuf aus beruflichen Gründen Strasbourg verlassen und so wurde ich, für ein Jahr, »ein sehr junger« Karatelehrer.

Später ging ich zum Studium nach Paris, dort traf ich Nakazono Sensei wieder und er sagte mir dann irgendwann, »jetzt müssen Sie mit Karate aufhören, Sie verkrampfen sich«. Zwischenzeitlich hatte ich aber auch noch mit Judo begonnen, was ich allerdings nur 2 Jahre ausübte, im Gegensatz zu Karate, das ich doch immerhin vier Jahre praktizierte, parallel zu Aikido. Aber das erste war Aikido.


Wie bist du auf die Idee des Aiki gekommen?
(es folgt ein langes Lachen!)

Ich kann es schon erzählen, aber ich weiss nicht, ob man das hier...??
(wieder langes Lachen) Warum nicht!

Mit vierzehn war ich eben sehr in, wie heisst das auf Deutsch, war ich sehr an einem Mädchen interessiert? Aber sie hatte einen anderen Freund, und irgendwann gabs mal Krach, »da hat er mir eben eine gelangt«, der war auch noch drei Jahre älter als ich.... so konnte es natürlich nicht weitergehen.

Da ich einen Freund hatte, Charly Duch, der leider vor ein paar Jahren verstarb, er war ein grosser Judoka der aus dem gleichen Ort bei Strasbourg kam wie ich, empfahl er mir Judo. An dem Abend, als wir ins Judoanfängertraining gingen, war kein Judotraining, aber Aikidotraining. Das ist ja oft so, nicht wahr.


Das erinnert mich an die »Geschichte« von Klaus Chudziak. Also Du bist »ganz normal« zum Aikido gekommen und genau so hineingewachsen?

Für mich war es natürlich sehr interessant, obwohl Nakazono Sensei viel älter war als Tamura Sensei, welcher ja dann später »den Annecy-Lehrgang« alleine weiterführte. Aber sie haben sehr nah zusammen gearbeitet. Nakazono Sensei, der eben so gut französisch sprach, brachte interessante philosophische Elemente, z.B. über ZEN mit hinein, vor allem in dieser Zeit damals. Heute kannst Du ja überall ZEN-Bücher erstehen. Er hat uns auch aufmerksam gemacht, über unser Essen nachzudenken, und das 1964/65 und in Frankreich!!! Gut, gerade heute gibt es natürlich andere Lebensmittelprobleme hier in Frankreich, aber es passt auch wieder! Er hat »ZEN-Makrobiotik« eingeführt, damals. Er ist zwar in den späteren Jahren etwas davon weggegangen, aber er ermahnte uns, er sprach oft und lange darüber, auf Dinge wie: Zucker, Weissbrot...zu achten. Also, wenn Reis, dann Vollkornreis und Vollkornbrot.

Mit Sechzehn ist man natürlich für solche Dinge sehr offen. Das brachte erhebliche Schwierigkeiten mit der elterlichen Küche mit sich!! Aber dieser Ernährungsrichtung bin ich gefolgt und bin auch dabei geblieben.


Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass die Probleme mit den Eltern relativ gering waren, im Verhältnis zu 1968, Deiner Studienzeit, in Paris. Auch heute gleicht es einem Lotteriespiel, Vollkornbrot zu finden.

Also in der Ingenieurschule, in der ich war, konnte ich mir meinen Reis selbst kochen. Aber Vollkornbrot, da hast Du vollkommen recht, das habe ich wirklich nicht gefunden.


Die Idee, einen vierwöchigen Lehrgang durchzuführen ist, glaube ich, von O’Sensei geprägt worden?

Ich weiss nicht. In der Zeit war es eben üblich und die Möglichkeiten waren gegeben. Das Interessante ist eben, dass sich nach zwei bis drei Wochen das körperliche Empfinden ändert, wenn man kontinuierlich trainiert. Ich folgte diesen Lehrgängen in Annecy von 1965 an, und wir trainierten vier Stunden Aikido und eine Stunde Iai-Do. Iai-Do übte ich unter der Führung von Ichimura Sensei, der ab 1965 auch in Annecy dabei war.

Ich glaube, in einigen Sportarten müssen heute die Athleten ähnliche Lernprogramme in ihrer Ausbildung durchlaufen. Leider aber hat sich das im Aikido »verloren«. Das ist wirklich schade. Denn man braucht circa zwei bis drei Wochen täglich ca. vier Stunden Training, was an die Grenze der Belastbarkeit geht, um etwas zu ändern. Man arbeitet sich in etwas hinein. Dass ist das Interessante.

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