Kerstin und Robert Meier aus Eggenfelden. Aikido – Sozialverein – ushi deshi – Jugendarbeit – Motivationsaufbau.

Irgendwann kam es zu einem »Aha-erlebnis« in unserer elfjährigen Kinder- und Jugendarbeit, denn wir stellten fest, dass diejenigen, die drei oder vier Jahre Aikido trainiert hatten, eher dazu bereit waren, mehr aus sich zu machen.

Kerstin und Robert Meier Leiter des Takemusu Aikido Zentrum e.V.in Eggenfelden.
Kerstin und Robert Meier Leiter des Takemusu Aikido Zentrum e.V.in Eggenfelden.

Durch unsere Vorarbeit werden es andere Vereine in Zukunft sicherlich leichter haben.


Kerstin und Robert Maier, welche Besonderheit gibt es in Euerem Dojo in Eggenfelden?

Robert M. – Seit 11 Jahren arbeiten wir mit Kindern und Jugendlichen zusammen. Daraus entwickelte sich ein pädagogisches Konzept, das wir bis zur staatlichen Anerkennung durchlaufen haben. Dadurch wurde es dann auch notwendig, von einem »normalen« Verein zu einem so genannten »Sozial«-Verein »umzusteigen«. So befindet sich unser neues Aikidozentrum heute in Eggenfelden, das in Teising wurde geschlossen, und ist nun ein anerkannter »Träger der freien Jugendhilfe«.

Besonderes machen wir insofern, dass wir ein Gewaltpräventions- und Antigewaltkonzept anbieten, sowie ein Antiaggressivtraining – wir arbeiten also auch mit gewaltbereiten, schwierigen Jugendlichen. Ein neues Konzept wurde jetzt mit den Arbeitsagenturen entwickelt; so haben wir nun auch ein neues Klientel, eben die 15–25-jährigen. Neu ist dies deshalb, weil wir mit dieser Altersgruppe bisher nicht gearbeitet haben, das endete bei den max. 18-jährigen. Hierbei geht es jetzt um Wiedereingliederung und um Orientierungsfindung. Dabei orientieren wir uns an dem Hausschüler – ushi deshi - System, das wir selbst in Iwama unter M. Saito Sensei kennen gelernt haben.

Aus diesem System haben wir die pädagogisch wertvollen Teile herausgezogen und diese auch für westliche Pädagogen verständlich begründet dargelegt, und somit haben wir auch diese Anerkennung erhalten. Diese Elemente werden in unserer Arbeit auch bewusst eingesetzt.


Wie viele Jugendliche sind das?

Wir haben 150 Vereinsmitglieder und dann noch externe Gruppen, die wir aber auch ins Dojo holen, weil es in dieser für sie fremden Umgebung leichter ist, mit ihnen zu arbeiten.
Und im ushi deshi - System?

Das läuft erst an. Wir mussten erst einen Zusatzantrag bei »Aktion Mensch« stellen, damit auch wir bezahlt werden. Denn die Arbeitsagenturen zahlen ja nur für die »Hartz 4«-Empfänger, also für diejenigen, von denen die meisten noch nicht einmal eine Ausbildung, geschweige denn einen Schulabschluss…, also sprich kaum eine Chance haben.

So wollten wir auf jeden Fall in einer »nicht harmonischen« Gruppe arbeiten, dazu ist ja Aikido geradezu prädestiniert, weil dies die Gruppendynamik besser trägt und damit wir nicht »als die Pädagogen« dastehen…

So muss jetzt erst noch die Finanzierung geregelt werden. Empfehlungen haben wir von überall erhalten, selbst bei der Regierung von »Nieder-Bayern« haben wir uns vorgestellt.


Wo kommen die Jugendlichen her, sind auch Strafgefangene dabei, wie ich sie bei mir hatte?

Nein, das sind Arbeitslose oder Jugendliche, die noch ein zusätzliches Berufsschuljahr absolvieren, oder die sogenannten »1-Euro-Jobber«…


Vorhin war die Rede von Jugendlichen mit Schwierigkeiten, was bedeutet das?

Benachteiligte Jugendliche nennt man das jetzt.


Hmm, benachteiligt?

»Multiple Vermittlungs-Hemmnisse« haben sie. Zumindest heißt das im Beamtendeutsch so.


Oohh! Tatsächlich??

Ja, sie sind orientierungslos und haben keine Perspektive… Es geht nicht so weit, dass sie straffällig oder drogenabhängig sind. Wir sind ja kein Heim und keine therapeutische Einrichtung. Diesbezüglich gibt es ja Projekte wie »Karate statt Knast« – die gehen dann rein in den Knast. Dafür ist Aikido zu fein.

