Manfred Mann aus Bietigheim

„da gibt es etwas – das heißt Jiu-jitsu – damit kann ein Bursche …"


Manfred Mann während unseres Gespräches in Bietigheim. 24.01.2015

Manfred, was ist für Dich Aikido?

Manfred Mann: Als ich anfing, war das für mich eine fremde, mir total unbekannte Kampfkunst. Meine Großmutter, urpreußischer Abstammung, erzählte mir in jungen Jahren, ich meine, da war ich 12 oder 13 Jahre alt, „da gibt es etwas aus dem Osten – das heißt Jiu-jitsu – damit kann ein Bursche, der über weniger körperliche Mittel verfügt, einen wesentlich kräftigeren aufs Kreuz legen“. Das hörte sich für mich ganz gut an, da ich des Öfteren auf der Straße von älteren Jungs verprügelt wurde… 
Der Hintergrund zu dem von meiner Großmutter Geäußerten ist, dass es im 19. Jahrhundert einen Deutschen gab, der Leibarzt des damaligen Tenno wurde. Dieser Erwin von Bälz kam aus Bietigheim – es gibt hier sogar ein Museum – und er brachte sehr viel Japanisches mit in die Stadt, auch später das Verständnis zur Kampfkunst.
Bei nächster Gelegenheit forschte ich in der Schulbücherei – dort fand ich ein „uraltes Buch“ mit dem Titel „Judo“ der sanfte Weg. Das Buch sprach mich an. Wie es aber in dem Alter so ist, dauerte es – trotz meiner Begeisterung für das Buch. Da ich 12 Kilometer von Bietigheim entfernt wohnte, hatte ich ein Distanzproblem… aber als 15-jähriger wollte ich dann in das Judo Training – irgendwann saß ich im Bus und suchte den Judo-Verein in Bietigheim auf. Dort waren drei oder vier Leute auf der Matte und die Trainerin fragte gleich, „willst Du mitmachen“?  Natürlich wollte ich – und schon stand ich in Socken auf der Matte. Ich habe dann einige Trainingseinheiten mitgemacht, über Wochen, als ein anderer Trainer ins Dojo kam – quasi der Lehrer unserer Trainerin (Helga Auchter). Damals kam Volker Uttecht einmal im Monat aus Leonberg angereist, um uns zu trainieren – so kam mir dann das Wort „Aikido“ zum ersten Mal zu Gehör.
In Bietigheim gab es keinen Hakama, nur weiße Anzüge, so sah es für mich aus wie Judo-Training … Das alles war im Jahr 1972 und „ich war im falschen Training gelandet“. Wie peinlich!!! Der neue Trainer, der hatte so ein schwarzes komisches Ding an … was bei mir einige Fragen aufwarf??? Tja, meinte er, das ist Ai-ki-do.  Und seit dem Tag war ich hoch motiviert dabei …

Die Lehrerin, wo hatte sie Aikido erlernt?

In Leonberg. Dort ist sie von Volker Uttecht unterrichtet worden und hat in Bietigheim als Gelb-Gurt angefangen selbst zu unterrichten und eine eigene Abteilung gegründet.
Der Volker war schon gut. Den hast Du angefasst und „patsch“ aua, schon lagst Du auf dem Boden – das hat mich total fasziniert. So trainierte ich später bei allen Lehrern, die damals „greifbar waren“ – wie bereits gesagt, der Volker, Erhard Altenbrandt, Alfred Heimann etc. …

