Filip Maric

Australien ist für mich gelb und orange, Neuseeland aber grün und blau.


Filip während unseres Gespräches in Frankfurt 2014.

AJ: Warum zieht jemand wie Du von Frankfurt nach Neuseeland?

F.M.: Es gibt mehrere kleine Gründe, zum einen pure Reiselust und eine erweiterte Reiselust, letzteres beinhaltete die Idee, im Ausland zu leben – zum Beispiel nach dem Abi im Ausland zu studieren.  Die pure Reiselust beinhaltete leider nur einen Monat Indonesien und viereinhalb Monate Neuseeland – dort machte ich das beliebte „work an travel“. Nach meiner Rückkehr kam meine Ausbildung als Physiotherapeut und dann begann mein Studium – dann ein wenig Philosophie, was ich schon immer machen wollte – danach wurde gearbeitet und dann wieder studiert – so ging die Reiselust in der Berufsausbildung unter. Immer wieder aber, auch jetzt, wenn ich hier bin, bemerke ich, dass ich aus der Stadt heraus will. Wenn du aus dem Fenster schaust,  siehst du nur Beton – selbst den Boden kannst du nicht berühren, auch den Himmel siehst du nur in Streifen, bedingt durch die Häuserzeilen. Diese Naturbezogenheit ist mir aber seit meiner Kindheit eigen. Nun kam nach Bologna noch die Befürchtung hinzu, dass meine Ausbildung durch Bachelor und Master ausgehebelt wird … Da ich die Ausbildung und Berufserfahrung bereits hatte, wollte ich in Deutschland kein Bachelorstudium beginnen, zumal mir das in Deutschland nicht gerade mit Erfahrung gesegnet erschien – man hatte ja gerade erst das neue Bologna-System eingeführt. So begann ich mich umzuschauen, wo dieses System bereits etabliert war und mein Englisch mir eine Möglichkeit des Studiums gab. Attraktiv war Australien, Canada und Neuseeland – nach einem wunderbaren halben Jahr in Canada waren aber letztendlich die Studiengebühren für Neuseeland ausschlaggebend – denn damals galt noch ein Abkommen zwischen Neuseeland und Deutschland, dass die nationalen Studiengebühren und nicht die Internationalen erhoben wurden … nun sind es fünf Jahre.

AJ: … so hast Du dich für die kältere Region entschieden, denn Australien ist doch …

F.M.: … es ist auch Heute noch für mich eine gefühlte Entscheidung – Australien ist für mich gelb und orange, Neuseeland aber grün und blau. Ich kann dir nichts Intellektuelleres dazu anbieten. (lacht) 

AJ: Du bis jetzt 34, wirst aber bald 35 Jahre –hast Du bereits in Deutschland mit dem Aikido begonnen?

F.M.: Ja, ich meine es war 97 oder 98, am Hauptbahnhof, bei Klaus – Anita Köhler war mein Sempei. Mit Aikido begann ich, weil ich Erich Fromm gelesen hatte – ständig erwähnte er Aikido und Zen … Nach einem halben Jahr aber war mir zumindest eines klar, dass ich nichts verstand – man fasst sich da an und rollt da herum, was ist das überhaupt für eine Kampfkunst … Sozial bin ich da auch nicht angekommen, sicherlich war ich sehr zurückhaltend, ich war hat erst 18 oder 19 Jahre –  nach einem halben Jahr hörte ich wieder auf. Außerdem hatte ich noch immer alte Verletzungen, von meiner anderen Leidenschaft, dem Snowboard fahren. Ein dreiviertel Jahr später kam immer wieder Literatur auf, in der Aikido oder Zen oder beides enthalten war – es verfolgte mich. Ein Blick in die gelben Seiten eröffnete mir Barbara Beste Schule für Aikido und Zen … So nahm ich mir vor, dort gehst du jetzt hin und machst beides, ein Jahr lang und dann kommt das Fazit.

AJ: … weißt du was der Unterschied zu dem „Dojo am Bahnhof“ war, warum es nun Klick machte. Die wenigen Monate mehr Reife werden es wohl nicht gewesen sein?

