Jochen Meier - 25 Jahre »shusoku-dōjō« in Rosenheim


Jochen während uneres Gespräches 12 Mai 2018 in rosenheim

… unser Gespräch fand im Mai dieses Jahres in Rosenheim statt. So bekam ich die Idee »mit der Zeichnung« später – nun aber kann ich die Proportionalität der Zeichnung, nach  so vielen Wochen des Besuches, des
»Shusoku Dōjōs«
nicht mehr garantieren …

Jochen Maier und Doris Weidemann, die Organisatoren,  die mittlerweile zu einer »Ikone der Yamada – Seminare« in Bernau geworden sind, feiern ihr 25-jähriges …


 


I. Die ersten Jahre und die großen Lehrgänge bis zur Eröffnung des Rosenheimer Dōjōs.

Angefangen habe ich mit Taekwon-Do bei Ulrich Michael, in der Sportschule Michael in Ulm. Ulrich Michael war bekannt als Spezialist für Taekwon-Do und Ju-Jitsu, er hat sich aber auch für Aikidō interessiert. Auf Lehrgängen mit Tada Sensei in Italien hatte er etwas Aikidō gelernt. Eines Tages wurden ein paar seiner Schüler von ihm eingeladen und wir konnten Aikidō ausprobieren. Ich war auch dabei, von der ersten Stunde an war ich von Aikidō fasziniert. So entstand um 1977 herum eine kleine Aikidō-Gruppe in seinem Dōjō.    
Bei den ersten Trainingsstunden hatte ich dann in der Ulmer Aikidō-Gruppe Herrn Tornow kennengelernt, einen seriösen und honorigen älteren Herrn, er war damals so um die 60 Jahre alt. Als Asien-Beauftragter eines großen Konzerns hatte er beste Kontakte und fand drüber einen leichten Zugang zu Aikidō-Meistern in Japan. Übrigens war Hannes Tornow auch Yoga-Lehrer, lange bevor irgendjemand an den heutigen Yoga-Boom denken konnte…
Nach zirka einem Jahr, Doris hatte die Internatsschule beendetet, kam sie mit nach Ulm und hat schließlich auch mit Aikidō angefangen. Zu der Zeit wohnten wir in einem kleinen Dorf in der Nähe von Heidenheim. Manchmal fuhren wir die 30 km mit einer wunderschönen, nagelneuen, roten Vespa zum Training nach Ulm. Bei schlechtem Wetter war das etwas grenzwertig, so habe ich bald einen verbeulten Peugeot 204 erstanden, der war unverwüstlich und hat uns treue Dienste geleistet. Schade, dass ich die Vespa verkauft habe, sie wäre jetzt ein schöner Oldtimer.

Durch Herrn Tornow angeregt, reiste ich in diesen ersten Jahren zu den Lehrgängen von Tada in Le Brassus/CH (1965 begann Tada dort mit den Lehrgängen). Herr Tornow war mit Tada bekannt, er hat mich damals vorgestellt. In Le Brassus traf ich auch oft auf Hans-Jürgen Klages, auch Heinz Patt habe ich dort kennengelernt. Klaus Broscheit kannte ich bereits durch seine Lehrgänge in Ulm und München. Als in Le Brassus keine Lehrgänge mehr ausgerichtet wurden, sind wir nach Coverciano in der Nähe von Florenz gegangen, um bei Tada zu trainieren. Parallel dazu fuhren wir von Ulm nach Hachen im Sauerland zu den Lehrgängen mit Yamada, die Klaus Broscheit organisierte. Natürlich besuchten wir die Wochenendlehrgänge von Asai, er hat zu dieser Zeit auch in Ulm Lehrgänge abgehalten. Ja, das sollte man nicht vergessen: von Asai habe ich viel gelernt.

Diese ersten, vor allem die internationalen Lehrgänge mit Tada waren die Initialzündung, die Inspiration, es war es die »Geburt meiner Begeisterung« für das Aikidō.

Dann kam die Studienzeit. Doris wollte in Rosenheim Innenarchitektur studieren und ich Geographie in München. Deshalb sind wir beide nach Rosenheim gezogen. Anfangs bin ich von Rosenheim aus für die Vorlesungen nach München gependelt und hab mich in das neu gegründete Dōjō von Heinz Patt eingeschrieben. Später bezog ich für die Zeit unter der Woche in München ein kleines Zimmerchen in einem Studentenwohnheim. Natürlich war Doris viel schneller mit dem Studium fertig als ich. Wir haben uns eine Wohnung in München gesucht und dort gewohnt, bis wir das eigene Dōjō in Rosenheim eröffnen konnten.

