Dr. Dirk Müller

… ein Gespräch in Haburg - Teil 1 - AJ Edition n° 101DE


Dirk zeigt eine Reaktion während unseres Gespräches - 6.Mai 2019

Dirk, du bist aus der Region Hamburg?
 
Dirk Müller: … genauer gesagt aus Schleswig-Holstein. Ich bin dann mit Anfang 20 nach Marburg gegangen, habe dort erst im Rettungsdienst gearbeitet und später Medizin studiert.


Wann und wie bist Du zum Aikidō gekommen?

1986 nahm mich ein Kollege vom Rettungsdienst erstmalig mit zum Aikidō, in meiner Jugend hatte ich ein wenig darüber gelesen … Er zeigte mir einige Bewegungen und das damalige Dōjō vom Aikikai. Zu Studienbeginn 1987 stellte ich fest, dass auch an der Uni Aikidō angeboten wurde. Es waren zwei Stile vertreten: Kobayashi Hirukazus Aikidō, das von Ulrich Förster gelehrt wurde, und Ottmar Schillerwein zeigte den Stil von Asai Shihan.

Ich war völlig begeistert von allem, verstand zwar nicht, warum die einen Bewegungen so klein und die anderen so groß waren, aber ich nahm erstmal alles mit.
 

… du bist aber bei keinem »hängen geblieben« …
 
… ich machte das eine Weile. Im Unterricht waren dann Leute, die Kontakt zu Jean-Luc Subileau Sensei hatten und mich auf mein erstes Aikidō Seminar zu ihm mitnahmen.

Ich war sehr angetan von seinem Unterricht und fragte ihn nach kurzer Zeit, ob ich, wie andere von uns, sein Schüler werden könnte, ich würde allerdings kaum Französisch sprechen. Er antwortete mir freundlich, dass man »Aikidō mit dem Herz und den Händen üben würde«. Das hat mich beeindruckt und ich habe dann lange und intensiv bei ihm geübt.

Wir waren eine so „Aikidō verrückte“ Gruppe in Marburg, dass wir zeitweilig 7 Tage in der Woche übten und so oft wie möglich auf Seminare fuhren, auch regelmäßig nach Niort zu Jean-Luc, und haben diese einwöchigen Mammut-Seminare mit bis zu 6 Std. Aikidō am Tag durchgezogen.

Der Unterricht fand im Winter in einer nahezu ungeheizten Halle statt. Wir alle übten und schliefen darin, Jean-Luc und seine Frau Anni ebenfalls – um 23 Uhr wurde das Licht gelöscht.
Wenn morgens jemand nicht zum Training erschien, wurde nachgesehen, ob er/sie wirklich krank war. Wenn ja, dann wurde einem so ein blaues salziges Mineralgetränk »Eau bleue« zum Schlucken angeboten, was Wunderheilungen bewirken konnte, … vor allem wohl aus Angst dieses noch einmal einnehmen zu müssen. (lacht)

Um 6:30 Uhr begann der Tag mit Meditation für die, die das wollten, um 7 Uhr der Aikidō Unterricht dann für alle. Es gab üppiges Essen in einem geheizten Gemeinschaftshaus. Anni Subileau bekochte uns 2-mal am Tag, 3 gängig... – bis zu 100 Leute – was sie alleine mit ein bis zwei Helferlein fertig brachte.

Wir waren »eine eingeschworene Gemeinschaft« – trotz oder gerade wegen dieser eher harten Bedingungen. Jean-Luc bot einen sehr authentischen, körperlich fordernden und sehr persönlichen Unterricht an und förderte uns alle nach Kräften. Er konnte zuweilen auch sehr streng und übellaunig sein – besonders während der Dan-Prüfungsvorbereitungen, dann lies er oft kein gutes Haar an uns … Anni tröstete später beim Abendessen.

Er erwartete, dass man an jedem Unterricht teilnahm und sagte dazu, dass er ein komplettes Menu anbieten würde. – Manche Leute würden sich aber »à la carte« bedienen, wofür er absolut kein Verständnis habe.

