Jörg Kretschmar

… ein Fespräch in einem wunderchönen Dojo in Köln Edition 98DE


Jörg, währem unserem Gespräch am 29. September 2018 in seinem Dojo

Warum machst du Aikidō?

Jörg: Ursprünglich war es, »eine Sinnsuche« nach alternativen Lebenskonzepten oder Entwürfen. Da waren Fragen, so z.B.: Warum sind wir, wo wir sind? Was ist unsere Aufgabe im Leben? … – so wie bei wahrscheinlich vielen Menschen, die sich fragen, »was gibt es noch?«

Mein Großvater war Buchhändler mit einer großen privaten Buchsammlung und besonders die Bücher über die gesamte asiatische Region trafen meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Als er verstarb, kam all sein bewegliches Hab-und Gut in den Keller meines Elternhauses. Es war ein Paradies zum Stöbern – ich war fasziniert. Unzählige Male schaute ich mir Bilder der japanischen Zen Gärten, Buddha Figuren oder Klosteranlagen an – es war nicht nur der japanische, sondern die Bilderpracht des gesamten asiatischen Kulturraumes, die mich faszinierte.  

Ungefähr nach der Konfirmation kam in mir die Frage auf, ob das denn alles sei, was unsere Glaubenssysteme anzubieten hätten: Dieses »Glaube, und du wird Glückseligkeit erfahren«, das, was eben die christlichen Kirchen anbieten. Als Teenager für mich ein »NoGo«, es fehlte mir einfach das Schlüssige …


… hast du dich schon davor kritisch mit der hiesigen Religion auseinandergesetzt?

Nur wie man das als Kind in Deutschland oft erlebt – im Konfirmationsunterricht und da meine Familie sehr musikalisch ist, auch viel durch Kirchenmusik.

Aber tatsächlich sagte ich mir als pubertierender Teenager: »das reicht mir nicht«, ich möchte mehr verstehen. So begann ich mich für die asiatischen Denkmodelle oder Philosophien zu interessieren … »und wühlte wieder in den Büchern meines Großvaters« – rein aus Interesse.

… die Bücher trieben dich an?

Ja.

… ich frage so intensiv nach, weil ich deutsche Bücher »über ‘die Taten‘ der Kirche« in die Finger bekam, was mich veranlasste, einen Tag nach meinem 18. Geburtstag, aus der Kirche auszutreten.

… ich bin vor der Haltung zurückgewichen, »einfach nur zu glauben« – ich konnte mich nicht hinstellen und das Glaubensbekenntnis aufsagen … es ging einfach nicht. Ich hatte eher den Eindruck, ich müsste für mein Glücklichsein selbst etwas unternehmen, forschen.

Das erfährt man in der Meditationspraxis – man erforscht seinen Geist und seine Gefühle. Man lernt den eigenen Geist kennen, man sieht sich selbst, wie man in die Umwelt hineingeht, welche Gefühle dieser Prozess auslösen kann … sein eigenes Wesen – wie man tickt.
In einem der Artikel, aus den Büchern meines Großvaters, las ich über Aikidō! Darin hieß es, dass Aikidō so etwas wie »Meditation in Bewegung« sei. Das sprach mich an, da ich als junger Mensch Probleme hatte mich ruhig hinzusetzen. Das merkte ich, da ich eine Zeitlang Zazen übte – oder »versuchte« – sehr ernsthaft war das sicher nicht …
 
… wie alt warst du da …?

… ich war 16 – … daher war ich mir nicht sicher, ob ich das überhaupt hinbekäme, mich ruhig zu halten, meinen Geist zu beobachten. Heute ist mir klar, dass es Zeit braucht, Übung und Wiederholung, aber damals … Wie gesagt, »Aikidō – Meditation in Bewegung« interessierte mich brennend – aber in dem Moment habe ich das irgendwie doch nicht weiter verfolgt. Statt dessen übte ich eine Zeit lang Jūdō, ein wenig Karate, viel Sportbogenschießen und dann auch  Kyūdō. Ich habe überhaupt sehr viel Sport gemacht.

Als ich mit dem Zivildienst begann, erzählte mir ein Freund, dass er mit Aikidō in Köln angefangen hätte. Er hatte eine Probestunde gehabt und »ob ich nicht mal mitkommen wollte« – dann war es geschehen: »Na klar, davon habe ich schon gelesen und ich weiß ja in etwa worum es da geht« rief ich aus, »da muss ich hin« …

So habe ich angefangen. Im ersten halben Jahr durfte ich nur wenige Anfängerstunden besuchen. Als das vorüber war, da hielt mich nichts mehr, ich trainierte jeden Tag –nutze jede Gelegenheit ins Dōjō zu gehen.