Da ich in München studierte, trainierte ich nun auch in München nahezu täglich im Dōjō von Heinz Patt – von hier aus fuhren wir dann nach La Colle s/Loup zu den Yamada/Tamura-Lehrgängen. Damals unterrichtete Yamada die erste Woche allein, erst in der zweiten Woche kam Tamura dazu.
In diesen ersten Jahren fand das Training in La Colle in einem kleinen Saal statt, der vom WWF für Animations-Veranstaltungen genutzt wurde. Es war mehr als eng. Schon bald wurde dann das große Open-Air Dōjō wieder eröffnet. Jetzt gab es viel Platz, dafür war das Training super-anstrengend, da am Anfang nur wenige Teilnehmer dabei waren, wir viel Platz hatten und Yamada eine komplette Woche das Training gestaltete.   
Die Münchner Zeit und viele weitere Jahre bis zu Tamuras Tod waren zum einen geprägt durch die Sommer in La Colle, aber auch von unserer Teilnahme an vielen Tamura-Seminaren in Europa. Ganz besonders einprägsam waren die ersten Seminare in Budapest – damals gab es noch den Ostblock – also vor 1989 …
Natürlich auch die USA mit einigen Trainings-Aufenthalten in New York – Was für eine Stadt … toll, für einen begrenzten Aufenthalt, aber dort leben wollte ich nicht. 


II. Die Geschichte und Entwicklung der Schule in Rosenheim

1993 eröffneten wir unser Dōjō in Rosenheim – und heuer feiern wir unser 25. Jubiläum …
Die Räume hatten eine besondere Ausstrahlung, waren aber total heruntergekommen. Wir mussten erst einmal Schmutz, Schutt und Staub vieler Jahrzehnte herausschaffen, um dann den Innenausbau des Dōjōs in Angriff nehmen zu können – auf diese Weise verbrachten wir endlos viele mühselige Stunden mit Knochenarbeit.

Rosenheim ist natürlich nicht München. Wir standen vor der Frage, wie wir hier genügend Menschen ansprechen wollen, um sie für das Aikidō zu begeistern.
Tamura meinte zwar zu mir, »Warum gehst du nicht nach Berlin? Oder schlug beim nächsten Mal Hamburg vor. Aber wir wollten nicht in einer Großstadt leben. Die Nähe zur Natur und den Bergen war und ist uns mehr wert, das ist für uns Lebensqualität… 

Möglicherweise ist die Zahl der potentiellen Mitglieder hier geringer als in einer Großstadt, aber die Miete für unsere Trainingsräume ist dafür auch etwas niedriger. Ohne groß über die möglichen Konsequenzen nachzudenken, schloss ich damals gleich einen Mietvertrag über 10 Jahre ab. Wir waren in diesen Dingen sehr unerfahren. Zum Glück ist es ja gut gegangen. Allerding möchte ich dies niemandem zur Nachahmung empfehlen. Die späteren Mietverträge zur Erweiterung unserer Räumlichkeiten habe ich alle mit einem befreundeten Rechtsanwalt besprochen und von ihm prüfen lassen.

Doris war von Anfang an dabei, seit Eröffnung des Dōjōs. Wir haben es Stückchen für Stückchen aufgebaut, es entwickelte sich im Laufe der Zeit zu dem, was es heute ist. Es waren dann recht schnell gute Schüler da, die ukemi nehmen konnten und das Training so positiv mitgestalteten. Dass Doris auch unterrichtete, war natürlich sehr hilfreich. So konnte ich an den Wochenenden auf Reisen gehen, meine Seminare geben oder Lehrgänge besuchen.  

Mit Eröffnung unseres Dōjōs 1993 boten wir auch gleich Yogakurse an. Yoga ist auch eine Passion von mir. Parallel zum Aikidō-Training hatte ich in der Münchner Zeit viel Yoga-Unterricht genommen und täglich Yoga praktiziert. Das war im Sivananda-Yoga-Vedanta-Zentrum.  

Auf dieses zweite Standbein setzte ich ebenfalls große Hoffnung. Meinem Enthusiasmus wurde jedoch ein Dämpfer verpasst, zum ersten Kurs kamen nur 2 Teilnehmer!
Doch als ich 1994 meine erste Yoga-Lehrer-Ausbildung abschlossen hatte, kamen bereits mehr Teilnehmer in die Yoga-Stunden.