Ich habe mir dennoch jedes Jahr die Freiheit genommen an einem der Nachmittage mit ein paar Leuten nach La Rochelle zu fahren, um wenigstens ein bisschen von Frankreichs Schönheit zu genießen. La Rochelle gefiel mir als schöne Hafenstadt sehr und war nicht weit weg.

Diese kleinen Abstecher waren Jean-Luc jedes Mal zu viel, denn wir hatte ja einen Unterricht von über 20 oder so ausfallen lassen … Danach gab es dann irgendeine Bestrafung: Yonkyo, Koshi-nage oder irgendetwas anderes Schmerzhaftes, jedenfalls erlebte ich es so. (lacht)

Jean-Luc Subileau Senseis Unterricht ist tiefgründig, er kann eine ganz besonders dichte Atmosphäre kreieren und führte uns oft an unsere Grenzen. Es war eine in jeder Hinsicht konzentrierte Zeit. Die Gruppe war eng zusammen und man konnte intensiv an sich selbst arbeiten. Ich bin bis heute sehr dankbar für diese lehrreichen Jahre in denen es für mich manche »Durchbrüche« gab. Ich blieb einmal 6 Wochen bei ihm und Anni. Tagsüber arbeiten wir zusammen, abends wurde geübt. Wir sägten Bäume, hackten Holz, schleppten Säcke, fuhren biologischen Mineraldünger zu den Bauern der Region. Eines Tages hatte er sich den Fuß verletzt und als wir in der Umkleide der Sporthalle ankamen, fragte ich ihn, wer denn heute unterrichten würde. Seine knappe Antwort war »Du«. Das war eine der permanenten Lehren dieser Zeit … Leben ist jetzt, spring rein! Keine Zeit sich auf irgendetwas vorzubereiten oder damit zu hadern, das da viel erfahrenere Schüler als ich waren, die im Gegensatz zu mir auch noch französisch sprachen.. Es gab mit ihm und Anni viele solcher Momente. Das Leben ist wie es ist, jetzt. Es wurde nur französisch gesprochen und ich musste es irgendwie lernen. Sie führten mit ihren Kindern ein arbeitsreiches, bescheidenes Leben auf dem Lande voller Energie und ohne Schnörkel. Alles war pur und direkt, auch die Kontakte an den verschiedenen Orten, an denen Jean Luc unterrichtete. Eine bedeutende Lehrzeit für mich.

Mit der Zeit hatten wir dann also drei Aikidō-Stile an der Uni in Marburg und dadurch natürlich auch einiges an Gruppen »Heck meck«. Wir lernten früh, dass Aikidō sehr vielgestaltig ist und dass die Koexistenz von »Stilen« an gleichem Ort durchaus langfristig möglich ist.

Wir teilten in Marburg über viele Jahre mit den Schülern von Asai Shihan die Matte, was einige amüsante Aspekte hatte, da die Unterrichtenden der beiden Gruppen bei Beginn zum An-Grüßen in unterschiedlichen Richtungen saßen. Der eine Lehrer saß zunächst zur Gruppe und drehte sich dann Richtung Kamiza, der andere saß gleich in Richtung Kamiza. Da beide Gruppen gleichzeitig auf einer Matte mit dem Unterricht begannen, fand dadurch immer ein zeitverzögertes Verbeugen in zwei Richtungen statt, was von Außen äußerst verquer aussah.
 
Was ich sehr interessant fand war, dass es kaum »Wanderbewegungen« zwischen den Gruppen gab – man übte zwar auch mal in der anderen Gruppe mit, wechselte aber nicht dauerhaft. Ich denke, dass es eine »energetische« Frage war, wer sich zu welcher Gruppe hingezogen fühlte. Sicher spielte auch der Gedanke der Loyalität und die Gruppendynamik mit eine Rolle. Der Konkurrenzaspekt im Aikidō, so wurde mir dadurch aber früh klar, ist letztlich nicht von Relevanz.


… das ist Politik, es kommt aber auch auf den Lehrer an, wenn er mit seinem Ego nicht d‘accord ist.