… das waren alles DAB [Deutscher-Aikido-Bund] Lehrer …

… das war damals noch „Deutscher Judo-Bund“ Sektion Aikido. Der DAB hat sich erst im April 1977 in Bad Bramstedt gegründet. Mein Freund Walter Oelschläger und ich, wir waren damals als Gründungsmitglieder im Norden dabei. Meister Nocquet war auch anwesend. Von da an war der machthungrige Herr Brand mit seinen viel zu vielen negativen Geschichten Präsident. Der Herr Altenbrandt aus Heidenheim, der war für mich ein guter Techniker, wenn der den richtigen Lehrer gehabt hätte, aus dem wäre was ganz Großes geworden – da waren Fähigkeiten vorhanden. Aber ich meine, dass der Herr Brand ihn berechnend manipulierte und für sich eingenommen hatte, aber er hat es sich bieten lassen, eigentlich wollte er es so … Der Herr Brand selbst war in seinem ganzen Wesen nicht frei und äußerst verkrampft, so war mein Eindruck. Meister Asai war sein großer Gegner, dann kam gleich der Hartmut Gerber – an denen tobte er sich regelrecht aus, auch auf gerichtlicher Ebene. Ich glaube den Herrn Wischnewski, den hatte er auch „Platt“ gemacht. Herr Brand brauchte immer Feindbilder, die er bekämpfen konnte, sonst hatte der keine innerliche Bestätigung.

Naja, ausgetobt ist illusorisch. Als ich Ende 1994 mit dem AJ begann, erhielt ich 1995/96 ein Schreiben aus Nord-Deutschland – „wie ich es mir erlauben können, ein AJ heraus zugeben ohne den größten Aikidoka Deutschlands, eben ihn, um Erlaubnis zu bitten. Den zweiten Brief habe ich ungeöffnet in meinen Kamin geworfen … Aber lassen wir dieses Thema. Wie ging es weiter auf deinem Weg?

Horst…! Respekt, ich ziehe den Hut vor dir … da hast du das Aikido-Prinzip „Ura“ voll angewendet. Und der Brief war dann sogar noch nützlich, der hat wenigstens etwas angenehme Wärme vor dem Kamin erzeugt … (lacht). Das was du mir da über Euer AJ erzählst, das glaube ich sofort, da kam Herr Brands Charakter voll zur Geltung. Solche Aktionen von Herrn Brand gab es in früheren Zeiten „dutzendweise“, schriftlicher Krieg, das war sein Hobby. Wenn man von Weitem nur „hu“ machte dann hat er sofort „gebellt“. Nach den „unendlichen Geschichten“ Brand/Altenbrand und DAB, haben wir uns in Richtung André Nocquet, Yves Cauhepe orientiert. Ich habe dann auch einige Lehrgänge bei anderen Lehrern wie z.B. Tissier besucht. Dann gab es einen Meister Merlét in Belfort, den hatte Walter Oelschläger auch einmal ins Bietigheimer Dojo zu uns eingeladen. Danach kam gleich ein böser Brief aus Bad Bramstedt ins Haus zu Walter. Man muss dazu wissen, der „Walter Oelschläger“ war mit dem Herrn Brand geistig auf gleicher Höhe, wenn nicht sogar „überlegen“ und das konnte der Herr Brand überhaupt nicht brauchen. Wenn der Walter auf die Rolf Brand-Briefe (in Aiki-ken Uke-nagashi Manier) zurück schrieb, dann hat er nicht nur etwas „gebellt“, er hat regelrecht „getobt“.

… vergiss es, es ist verlorene Zeit. Wie kam der Kontakt zu Kobayashi zustande?