Damals hielt ich die Yoga-Stunden und die Yoga-Anfängerkurse aus Platzgründen immer vor oder nach den Aikidō-Stunden ab. Daher erweiterten wir ca. im Jahr 2000 die Räumlichkeiten und konnten nun Aikidō und Yoga parallel zur selben Zeit anbieten. Kurz darauf, 2005, wuchs unsere Schule ein weiteres Mal: ein großer Yoga-Raum kam hinzu. Dies bedeutete zwar wiederum ungeheuer viel Renovierungsarbeit, doch diesmal machten wir es nicht in Eigenleistung.
Und wir erfüllten uns einen von Anfang an gehegten Traum: »wir konnten den historischen Balkon fachmännisch renovieren lassen.«
Darauf bin ich schon etwas stolz, denn der Balkon ist jetzt so etwas wie das Wahrzeichen der Schule.  
  
Nach all unseren Erweiterungen besteht unsere Schule nun aus dem Aikidō-Dōjō, dem Yoga-Raum mit Balkon und einer Tee-Lounge, in der sich auch Doris‘ kleiner Aikidō- und Yoga-Shop befindet.
Ganz zum Schluss mieteten wir noch ein Büro und einen Lagerraum für die im Bernau-Lehrgang benötigten Matten dazu.

Zeitgleich zu all unseren Erweiterungen machte Doris eine externe Yogalehrer-Ausbildung, gab nun auch regelmäßig Anfängerkurse und unsere normalen Yogastunden. Als ich dann die erste Yogalehrer-Ausbildung in der eigenen Schule anbieten konnte, war sie natürlich mit dabei.
Ein weiterer bedeutender Schritt für unsere Yoga-Schule war die Zertifizierung zur Ausbildungsstätte für Yogalehrer. Diese Zertifizierung halten wir heuer seit 10 Jahren, ein weiteres kleines Jubiläum, über das wir uns freuen und auf das wir auch stolz sind. Im Herbst beginnt bereits der 11. Jahrgang mit der Ausbildung.
Noch neu im Programm ist die Yogalehrer-Fortbildung, für die wir aber auch schon immer mehr Nachfrage erhalten.

Sowohl im Aikidō als auch im Yoga sind einige Lehrer von mir ausgebildet worden, die auch in der Schule unterrichten.
 
III. Die Aikidō-Krankheit. -  Zum Glück gibt’s bei uns Yoga.

Vor kurzem fragte mich ein junger Kollege, ob bei uns auch die Aikidō-Krankheit ausgebrochen sei. Er meinte damit die »Krise« der schrumpfenden Teilnehmerzahlen. »Nein,« konnte ich antworten, wir haben leichten Zuwachs, was Hoffnung macht. Es kommen junge Leute, die trainieren und wirklich lernen wollen. Auch Schüler aus der Jugendgruppe wechseln »aus Altersgründen« immer wieder ins Erwachsenentraining. Eine gesunde Basis ist wichtig, vor allem eine ausgewogene Altersstruktur.      

Wie man hört, sinken die Mitgliederzahlen in den großen französischen Aikidō-Verbänden. Ich denke, die großen Verbände mit ihren Einzelmitgliedern verlieren die Mitglieder an die immer mehr werdenden kleinen neuen Verbände. Die Verbände, in denen nur Gruppen Mitglieder werden, wachsen, zumindest, die, die ich kenne. Eine stagnierende Zahl von Neuzugängen verteilt sich auf immer mehr kleine Gruppen. Somit ist klar, dass die Gruppen schrumpfen.

Generell hört man, dass die klassischen Budo-Disziplinen Probleme haben, neue Mitglieder zu bekommen. Kinder und Jugendliche treten schon bei, aber eben wenig Erwachsene. Nun, in unserer schnelllebigen Zeit wollen die Menschen rasch Erfolg sehen und simple Lösungen angeboten bekommen. Die Ausdauer aufzubringen, eine Kunst zu erlernen und viele Jahre, ja Jahrzehnte damit zuzubringen, scheint nicht so erstrebenswert. Ähnliches gilt auch, wenn auch nicht im selben Maße, für das klassische Yoga. Ich beobachte zudem, dass Schüler immer mehr lernen müssen. Studenten haben immer mehr Stress im Studium und viele Leute, die arbeiten, werden von der Arbeit aufgefressen. Das soll heißen, die Freizeit wird weniger, es bleibt weniger Zeit, vermeintlich Nutzloses zu erlernen.  … Lesen Sie mehr, in der Edition des AJ 96DE

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