… wo hast du angefangen?

… bei Hans-Jürgen Klages. Die ersten einundeinhalb Jahre war das meine Hauptanlaufstelle. Dann lernte ich zunächst »die Franzosen« kennen, Christian Tissier kam damals noch in das Dōjō von Hans-Jürgen und Dirk Kropp … – das war dann ein Riesenspektakel, auch Tamura Sensei war einmal da und vor allem Philippe Gouttard. Von seiner Physis war ich sehr beeindruckt, »ein sehr intensiv trainierender Lehrer«. Er hat mich auch direkt am Schlafittchen gepackt und durch die Gegend geschleudert – bis ich nicht mehr wusste, wo oben und unten war. Das fand ich sehr reizvoll – es hat mich stark motiviert. Dieses intensiv physische dynamische Training … Das war die Antwort auf meine ursprüngliche Frage: »was spricht mich an?«  Hier war sie – ich hatte nun dieses Aikidō gefunden.

Ich habe dann alles andere um mich herum so eingerichtet, dass ich Aikidō machen konnte. Meine Eltern haben vermutet, ich würde studieren (Jörg bricht in Lachen aus) – ich glaube, die ersten zwei oder drei Semester war das mehr ein Alibi … Ich habe damals mit BWL und Geschichte angefangen, daraus wurden dann recht schnell die Fächer Philosophie und Sport. Es sollte das Grundrüstzeug werden, was ich mir erarbeiten wollte, um als Lehrer so etwas wie ein Handwerkszeug zuhaben. Aber eigentlich machte ich hauptsächlich Aikidō – jeden Tag, wenn es ging.

Ich habe dann oft Philippe Gouttard in Frankreich besucht und bin auch mit ihm auf »Lehrgangsreisen durch Europa« getourt – nach 5 Jahren Training hat er mich dann »nach Japan mitgenommen«.

Ich wäre da das erste Mal alleine nie zurechtgekommen, denn 1999 war das ja noch nicht so einfach in Japan zu reisen …

… und  das Preisniveau für die Reisen war noch recht hoch zu dieser Zeit …

… ja, sehr teuer. Ich konnte das gut vorbereiten, hatte einige Jobs, so zum Beispiel (Jörg zeigt auf meinen Fotoapparat) als Fotoassistent, was meine Reisen finanzierte.

Japan hat heute eine andere Infrastruktur – man findet sich wunderbar zurecht, alle Beschilderungen sind zweisprachig, überall Internet- und W-LAN-zugänge, sodass man findet, was man braucht. Bei meiner ersten Reise hat Philippe mir gesagt »komm einfach nach Tokyo und wir treffen uns dann am Flughafen«. Ich bin einfach ins Flugzeug gestiegen und zum vereinbarten Zeitpunkt dort erschienen … Während des Fluges muss man allerdings ein Visumsformular ausfüllen und angeben wo man wohnt. Ich hatte nichts in der Hand – ich wusste nicht wo ich wohnen werde. Was sollte ich nun schreiben … – in Japan irgendwo? – Ich wusste es nicht, also habe ich einfach die Adresse vom Honbu-Dōjō eingetragen. Was zum Glück auch niemand beanstandet hat.

Ich hatte fünf Jahre Aikidō gemacht, gerade den 2. Dan bei Hans-Jürgen abgelegt und bin ohne irgendeine genaue Vorstellung in Tōkyō gelandet – wenn mich Philippe nicht in den ersten zwei Wochen herumgeführt hätte … ich wäre verloren gewesen. Nach seiner Abreise konnte ich dann »das Unbekannte« für mich entdecken. Ich brauchte immer und überall eine Hilfe, fand mich gar nicht zurecht, konnte mich nicht ausdrücken, das Essen war ungewohnt, selbst das Wetter beeinflusste mich mehr, man schläft auf dem Boden. Insgesamt war ich die ersten zwei drei Jahre jeweils für drei Monate dort, um das Touristenvisum voll auszunutzen. An dieser Stelle habe ich in jeder Hinsicht noch einmal neu angefangen.