F.M.: Belesener, überlegter im Kopf – mit 17 habe ich das erste Mal ein Buch darüber gelesen und dann bei Klaus begonnen. Dann waren es einige Bücher mehr …  (lacht) Nein, keine Ahnung, wenig mehr empfunden … Zendo war intensiver, von Anfang an dabei. Da bin ich hängen geblieben und fühle mich auch sehr wohl.

AJ: Ist die Kopflastigkeit für dich wichtiger als das Gefühl? 

F.M.: Hmm, ich würde sagen, es hat mich immer getrieben Bücher zu lesen. (lacht)
Das ist auch so geblieben – das Fühlen, den Spaß dabei haben, war auch dabei, aber es war von Anfang an eine Suche, mein primärer Beweggrund war nicht der Spaß.
Bewegung ja – die liegt für mich auch im Gefühlsbereich. Aber auch eine Suche. Eine emotional geprägte Suche, die sich körperlich als auch geistig manifestierte. Doch, das ist auch Heute noch so.
[…]

AJ: Entschuldige, dass ich soviel rede. Bewegung wird gerne als erfüllend im Aikido dargestellt, was aber bewegte Osensei, seine Kampfkunst zu kreieren? Seine Suche endete nicht mit irgendwelchen Techniken.

F. M.: … ohh, ich höre dir gerne zu. Doch ich muss dir zustimmen, auch ich bin in den letzten Jahren zunehmend daran interessiert, was der Technik vorher geht. In dieser Hinsicht war für mich die Arbeit von Philippe Orban wichtig, die auch sehr stark in diese Richtung geht. Ich habe mich gerade gestern mit einer alten Bekannten, die früher auch in Barbaras Dojo war, unterhalten – bedingt durch meine Ausbildung gab ich früher dort eine Stunde, die nannten wir Dojointern „Physiogym“. Diese enthielt Physiotherapeutisches, Krankengymnastisches, aber als Körperschulendes, Kräftigendes, Dehnendes und Koordination förderndes Training galt. Also grundlegende Dinge aus der Physiotherapie, die mir schon damals wichtig für das Aikido erschienen, weil im Aufwärmtraining dies oft nur gestreift oder gar überflogen wurde – der Focus war nicht darauf gerichtet – eher unwissentlich … Das war kein super großes Ding, aber es kamen immerhin auch Leute, die kein Aikido machen. Wenn ich jetzt zurück denke, waren das Gedankenzellen, in die eben angesprochene Richtung. In den letzten Jahren ist dies größer und größer geworden – natürlich auch wegen meiner beruflichen Karriere. Aber es ist größer und breiter geworden – dazu muss ich dir sagen, dass ich den Begriff der inneren Arbeit nicht so gerne mag – was nicht weiter wichtig ist.

AJ: Würdest Du sagen, dass man durch Aikido den Körper versteht?

F.M.: Nicht zwangsläufig.



AJ: Wenn ich zurück denke, dann haben wir früher oft versucht unseren Körper zu berühren, zu massieren, die Bewegungsabläufe nach zu vollziehen, ohne an Aikidotechniken zu denken – es wurden auch Wochenendkurse organisiert um unseren Körper mit all seinen Bestandteilen zu kapieren. Physiotherapeuten hatten wir leider nicht – es war eher rudimentär.

F.M.: Ich erinnere mich an das Aufwärmtraining mit Barbara, eine Sache die ich mit genommene habe, war das Klopfen auf die Arme und Beine. Da dachte ich spontan, jetzt weiß ich, warum wir das machen – denn ich spürte auf einmal meinen ganzen Körper. Denn wenn ich mich berühre, dann habe ich eine Wahrnehmung von dieser Partie. Dazu kam nun das Bewusstsein, mit dieser Wahrnehmung – des Körpers – werde ich mich jetzt bewegen. Es war nicht explizit, aber das habe ich daraus mitgenommen – tiefgreifend.

AJ: Man kann aber auch mit dem Denken wahrnehmen.

Filip: Sicher, aber dazu bin ich dann doch zu sehr Physiotherapeut – eben „Berufsanfasser“. Normalerweise fassen wir ja andere an – aber hierbei berühren wir uns selbst und nehmen Kenntnis. …


Möchten Sie gerne mehr lesen – wir veräußern das AJ:
https://www.aikidojournal.eu/Deutsche_Ausgabe/2015/


 

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