Ja, ich denke das z.B. zwei oder mehr Dōjōs an einem Ort, durchaus friedlich und freundlich koexistieren können. Das findet ja zum Glück inzwischen auch hier und da statt. Die Leute finden irgendwann »ihr Aikidō« und die Gruppe, die am besten zu ihnen passt und bleiben dann meist auch dort.
 Durch Jean-Luc Subileau Sensei mit dem ich mich auch heute noch verbunden fühle, habe ich dann später Christian Tissier Shihan kennen gelernt und war, wie damals viele junge Leute, von seiner dynamischen und athletischen Art des Aikidō und der Ästhetik des Ukemi seiner Schüler schnell begeistert. Dazu kam etwas später der Kontakt zu Franck Noel Shihan, der wie Tissier Shihan von Yamaguchi Shihan gelernt hatte und der eine unaufgeregte, kristallklare Didaktik zu bieten hatte. Zu dessen Aikidō fühlte ich mich nach einer Weile stärker hingezogen, da ich dort ungestörter lernen konnte. Die Atmosphäre um Tissier Shihan herum erlebte ich schnell als sehr kompetitiv und elitär. Mich störte das und ich fühlte mich von meiner inneren Suche abgelenkt.

1990 hatte ich dann das große Glück erstmalig Yamaguchi Sensei zu erleben und mir wurde schlagartig klar, dass es Dimensionen im Aikidō zu entdecken gab, die weit über die Bemühung um bestmögliche Kontrolle des Partners, um technische Perfektion, um Athletik oder präzise analytische Didaktik hinausgingen.

Ich bekam eines Tages die Gelegenheit Yamaguchi anzugreifen und fasste dabei sein Handgelenk. Es fühlte sich warm, entspannt, ja nahezu weich an, wie das eines Babys und dann bin ich drei Meter später wieder »aufgewacht …«  Ich bin also geflogen, ohne zu wissen, wie das genau passiert war. Diese Erfahrung wurde bis heute zu meinem energetischen »Kōan公案«.

Hier war etwas gänzlich anderes am Werke, als ich bis dato erlebt hatte, nichts das mit »30 Grad Winkel Blablabla« oder anderer offensichtlicher Technik zu tun hatte, nichts was mit Schmerz oder Kontrolle zu tun hatte, das wurde mir spontan klar. Aber was war da genau passiert?

Ähnliches erlebte ich später auch mit Endo Shihan. Das Körpergefühl im Kontakt mit ihm war zwar ganz anders, aber es gab ab und an auch diese Art »Zeitsprung« in meinem Bewusstsein.

Die Interaktionen von Kobayashi Hirokazu Shihan mit seinen Uke wiesen äußerlich in die gleiche Richtung, aber ich hatte nicht die Gelegenheit für ihn Ukemi zu nehmen und es selbst zu fühlen.

Bis 1995 hatte konnte ich glücklicherweise eine Reihe von Yamaguchi Sensei´s Seminaren zu besuchen und wurde ihm von seiner Übersetzerin Dr. Yoriko Yamada-Bochynek, die gleichzeitig meine Japanisch Lehrerin war, vorgestellt. Er lachte freundlich und mit tiefer Stimme über unsere holprigen, japanischen Begrüßungsformeln und hielt uns einen tiefsinnigen Vortrag über Aikidō, während er Zigaretten rauchte und Kaffee trank. Ich erinnere mich an seine sehr warme Hand, beim Händedruck, er schien regelrecht Wärmeenergie auszustrahlen.

Ich »verstand« damals natürlich nicht, was da genau passiert war – aber ich wollte es unbedingt irgendwann realisieren. Diese »Karotte vor der Nase« wurde zu einer anhaltenden »inneren Frage«.

1990 begegnete ich dann zum ersten Mal Endo Shihan einem der letzten Deshi von Ōsensei und seinem wundervollen Aikidō. Ich wurde sein Schüler und später einer seiner Deshi und besuchte fortan in jedem Jahr viele seiner Seminare vor allem in Europa, aber auch in Canada, den USA und in Japan. Endo Shihans Aikidō ist seit über 3 Jahrzehnte besonders prägend für mich.  … Lesen Sie mehr, in der Edition des AJ n°101DE

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