Bis dahin hatte ich das Training aus der Sicht von Hans-Jürgen und Philippe kennengelernt. Die Lehrer des Honbu Dōjō – vor allen Endo Sensei, aber auch Kuribayashi Sensei und die Freunde, die ich in all den Jahren dort gefunden habe, die haben auch immer wieder etwas anders, mir neues, gemacht, das ging über die Anwendung der Technik hinaus… was interessant aber auch sehr unbekannt für mich war.
Fast automatisch kam das »warum und wie« machen die das so.

So bei Endo Sensei, was macht sein Aikidō anders – ich wurde genauso dynamisch geworfen wie bisher, aber keineswegs schmerzhaft oder gelenkbelastend. Besonders bewegte mich die Frage, wie kann er – scheinbar unberührt dastehen, wir als Uke haben aber verdammt viel zu tun. Es erschien mir »leicht und ohne Kraftaufwand« – so wie er dasteht. Das hat mich sehr beeindruckt, verstanden habe ich damals nichts.

Aber das war es, eine Art Initiation. Eine Herausforderung.

… wie alt warst du als du nach Japan gingst?

25 Jahre.
Es war wirklich ein Erwachsenwerden. Altes vergessen und sich an diesen Herausforderungen reiben, wie eine Reifeprüfung.

Ich erinnere mich sehr wohl an mein erstes Mal im Honbu-Dōjō – man hatte mich vorgewarnt: in Dōshūs Klasse um 6:30 Uhr, »gehe nicht auf die linke Seite der Matte« dort sind die Alten, die Härteren … bleibe rechts.
Ich war ein wenig gehandikapt, ich trug eine Manschette, wegen einer Sprunggelenkverletzung – aber deshalb sagt man doch keine Reise ab. Im Seiza zu sitzen war nicht so einfach, aber ich wollte natürlich auch alles richtig machen. Wenn man zum ersten Mal in den »heiligen Hallen« antritt … Ich saß also ganz rechts. Die Tatami war morgens um ½ 7 gerammelt voll und nach der Gymnastik starteten alle los und trainierten mit einem Partner … nur ich hatte keinen. Links und rechts von mir, da war keiner – ich hatte nicht mitbekommen, dass sich alle vor dem Unterricht bereits verabredet hatten. Aber ja, ganz links, in der hinteren Ecke stand ein älterer Herr, der sich offenbar schon freute, einen jungen sportlichen Partner zu bekommen … »er rieb sich tatsächlich die Hände«. Das war einer von denen, die sich nicht so gerne bewegen, Schraubstockhände – aber mit dem Hinweis auf der Lippe, ich solle das doch so machen, wie Dōshū das zeigt … ich habe gelitten, hatte aber auch das Gefühl, »mich behaupten zu müssen«. Vielleicht war es für ihn eine normale Übungsroutine. Am Ende der Stunde bewegte er sich doch und stellte mich am nächsten Tag gleich seinem Freund vor, der noch älter und vom gleichen Kaliber war. Eigentlich suchte ich zwar eher den Kontakt zu jungen Aikidoka meiner Generation. Doch es war eben eine Herausforderung, der ich mich stellen musste.
Am Ende freute er sich auch darüber, dass ich Deutscher war – zu der Zeit waren nicht so viele Deutsche im Honbu Dojo – und es war noch recht herzlich. …
So habe ich eine erste ziemlich anstrengende Stunde im Honbu-Dōjō erlebt.

Was denkst du heute über Aikidō?

Aikidō ist alles für mich geworden. Es ist mein Beruf geworden, im Gegensatz zu der leidenschaftlichen Periode des Beginns. Jetzt sind aber auch Pflichten hinzugekommen. In den ersten Jahren der »Dōjōführung« sagte ich mir, ich mache das für mich. Nun mache ich es auch für Schüler, die es lernen möchten – diese Verantwortung hat sich dazugesellt.

Ich habe in meiner Anfangszeit, bei Hans-Jürgen, schon früh eine Kindergruppe aufgebaut und später auch ein paar Stunden für die Erwachsenen geleitet, aber die letzte Verantwortung für irgendwelchen Aufgaben lag natürlich immer bei Hans-Jürgen. Jetzt ist es nicht nur ein Lernen für mich, jetzt übe ich auch für alle, die hier ins Dōjō kommen. Ich suche nach anderen Inhalten in Training. Das was ich in meiner Anfangszeit erlebte und liebte war sehr abhängig von der Physis, der Konstitution des Partners – also nicht unbedingt für Alle im Training geeignet. Ich musste mein Training auf eine Körperlichkeit ausrichten, die alle miteinander teilen können, nicht nur athletische Menschen.

