...Gedankenaustausch mit Hiroo Mochizuki aus Aix-en-Provence.

Es gibt da eine interessante Geschichte, mein Vater hat zu einer Zeit Aikido bei Meister Morihei Ueshiba gelernt, als Aikido quasi noch Jujitsu war. Erst nach dem 2. Weltkrieg veränderte Meister Ueshiba das Aikido stark, führte z.B. viele Kreisbewegung ein, die Bewegungen wurden grosszügiger.

Hiroo Mochizuki in seiner Wohung in Aix-en-Provence.
Hiroo Mochizuki in seiner Wohung in Aix-en-Provence.

Monsieur Hiroo Mochizuki, Sie, Ihre Familie und Ihr Vater, Minoru Mochzuki leben hier in Aix-en-Provence. Ihr Vater, der seit einigen Jahren bei Ihnen lebt, ist im Augenblick im Hospital, wie Sie mir am Telefon sagten?

Ja leider, er hat ein Magen-Darmproblem, was in diesem Alter nicht leicht zu nehmen ist. Aber wenn alles gut geht, wird er morgen vom »Centre Hopital d’Aix« in ein anderes Hospital, hier in der Nähe verlegt. So wird es einfacher, ihn zu besuchen. Er jetzt schon zwei Wochen dort und soll nun noch ein Monat im Hospital hier in der Nähe liegen. Wir sind alle voller Hoffnung, denn in seinem hohen Alter ist schnell »etwas passiert«.

Wir mussten auch den grossen jährlichen Sommerlehrgang in der Carmarque absagen, denn genau in dieser Zeit erkrankte mein Vater. Es hatten sich bereits ca. 250 Teilnehmer aus 14 Länder angemeldet.

Im letzten Jahr hat es noch ganz gut geklappt, er zeigte einige Techniken mit dem Schwert. Auch im Dezember fand in Bourg de Peage, bei Valence, ein grosser Lehrgang statt, an dem er teilnahm.


Genau, ein meiner Leser aus dem »Süd-Tirol« schrieb, dass er »um die Ecke« an einem Lehrgang teilgenommen habe, mit Minoru und Hiroo Mochizuki...
Wenn unser Service, die Seminareintragung auf der Homepage des Aikidojournal in Frankreich besser bekannt wäre, hätte sicherlich auch ich etwas von dem Lehrgang erfahren. Schade. Nun, ich denke, Ihr Vater beschränkt sich wohl auf nur noch kleine Vorführungen, oder?

Ja natürlich, denn er kann ja kaum noch gehen, räumliche Veränderungen sind fast nur noch mit dem Rollstuhl möglich. Aber Bewegungen mit den Armen, also Schwertbewegungen sind kein Problem, mit den Füssen jedoch...


Ich weiss, was Sie meinen, ich habe eine 99-jährige Nachbarin. Noch vor drei Jahren »hüpfte« sie mit ihren Ziegen über die Terrassen...
Sie sind jetzt der Nachfolger Ihres Vaters, Doshu des Yoseikan?

Es gibt da eine interessante Geschichte. Mein Vater lernte zu einer Zeit Aikido bei Morihei Ueshiba, als es noch Jujitsu war. Erst nach dem 2. Weltkrieg hat Meister Ueshiba das Aikido stark verändert. Es wurden viele Kreisbewegung eingeführt, welche vorher nicht praktiziert wurden. Alle Bewegungen wurden grosszügiger, vorher war alles direkter.

Man kann sagen, es war nicht unweit von dem was »Takeda Sokaku« damals lehrte, eben »Daitoryu-Jujitsu«. Nun, dies hat mein Vater von Morihei Ueshiba gelernt. Nach dem 2. Weltkrieg, ist unsere Familie und auch Meister Ueshiba nach Japan zurückgekehrt. Mein Vater war einer der nahestehendsten Schüler von Meister Ueshiba. Auch später besuchte er uns mindestens viermal im Jahr in Shizuoka (50 km vom Fuji entfernt).

Meister Ueshiba liebte meinen Vater sehr, es kam auch vor, dass er einen Monat bei uns blieb. So habe auch ich Meister Ueshiba kennengelernt. Einmal nahm er mich auch zu einer Vorführung mit und »setzte« mich für das Rollen ein. Wir hatten ein inniges Verhältnis, ein schönes warmes, fast väterliches Verhältnis.

Mir fiel damals schon auf, dass sich mein Vater mehr im Stil Jujitsu bewegte. Es zeichnete sich schon damals ein enormer Unterschied zum System von Meister Ueshiba ab. Er hatte wohl in den Kriegsjahren bereits viel verändert.

1951/52 ging mein Vater dann nach Europa, ich selbst war im Iwama, wo Meister Ueshiba lebte. So konnte ich mit ihm direkt arbeiten. Meister Saito, der unweit vom Dojo lebte, war auch dort. Dort lernte ich auch diese grossen Kreisbewegungen. Als ich später einmal über den Aikido-Werdegang meines Vaters nachdachte, glaubte ich zu erkennen, warum er Ueshiba Sensei so zugetan war. Es war diese Entwicklung, da war Leben drin. Die Techniken von Meister Ueshiba dürfen nicht erstarren, man darf sie nicht mumifizieren. Wenn ich versuche, ihn nachzuahmen, dann mumifiziere ich sein Aikido, es wird zu einer »toten Angelegenheit«, zu ägyptischen Mumien.

Ich denke, es ist wichtig, die Jujitsu Techniken und ihre Entwicklung fundiert zu kennen, zu wissen, welchen Weg sie in Japan gemacht haben, und dabei das Judo nicht zu vergessen. Mein Vater hat viel mit Meister Kano gearbeitet, aber das System von Meister Kano ist, den Gegner im Sturz aus dem Gleichgewicht zu führen. Meister Ueshiba benützt einen Kreis, um den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen – um dann den Gegner in einer Starrheit oder einen Sturz eintreten zu lassen. Das Wurfsystem zu dem von Meister Kano ist sehr unterschiedlich. Diese beiden Kreationen sind klar und unterschiedlich. Der Erfinder dieser Kreisbewegung – Meister Ueshiba – integriert ein Maximum an Techniken in sie.

Dadurch wurde das Aikido »reicher«. Mein Vater erkannte dies und hat in diese Richtung weiter gearbeitet. Aber leider gab es damals schon Probleme mit den alten Schülern von Ueshiba Sensei, die dem Aikikai in Tokyo Treue schwörten. Obwohl jeder hatte seine Art, Meister Shihoda seine, Meister Tomiki eine andere Art. Aber die Kreisbewegung von Meister Ueshiba hatten Vorrang.

Mein Vater, im Vergleich zu anderen Schülern von Meister Ueshiba, brachte in seine Arbeit eben die Technik des »sutemi« sowie die Technik der Sense. So gab es natürlich einen grossen Unterschied zu dem, was die sogenannt traditionellen Aikidokas machten. Das traditionelle Aikido bedeutet »horizontaler Kreis«, im Vergleich zu sutemi waza, was eigentlich das gleiche ist. Da ist auch Taisabaki mit drin, aber visuell ist sehr unterschiedlich. Das ist der Grund, weshalb die »traditionellen Aikidoka« nicht einverstanden waren, mit dem was mein Vater da entwickelte.

Wegen des Respektes, dem Respekt vor den anderen Aikidoka, nannte mein Vater das was er machte Yoseikan Aikido. Es ist immer noch Aikido.

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