Interview mit Hans-Jürgen Klages im Sommer 2009

Alle Bewegungen im Aikido sollen wie eine Welle sein! … eben auch eine Form der Entmystifizierung.


Hans-Jürgen Klages während des Gespräches in seinem Dojo.

Wer das Dojo von Hans-Jürgen Klages sucht, kann sich von einem Navigationssystem über die Zoobrücke nach Köln leitet lassen, am Ende der Brücke geht es weiter über das Konrad-Adenauer-Ufer, von dort in den Theodor-Heuss-Ring und nach kurzer Strecke in die Neusser Straße. Mit ein wenig Glück findet sich einer der begehrten Parkplätze und nach wenigen Schritten verebbt der Lärm der Straße wenn man den Hof der N°26 betritt. Am Ende des Hofes wird der Besucher bereits von einem großen bepflanzten Blumentopf begrüßt.

Zu 40 Jahren Aikidopraxis, es sind tatsächlich 41 Jahre, wollen wir mit Hans-Jürgen Klages eine Interview führen – Klages leitet seit 1997 dieses sehr große Dojo mitten in Köln. Zuerst, 1985, eröffnete er mit Dirk Kropp ein Dojo am Kölner Stadtrand [AJ N° 59D] um 1988 gemeinsam in die Silcherstraße umzuziehen – nach 9 Jahren, 1997, zogen sie es vor, sich räumlich zu trennen um sich nicht gegenseitig in ihrer Entwicklung zu behindern, wie Hans-Jürgen es mir erklärt.

Ich frage Hans-Jürgen wo bei den 41 Jahren wir beginnen sollen und er antwortet spontan „Am Anfang“ – also möchte ich wissen, ob er sich noch an seine ersten Schritte erinnern kann. „Oh ja“ antwortet er lächelnd, „mit 17 Jahren, ich war damals extremer Leichtathletiksportler, empfand aber keine großes Gefallen mehr daran … aber mich faszinierten diese, 1968 noch relativ unbekannten, japanischen Selbstverteidigungs Sportarten. Ich schnupperte in Münster im Polizeisportverein bei Karate und Judo rein, so wurde mir von dem noch unbekannterem, noch nicht lange in Münster etablierten Aikido erzählt. Ich schaute mir auch dieses Training an und war von dem Lehrer sowie der Eleganz so begeistert, dass ich am nächsten Tag eine Probestunde mitmachte … und bin noch heute begeistert dabei.“
Hans-Jürgen trainierte dann 20 Jahre, bis 1988 bei Asai Sensei, in Düsseldorf, Köln und Münster. Was habe nach diesen 20 Jahren seine Entwicklung beeinflusst bzw. geprägt frage ich Klages? „Wir haben irgendwann, noch in der Silcherstraße Christian Tissier eingeladen, trotz meiner Erfahrung im Aikido, hat er mir irgendetwas gegeben – ich meine heute sagen zu können, dass es neue Impulse waren. Aber dass war nicht das Ausschlaggebende, ich habe nach der Trennung von Asai mir all das und die Lehrer angeschaut, die ich zeitlich erreichen konnte. Da waren unter anderem Tamura Sensei, und viele Jahre bin ich regelmäßig nach Florenz zu Tada Sensei gefahren, um dann auf Yamaguchi Sensei, mit dem wohl ungewöhnlichsten Aikido, was ich je sah, zu stoßen – dieses scheinbar schlaksige Aikido war schwer zu verstehen – es gab niemals so etwas wie Basis-Training bei ihm. Nach und nach entstanden aus seinen extrem weichen Bewegungen ohne Form Bilder, die ich noch heute vor Augen habe, ja fast fühle… – das war, im Groben die Basis meiner damaligen Entwicklung. Bis zu dem eben erwähntem Impuls durch Christian Tissier in unserem Dojo.“
Ich erkundige mich nach seiner Meinung zu den Bewegungen von Christian Tissier, im Vergleich zu dessen Lehrer Yamaguchi Sensei, der ihn so irritierte. Er antwortet darauf ohne Umschweife, „Yamaguchi war eine höhere Form des Aikidos, für Anfänger eine Unmöglichkeit. Christian macht schon ein anderes Aikido, man kann sie nicht vergleichen.“ Und was sei sein heutiger Eindruck? „Christian ändert sein Aikido bzw. seine Technik häufiger, Aikido ist dynamisch niemals starr – letzteres würde zu einem Stillstand führen, was ein Desinteresse nach sich ziehen würde. Interessant an seinem Aikido ist, dass er, in meinen Augen der Einzige ist, der Aikido in Europa entmystifiziert hat – sprich Aikido auf eine Ebene brachte, die für jedermann nachvollziehbar, umsetzbar und klarer wurde.“ Ich möchte von ihm wissen, ob nicht gerade Asai auch klar war in seinen Bewegungen. „Ja doch, antwortet er, „aber Christian gibt Erklärungen, die haben wir bei Asai leider oft vermisst – da wurde zu oft gesagt, ‚das ist so’, eben wie er es aus Japan gewohnt war oder ist. Das ist für uns Europäer etwas unbefriedigend, vormachen und nachmachen funktioniert bei uns nicht von alleine.“
Japan reizte dich nicht, frage ich Hans-Jürgen? „Doch, ich habe aber noch so einen kleinen Nebenjob als Lehrer – den ich oft in diesem Zusammenhang verfluchte – und mit ihm ließen sich solche Trips, um nach Japan zu kommen nicht immer verwirklichen. Erleichternd kam für mich hinzu, dass die Lehrer, die mich interessierten alle nach Europa kamen.“ Da kann ich nur sagen, „warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah…“, eben auch eine Form der Entmystifizierung. Zum anderen hört man ja auch nicht selten, dass das Aikido im Westen das Aikido im Osten überholt haben soll. Dazu meint Klages: „Yamguchi hat im kleinen Kreis des Öfteren gesagt – aus diesem Grund kommt er gerne nach Deutschland und Europa, die Entwicklung habe hier eine bessere Kurve vollzogen. Außerdem habe ich viele Äußerungen von Japanreisenden gehört, die relativ gesehen, eben wegen des Aikidos, auch dem des Hombu Dojos enttäuscht waren. Ja, wir machen kein schlechtes Aikido in Deutschland und Europa.“

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