Wolfgang Küppers

Ein Interview mit Folgen ? Interview über ein Interview ∞ Edition 97DE


Wolfgang während unserem Gespräch 1. Juni 20018

Da ich meine Beamtenausbildung in Münster machte, konnte ich meine ersten Aikidō-Erfahrungen im Dōjō des Aikikai Münster machen, da lernte ich auch Meister Asai kennen. Meine Beamtenausbildung dauerte drei Jahre, in denen ich von Meister Asai bis zum 4. Kyu geprüft wurde.

Ich bin im Stadtteil »Schalke« von Gelsenkirchen geboren, folglich zog ich nach meiner Ausbildung nach Gelsenkirchen zurück. Leider ist der Stadtteil »Schalke« heute »sehr verdichtet« – ein altes Arbeiter-Viertel – aber auch sehr schwierig. Die Stadt versucht zwar mit vielen Programmen die Entwicklung aufzuhalten und »Schalke« wieder zu beleben und lebendwert zu machen – es gelingt ihr aber nicht … nur mit behandschuhten Händen zu berühren – wer in die Region Gelsenkirchen zieht, zieht nicht »Nach Schalke«.
In Gelsenkirchen fand ich eine Aikidōgruppe, die Jürgen Schuschke, der am örtlichen Nahverkehrsunternehmen beschäftigt war, leitete. Er hat die Gruppe, gleich einer Werksportgruppe, aufgebaut und nannte die Gruppe »Aikikai Bogestra« (Bochum-Gelsenkirchener-Straßenbahnen AG). Jürgen ist ein alter Schüler von Herrn Asai. Er war ein Lehrgangsreisender, was er ein wenig an mich weitergegeben hat. Fünf Jahre war ich bei Jürgen – es war nur eine kleine Gruppe.


Eine Stagnationsphase ereilte mich – aber die Besinnung kam und ich fuhr oft alleine zu Seminaren mit Meister Asai. Nach 17 Jahren wollte Jürgen auch aus gesundheitlichen Gründen seine Aktivität beenden und fragte mich, ob ich die Gruppe weiterleiten wolle. Da ich aber kein Angestellter des Verkehrsunternehmens war, wurde ich vorgewarnt, dass das Dōjō an ihn gebunden sei … So ging ich auf Dōjō-Suche und fand sehr schnell den Judō Club Koriouchi Gelsenkirchen e.V. – der einen hohen Bekanntheitsgrad hatte und wieder hat. Sie hatten »Mattenzeiten« frei, die ich haben könnte, wenn wir eine Mitgliedschaft anstreben würden … »Glück gehabt« – das taten wir – denn Hallen zu finden, ist nicht immer einfach.
Auch wenn nun meine Truppe wahrscheinlich »die kleinste Gruppe« im Aikikai Deutschland darstellt, doch diese kleine Gruppe begleitet mich nun schon seit zehn Jahren.

2008 kam es zu »dem Umbruch« – Jürgen hörte auf und wir sind umgezogen … leider ist die Hälfte der Mitglieder nicht mit  gezogen.

Einen kleinen Zuwachs hatten wir zu verzeichnen, da doch immer wieder Mal jemand unsere Tür öffnet, auch mit auf die Tatami folgt …  – aber es ist »unheimlich schwierig, neue Leute zu halten«. Ich denke, es liegt mit daran, dass die Entwicklung in der Relation verhältnismäßig sehr langsam voran schreitet und man selbst die wahre Entwicklung nicht bemerkt. Das kann schnell frustrieren. Hier kommt erschwerend hinzu, dass das Geld nicht so locker sitzt und diese Region ist Fußball vernarrt. Dagegen anzukommen, dass es nämlich neben Fußball auch noch etwas anderes gibt, ist ein Mammutobjekt … – sehr schwer. Es ist leider so, dass ich die Wenigsten habe halten können.

Fußball dagegen ist ein Phänomen der Masse, das Gemeinschaftsgefühl wird zelebriert, die Herkunft geht mit der Identifikation – mit »Schalke« – einher. Schalke 04 ist ein uralter Bergbauverein …
»G« für Gelsenkirchen und links der Hammer, der in dem Bergwerk zum Abbau benutzt wird.