Wenn noch nicht »alles verloren scheint«, dann können sie bei uns eintreten. Wir haben unter den so genannten »1-Euro-Jobbern« mittlerweile auch einige, die uns jetzt schon auf Grund unseres Status bei dem Dojo-Aufbau halfen. Dort ist aber leider all zu oft zu erkennen, dass einfachste Sozialkontakte nicht funktionieren. Grundvoraussetzungen wie Pünktlichkeit, Eigeninitiative, Eigentum… sind oft nicht vorhanden. Es wird einfach etwas genommen nach dem Motto: »Ich hätte es schon wieder zurückgegeben« oder »ich hätte es schon bezahlt…« Viele Jugendliche kennen nur den Umgangston, den sie auch mit Gleichaltrigen haben: »Ich nehme das und wenn es dir nicht passt, dann gibt's eine drauf…«; aber darüber hinaus gibt es meistens kaum Kenntnisse über Sozialverhalten, die außerhalb ihrer »Fernseherziehungswelt« liegen.

Sie haben das einfach nie kennen gelernt. Deshalb sind sie auch nicht vermittelbar. Da kommen Aussagen wie: »Der Chef hat mich so und so angeschaut…, der kann mich mal.« Also brechen sie ihre Beschäftigung einfach ab. Das juckt sie nicht, sie bekommen ihre 290 Euro im Monat auch so, und das reicht ihnen. In der Regel wohnen sie noch in Bedarfsgemeinschaft, im Elternhaus; dort ist die Karriereleiter identisch, sprich, dort haben sie auch nichts gelernt…

Dieses Problem wird immer größer, denn die Gewohnheit dieser Lebensform schwächt sie immer mehr, nach einigen Minuten Arbeit ist die Luft draußen, denn Bewegung kennen sie genauso wenig, es sei denn den Daumen auf der Fernbedienung …


Wurde bereits im Dojo in Teising mit dem pädagogischen Konzept gearbeitet?

Nein, das wurde erst mit dem neuen Aikido-Zentrum in Eggenfelden möglich, da wir nicht vor Ort wohnten.

Es ist also ein ganz junges Probjekt?

Ja, es besteht erst seit letztem Herbst. Mit der Einweihung des Dojos durch unseren Shihan Paulo Corallini wurde die Grundlage dafür gelegt.

Es gibt eben wichtige Aspekte in der Kampfkunstpädagogik; ich absolvierte meinerseits in Gauting, im Budoinstitut, die Budopädagogik. Meine Frau Kerstin ist Pädagogin an der Universität München. Beide haben wir, wie schon gesagt, auch in Iwama bei M. Saito Sensei das ushi deshi- System kennen gelernt. Gerade Saito Sensei betonte auch immer wieder die Wichtigkeit dieses Systems.

So ist auch die Universität München an unserem Projekt interessiert und möchte es begleiten.

Aber die bürokratischen Mühlen laufen eben langsam. Wir sind auch Mitglied im paritätischen Wohlfahrtverband; so musste unser Sozialverein erst einmal vier Jahre bestehen, bevor er anerkannt wurde. Aber dort bemüht man sich wirklich, die bürokratischen Barrikaden hilfreich zu beseitigen.
So üben wir weiterhin mit den »1-Euro-Jobbern«…


Dies ist sicherlich nicht leicht, oder?

Ja, man muss das Klientel wirklich erst kennen lernen, um die jungen Menschen dann auch führen zu können. Schon jetzt üben wir z. B., wie man mit diesen Jugendlichen die Dojo-Etikette einführt. Wir schließen einen kleinen Vertrag mit ihnen zur Einübung von Respekt; Respekt gegenüber den Menschen, dem Eigentum … Es sind Dinge, die man, wie vorher schon gesagt, erst »festschreiben« muss. Allerdings ändert sich das auch wieder täglich; die Basis von gestern ist nicht unbedingt die Basis von morgen.

Es hat wirklich etwas »Budo-Mäßiges«. Man kann nicht einfach voraussetzen - hinfallen und wieder aufstehen, hinfallen und aufstehen… Das ist auch für uns ein Lernprozess, denn man darf das nicht ernst oder persönlich nehmen. Doch die Jugendlichen wissen es nicht anders, sie können es nicht, sie müssen eben vieles erst von Grund auf lernen.

Sie machen diese Erfahrung bei euch aber nicht freiwillig?

Kerstin M.: Doch, sie müssen es freiwillig machen, sonst kommen sie erst gar nicht zu uns. Das Konzept basiert darauf, dass sie freiwillig kommen müssen. Wir arbeiten auch bewusst darauf hin, dass ein freiwilliger Anteil bezahlt werden muss, wenn es z. B. auch nur ein Anteil am Essen ist, weil die Bezüge von der Arbeitsvermittlung nicht so hoch sind. Es muss eine Eigeninitiative da sein, denn sonst kann man davon ausgehen, dass Veränderungen nicht angenommen werden.

Das Aikido ist zwar für sie attraktiv, aber wenn sie keinen Zugang finden wollen, dann bleibt es unverändert

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