Ja Horst, … du hast recht, total verlorene Zeit … eigentlich schade. Hartmut Gerber hatte Kobayashi Sensei 1978 als erster nach Rüsselsheim eingeladen. Da sind einige Ungereimtheiten – so dass Kobayashi Sensei im Februar 1979 in Nürnberg seinen zweiten Lehrgang in Deutschland abhielt. Das hatte der Reinhard Czempik mit viel Energie, Engagement und „Mut zur Sache“ über den Postsportverein organisiert. Zu dem Stage fuhren wir dann und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Meister Kobayashi kam auf die Matte und seine „Aura“ und die „Energie“, das war unfassbar. Man konnte mit den Augen nicht folgen was er machte, er machte es halt einfach. Physikalische Gesetzmäßigkeiten? „Fehlanzeige“, man hatte den Eindruck er verschob sie. „Unglaublich und faszinierend zugleich“! Um nicht weitere Verbands Pamphlete hier zu erwähnen, Walter erreichte es, dass wir 1982 aus dem DAB „entlassen“ wurden. Was nach der Satzung nicht ging, deshalb hat Herr Brand uns „zähneknirschend“ rausgeschmissen. Der Herr Brand, der muss dann innerlich „explodiert“ sein… Aber ein Ereignis muss ich dir jetzt doch noch erzählen und dann verlassen wir das Thema „Rolf Brand“ und „Deutscher-Aikido-Bund“. Bei einem großen Aikido-Lehrgang im Jahr 1979 in der Olympiastadt Autrans (nahe Grenoble) saß beim Abendessen der mittlerweile verstorbene Gerhard Kurz aus Murrhardt neben Meister Noquet. Und man unterhielt sich munter über die „UEA“ [Union-Europa-Aikido] und deren Entwicklungen. Meister Noquet sagte irgendwann mitten im  Gespräch, Herr Kurz … ich bin mir nicht mehr sicher … ob der Herr Brand als Generalsekretär der UEA mehr „nutzt“ oder „schadet“! Denn er agiert im Amt wie ein Panzer und walzt sehr viele ohne Rücksicht nieder. Eigentlich wäre das Krieg und nicht Aikido. Ich saß daneben und konnte das „1 zu 1“ mitbekommen. Der Herr Brand war „unbestritten“ ein guter Planer und Organisator, aber noch viel besser war er im Zerstören (Egoismus im Quadrat). Heute ist er sicher ein verbohrter alter Mann, vielleicht lebt er auch schon gar nicht mehr, der hat sich über Jahrzehnte so „viele Feinde“ gemacht die reichen eigentlich für 3 Menschenleben. Irgendwie kann einem der Mann schon etwas leidtun. So … jetzt verlassen wir aber dieses Thema, ist sowieso schon lange Vergangenheit.
So haben wir einfach wie vorher weiter gearbeitet, haben André Cognard, Giampietro Savegnago [Piero] in Italien besucht, oder Jean-François Riondet in Frankreich und sind fast allen Kobayashi Lehrgängen in Europa gefolgt und das Jahre lang. André, Piero oder Jean-François, alle 3 große „Persönlichkeiten“ und sehr, sehr gute „Aikido-Lehrer“, wir haben sie auch zu uns ins Dojo eingeladen. Es gab dann aber interne Querelen, danach hat André seinen Europäischen Verband,  die AAA gegründet, Walter ist dann gleich André gefolgt. Piero gründete, aber das erst später, auch seinen Europäischen Verband.

Du bist aber nicht zu André oder Piero …

… nein, ich wollte immer autark und frei bleiben, wie Meister Kobayashi in Japan. Von außen habe ich mir das alles sehr genau angeschaut und habe die Entwicklungen beobachtet. Ich bin aber persönlich in dem Verband von Piero Mitglied, das tat ich ihm zu liebe. Piero hatte ja zuerst den Namen von Kobayashi Sensei im Verbandsnamen integriert, was Kobayashi Sensei nicht wollte, er hatte das wohl mit dem Aiki-kai so vereinbart. Kobayashi sagte: Die Ideen des Aikido sind viel zu groß, sein Name sei nur ein gewöhnlicher Name und hat darin nichts verloren. Aikido werde es weitergeben, auch wenn er gestorben sei. So nannte Piero den Verband AIA.

Würdest Du Dich heute auch noch einmal so entscheiden?

… wahrscheinlich schon. Manches würde ich aber anders machen. Fehler erkennt man oft erst als Fehler, wenn man sie gemacht hat. Das ist halt mal so … „Erfahrungen“ muss man halt „erfahren“.
Als ich mit 15 in die Lehre kam, hatte mein Lehrmeister (noch nach altem Schlage) zu mir gesagt. „Kerle“ … [Bub] … ‚weischt‘ du was Erfahrung ‚ischt‘? Das ist die Summe aus „Erfolg“ und „Misserfolg“, das nennt man Erfahrung, merke dir das fürs Leben! Natürlich habe ich ihn ohne Mimik „innerlich ausgelacht“, sonst hätte er mir eine gescheuert, und dachte … er hätte was an der Waffel. Heute weiß ich … was er damals gemeint hat. Um nochmal auf deine Frage zurück zu kommen. Meister Kobaysahi erklärte mir in Japan, dass er mit seinem „Aikido-Osaka“ autark ist, die Freigabe dazu hatte er vom Hombu-Dojo erhalten.

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