Ich bezeichne Meister Asai als meinen Lehrer, denn ihm folge ich … Im Kindertraining verwende ich diese Aussage, dass auch ich noch immer lerne, eben bei ihm – »wie ich euch Aikidō vermittele, so vermittelt er mir, das, was er von Ōsensei lernte. Er ist meine Hauptquelle des Aikidō … für die Techniken und Inspiration.«


Nun las ich in den drei Editionen des AJ das lange Interview mit Gerd Walter – ich kannte Gerd Walter dem Namen nach und das er eine wichtige Person ist. Auch bevor sich seine Gruppe von Meister Asai trennte, nehme ich an.

Das, was er sagte, darin konnte ich mich wieder finden. Es ist ein abstrakter Text, weil er sehr in das Philosophische geht. Er erklärt das mit seiner Erfahrung auf den Tatami und bezieht sich auf seinen alten Meister Noro – wie dieser sich bewegte, aber auch wie dieser unterrichtete, mit dessen Selbstdarstellung …

Ich selbst lernte Noro bei drei Kinomichi Seminaren, die er auf Einladung von Meister Asai gab, kennen. Düsseldorf ist für mich als autolosen Menschen gut erreichbar, aber mit der Zeit stiegen die Teilnehmerzahlen dermaßen, dass kaum noch Platz auf den Tatamis war – es wurde mir zu eng. Meine Erinnerung an Noro war deckungsgleich mit dem, was Gerd Walter in dem Interview sagte. Diese »weichen Bewegungen« – typisch für das Kinomichi, »Bewegen, große Bewegungen über den gesamten Raum verteilt und dabei Präsenz zeigen«. Dazu sagte er immer, »seien Sie sexy, drücken Sie etwas Besonderes aus«. Fangen Sie an zu strahlen, das »strahlen« zog er in die Länge …  – sein Grinsen ging dabei bis an die Ohrenspitzen und die Augen verkleinerten sich ins Schelmische. Genau so beschreibt Gerd Walter, »Noros Darstellung« in dem Interview. Darin kann ich mich wiederfinden, es trifft meine Erinnerung. 

Die ganzen Jahre habe ich wenig von dem Spirituellen im Aikidō mitbekommen, nicht dass ich es prinzipiell vermisste, aber der Geist will auch gefüttert werden. Die Sinnsuche, oder wo führt mich »der Weg« hin. In der Regel üben wir Prüfungstechniken, die oft, allzu oft, wiederholt werden. Ich würde mir mehr Nuancen wünschen, dass man über das Technische hinaus kommt – Feinheiten findet, nicht dass die Hand, um drei Grad gedreht, gehalten werden sollte. Eher was diese Bewegungen für mich bedeuten können.
Philosophisch betrachtet hat das niemand – Meister Asai ist kein spiritueller Mensch, Jürgen  Schuschke war es auch nicht. Ich würde eher sagen, das, was ich von den beiden vermittelt bekam, war »konkretes« Aikidō, was praktisch erfahrbar ist – was sich auch außerhalb der Tatami umsetzen lässt. Es ist kein hartes, sondern immer noch Bewegungs-Aikidō, kein Kampfsport, es ist konkretes erfahrbares Aikidō.

Das Schauen, was macht diese Bewegung mit mir selbst, wie mache ich sie schöner, konzentrierter – das fehlt ein Stück weit.


Das fand ich in dem Interview, als Gerd Walter sagt: »in der Regel wird auf der Matte zwischen Anfänger und Fortgeschrittenen unterschieden, was aber völlig irrelevant ist« – das habe ich selbst erfahren. Weiter erklärt es: »denn ich habe mich völlig in der Technik hinein gegeben, so konnte ich sie aufnehmen, erfahren und umsetzen«. Das war sehr gut von Gerd Walter erklärt.
 