Als junger Mann war ich begeistert von dem martialischen Aspekt. Der Gedanke an Kampf, Schmerz – eben Bestandteil der Ideologie. Gelesen hatte ich, dass das nicht die Wurzel sei – aber meine Selbsterfahrung war ein ganz anderer Weg.

Da fand ich zu Endo Sensei. All seine Bewegungen waren so leicht und gleichmütig, von außen gesehen flogen wir auch irgendwie alle gleich. Der Aufwand, den er betreibt um jemanden zu werfen ist marginal, obwohl man von ihm unglaubliche »Kraftwirkung« erfährt. Er geht nicht physisch gegen jemanden vor, es stammt – so würde ich es heute erklären – aus seiner Kenntnis der Grundprinzipien von Aikido, die er hervorragend beherrscht und anwenden kann. Das zu vermitteln und jedem zugänglich zu machen hat er zu seinem Thema gemacht, was für mich ein großes Beispiel ist. In diese Richtung wollte ich mich gerne entwickeln. Anfangs besuchte ich einfach so viele Lehrgänge von Endo Sensei wie es mir möglich war. So änderte sich über die Jahre hinweg der Grundgedanke meines Aikidō. Mein Kata basierendes Training aus der französischen Schule erlebte eine Umstellung – man kann zwar in Endo Sensei‘s Unterricht Parallelen erkennen, aber tatsächlich ist seine Ausübung der Formen total anders. Das was ich im Unterricht suche, sind Wirkprinzipen, die ich als Grundwerkzeuge bezeichnen würde – die Arbeit der Körpermitte, das Kokyū ryoku. Die klare Vorstellung von Ma-ai – Abstand, Timing, und Atemi bei einer Öffnung. Grundbewegungs-Prinzipien Tenkan hō – in jeder Form, vertikal wie auch horizontal. Dies alles nutzbar zu machen in den Formen, die wir üben – das ist sein Ziel, dies soll der Schüler verstehen lernen – dafür bietet er die verschiedensten Übungen an, was meines Erachtens Aikidō grundsätzlich verändert hat – auch meinen Zugang dazu.

In der Kalligrafie »Aikidō« kann man es lesen, »aiki«, »awase«, »kimusubi«. Diese Begrifflichkeit betont Endo Sensei immer wieder. Sich einfügen –zusammenfügen – anpassen … Anstatt zu trennen, hier ist ein Subjekt »Tori« … Tatsächlich ist dieses Training von Endo Sensei konsequent darauf ausgelegt zu erfahren, dass es diese Trennung nicht gibt. Es gibt kein Getrenntsein von Uke und Tori, im Sinne von– »Angreifer und Verteidiger«., sondern beide bewegen sich als ein Ganzes. Dieses Aikido beruht auf einem Verständnis von Einheit.

Wenn man diese Weise zu Üben als Methode versteht, um sich in seinem Leben zurechtzufinden, dann kann sich Aikido zu einer Grundhaltung entwickeln.

Heute suche ich nach Verbindungen, Zusammenhang und Gemeinsamkeiten in der Übung, anstatt sich gegen etwas zu stellen oder dagegen anzukämpfen. Insofern ist »Aikidō« allumfassend für mich geworden. Eine Überzeugung, ein Gefühl, eine Lebenseinstellung, mein Beruf oder auch eine Bestimmung.

Es ist wunderbar diese Art zu Üben »Im geschützten Dōjō« zu erfahren, nicht Kampf oder Auseinandersetzung, … es ist mit der richtigen Anleitung eine Frage der Zeit diese Erfahrung zu machen, keine Frage der technischen Herausforderung … Es darüber hinaus mit in unseren Alltag zu nehmen, ist vielleicht nicht so einfach, aber möglich.
Ein Freund der hier Meditationsunterricht machte, sagte irgendwann: »Erleuchtung zu erfahren ist einfach«, das geschieht jedem irgendwann – diesen Zustand aber in den Alltag mitzunehmen … das ist eine ganz andere Sache.

Aber gerade für das Miteinander in der Familie, oder mit den besten Freunden ist es doch genauso, wir sind füreinander da kämpfen nicht gegeneinander. Im Aikidō kann man genau dafür ein Bewusstsein entwickeln.    … Lesen Sie mehr, in der Edition des AJ98DE

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