Aikido und das europäische Langschwert. Teil 1

Lehrmethode von Georg Meindl

Georg Meindl 2013.
Georg Meindl 2013.

Dr. András Polgár: Georg, woher stammt die Idee Aikido mit dem europäischen Langschwert zu vergleichen? Der Gedanke erscheint mir eher unkonventionell. 

Georg Meindl: Es mag zuerst sonderlich scheinen, aber wenn man das genauer ansieht, dann ist bemerkbar, dass das Lehrmodel des Langschwertes einen tiefen Einblick in die Wurzeln jeder Kampfkunst bietet. Diese Lehrmethode habe ich so entwickelt, dass sie besonders gut nichteuropäische Kampfkünste aus europäischer Perspektive zu betrachten und Erkenntnisse zu sammeln ermöglicht, die nicht offensichtlich scheinen. Das ist wichtig, das ist keine Mischung von Stilen. Ich habe mein Lehrbuch und eine Lehr-DVD für die Methode nach diesen Prinzipien ausgerichtet.

Die Samurai haben mit ihrem um 1200 entwickelten Katana Asien unterworfen – was kann das Langschwert, was das Katana nicht kann?

Statuieren wir zuerst: Es ist keine Frage, welches Schwert besser ist. Was zuerst aber besonders sichtbar ist, sind die verschiedenen Strukturen der Schwerter. Das Langschwert hat zwei Schneiden und eine Parier-Stange – das Katana dagegen hat nur eine Schneide und einen eher kleinen runden Handschutz. Uns ist wichtig, wie und welches Schwert im Lehren und in der Erklärung des Aikidos helfen kann. Dazu  werde ich später gerne Beispiele bringen.

A.P.: Was ist deiner Meinung nach eigentlich die Beziehung zwischen Aikido und Waffen im Allgemeinen? Auf welche Waffen kann man die Bewegungen von Aikido augenscheinlich zurückführen?

G. M.: Im Gegensatz zu schnellen Einhandwaffen wie Degen und Messer oder vergleichsweise ein Jap im Boxen sind Aikidotechniken auf Zweihandwaffen ausgelegt. Daraus resultiert die angewendete Schrittschule. Bei Zweihandwaffen wird in der Regel das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagert (natürlich nicht immer) um das Körpergewicht auf die Waffe bringen. Dieses Gewicht hilft auch einen gepanzerten Opponenten mit geeigneter Waffe zu penetrieren. Darum ist ein Tsuki auch ein Stoß mit dem Körpergewicht und kein Schlag (Uchi). Das Zentrieren von Waffe, Hüfte (stärkster Körpermuskel) und Schritt entsprechen dem Umgang mit Zweihandwaffen und den daraus hervorgegangenen Kampfkünsten.
Auch das Zentrieren der Ellbogen dient dieser Verriegelung und hilft angreifende Kraft nach außen abgleiten zu lassen. Bei Kokyunage hängen sich Anfänger meistens genau dadurch auf, weil sie die Ellbogen nicht zur Körpermitte zentrieren.

A.P.: Wie sieht das europäische Langschwert aus und was kann man mit der Parier-Stange tun was mit dem runden „Tsuba“ nicht geht?

G.M.: Das Langschwert besteht aus dem Griff mit Knauf, der Parier-Stange, der oberen (kurzen) und der unteren (langen) Schneide sowie den Seitenflächen und der Schwertspitze (das Ort). Die Einteilungen der Klinge erfolgen je nach Perspektive in zumindest zwei und maximal vier Teilungen. Der Teil bei der Parier-Stange bildet den stärksten Teil und ist zur Abwehr daher am dienlichsten, der vordere Teil mit dem Ort ist der schwächste Teil und zum Parieren am ungünstigsten.
Wenn der stärkste Teil meines Schwertes den schwächsten Teil des gegnerischen Schwertes findet, dann habe ich einen sehr großen Vorteil. Die Parier Stange meines Schwertes schützt durch rechtzeitiger Drehung meine Hände und wenn ich weiter drehe, also winde, dann kann ich die gegnerische Schwäche zwischen meiner Parier-Stange und meiner Schneide einzwicken.