Es ist nicht das, was mir meine Lehrer mitgegeben hatten, dafür sind sie selbst zu eigenständige Personen – aber es ist das, was ich daraus machen konnte. Das habe ich in dem Interview gefunden – das fehlte mir. Denn mit den Aikidōlehrern, mit denen ich bisher arbeitete, bekam ich diese Richtung nie gezeigt.
Es gibt Ausnahmen, die mich auch immer wieder überrascht haben, wenn z. B. Meister Asai im Sommer Meister Mijamoto Tsuruzo aus Japan einlädt – ich meine, dass Mijamoto mittlerweile auch 8. Dan ist. Seine »Eigenart« ist, dass er sehr viel zeigt. Denn er sagt, ich werde ja nie auf dieselbe Art angegriffen, also muss ich auch immer anders regieren. Sein Aikidō ist unglaublich dynamisch.


Des Öfteren schon dachte ich mir, dass das für einen Anfänger unglaublich schwierig sein muss, dies auch nur annähernd nachzuvollziehen zu können – selbst für mich, mit einem langjährigen Hintergrund, ist das alles andere als einfach. Man muss bei ihm alle Gedanken, wie Kategorien – das ist shihō nage, das ist kote gaeshi etc. – auszublenden und sich auf ihn einlassen, um zu verstehen, was passiert da …

Das ist eine Feinheit in Vielfalt.

Man muss lange üben um darüber hinausgehen zu können – vielleicht liegt es aber auch an uns Lehrern, die »ohne Plan« uns versuchen aufzubauen.

Er sagt dazu, ich muss weg von der Routine, hin zu einer natürlichen Bewegung.

Das ist eigentlich das Schöne im Aikidō, die runden Bewegungen – nicht nur Techniken. Das kann einen Lebensweg darstellen. Ich versuche etwas von außen, um mich herum zu zentrieren – das umzuleiten und wieder weiter zugeben. Es ist ein Prinzip des täglichen Handelns.

Auch wenn man schon lange trainiert hat, hält Aikidō »noch ein großes Potential« … Da habe ich Freunde daran, das zu erspüren.


Wenn ich sehe, dass jemand eine ganz andere Bewegung vollzieht – kleiner, nicht so groß, aber runder, schöner wie du … – siehst du, das geht auch … es wird sofort ausprobiert, eine weitere Bereicherung.

Das ist der Weg, wie ich Aikidō verstehen möchte … wie Gerd Walter sein Aikidō beschreibt, wie er es übt, kennengelernt hat, aufgenommen hat – darin finde ich meine Gedanken wieder. Ich kenne ihn nicht, ich habe ihn nie gesehen – auch weiß ich nicht, wie es damals war, als er mit Meister Asai und dann mit Meister Noro trainierte. Das muss unheimlich spannend gewesen sein.

Ich habe das jetzt mit meinen eigenen Worten und Tun verbunden, ich finde mich darin gut wieder. Deshalb »mein Urteil«, das ist das Beste, was ich je über Aikidō gelesen habe.

Gerd Walter sagt ja, dass das ständige Verbessern für ihn nicht maßgebend ist – es überraschte mich, denn es ist m.M.n. ein Weg des ständigen Aufbauens – so habe ich es kennengelernt. Mir fällt es schwer zu erkennen, worauf er da hinaus will …  In dem drittletzten Absatz könnte noch das Beispiel oder vielmehr die Anekdote von Gerd Walter erwähnt werden, in der er Meister Asai, dass es nur um das Eins- Sein mit sich und seinem Tun ginge, dass wir im Aikido daran arbeiten. Asai Sensei glaubte das nicht, räumte aber später ein das Meister Noro die Sicht von Gerd Walter bestätigt hatte. Weiter schildert Gerd, wie er sich mit hochwacher Aufmerksamkeit in die Tai sabaki Bewegung hineinbegibt. Eine natürliche Bewegung stellt das Geheimnis dar, Der gesamte „Weg der Verbesserung“ ist eine Selbsttäuschung – solange das Training für diese Tatsache blind ist. … Lesen Sie mehr, in der Edition des AJ 97DE

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