A. P.: Woher wissen wir den genauen Weg des Langschwertes in Europa?

g- M.: Das lange Schwert erfreut sich wachsenden Interesses durch die Wiederbelebung und Rekonstruktion europäischer Kampfkünste. Das älteste bekannte Fechtbuch ist das im Tower-Museum in London aufbewahrte deutsche Manuskript I.33 (ehemals LB Gotha, Ms. membr. I, 115), welches wahrscheinlich um 1300 von einem Mönch auf Lateinisch verfasst wurde, mit eingestreuten deutschen Fachbegriffen. Für die deutschsprachige Fechtliteratur ist Johannes Liechtenauers „Kunst des langen Schwertes“ grundlegend, die zahlreiche Nachfolgewerke initiierte.
(http://de.wikipedia.org/wiki/Fechtbuch)

A.P.: In Europa löste das Schießpulver sehr früh die Schwerter und Speere ab, was erhoffst du dir aus der Kunst des langen Schwertes, selbst wenn heute ein wachsendes Interesse damit verbunden ist.

G. M.: Heute ist die zeitliche Distanz eigentlich zu groß. Doch meine ich, dass die europäische Fechtschule näher zu dem Verständnis der westlichen Menschen stehen kann, als die Fechtschule in Osten. Interessante Tatsache ist, dass wir viele genaue Parallelen zwischen der Methode des Langschwertes und unserer östlichen Kampkunst, dem Aikido, finden können. Da bewährt es sich auch wieder, dass das Aikido auch von der Schwertkunst abstammt. Diese Beziehung zeigt die gemeinsamen Wurzeln der Gedanken der Kämpfer der Welt. Die Fechtmeister wurden unabhängig von Stylen grundsätzlich durch die physischen Prinzipien, durch die Struktur des menschlichen Körpers und durch das Schwert als Mittel verbunden. Die Auslegung der Aikidotechniken mit dem Langschwert gibt eine gute Möglichkeit das Interesse der neuen Generation zu wecken, um sie fürs Aikido selbst und für die Geistigkeit zu gewinnen. Das Verständnis der Grundprinzipien der Fechtkunst, sowie ihren Einbau in Aikido geben den Anfängern eine sicherere Basis und eine Fernsicht in der Arbeit und in der Denkart des Aikido.

A.P.: Du sagst, dass das Aikido von der Schwertkunst abstammt. Ich meine Osensei so verstanden zu haben, dass Aikido eine friedliche und keine aggressive Kampfkunst ist.

G.M.: Ja. Logik und Strategie der Bewegungen kommt meistens von der Schwertkunst und auch Osensei brachte das im ethischen Aspekt in einem höheren Niveau. Siehe die Geschichte des kriegerischen Satsu-jin-to und des friedlichen Katsu-jin-ken. Das friedliche Schwert sollen wir in unserer Methode mit dem Langschwert bewahren!

A. P.: Zurück zur Parier-Stange, welche Parallelen gibt es zwischen dem Tegatana von Aikido, dem japanischen Katana und Langschwert?

G. M.: Eine Bezugsherstellung zwischen Langschwert und den Aikidotechniken selbst? Davon abgesehen, dass das japanische Katana keine kurze Schneide hat, ergeben sich dennoch unübersehbare Parallelen zu den japanischen Kampfkünsten. Auch ergeben sich einige Verwirrungen.
Im Karate ist die Hand ebenfalls wie ein Schwert geteilt. „Uraken“ bedeutet Schwertrücken. Gemeint ist jedoch die äußere Fläche des Schwertarms bzw. der Faust. Die kurze Schneide, der Schwertrücken, wäre aber im Japanischen „Haito“, nicht „Uraken“. „Shuto“ als lange Schneide identisch. Da ich aber kein Kenner der japanischen Kanji bin, weise ich lediglich auf dies hin. Möglicher Weise unterliege ich einem Übersetzungsfehler.

A.P.: Was ist die Beziehung zwischen der Parier-Stange und dem Tegatana?

G. M.: Ein Vergleich zwischen Fingern und Parier-Stange des Schwertes? Finger halten nicht so viel aus wie eiserne Parier-Stangen. (lacht auf …) Dennoch können wir ohne sie keine Windung erzeugen. Darum hilft es sich mit Daumen und Zeigefinger …


Möchten Sie gerne mehr lesen – wir veräußern das AJ:
https://www.aikidojournal.eu/Deutsche_Ausgabe/2015/

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