Steve Kanney

Ein Hippie mit gutem Benehmen


steve Kanney während des Gespräches mit Stefan Schröder in NY.

AJ: Bitte erzähle uns wer Du bist und wie Du zum Aikido gekommen bist.

Mein Name ist Steve Kanney und ich versuche noch herauszufinden, wer ich bin. Ich habe 1978 mit dem Aikido begonnen. Ich hatte zu der Zeit schon fünf Jahre gerungen. Doch beim Ringen ging es den Kollegen immer darum sich gegenseitig mit roher Kraft zu überwinden. Mein Trainer hielt dies für richtig, doch ich mochte das nicht. Ich arbeitete eher mit Schnelligkeit, Timing und Atemtechnik. Irgendwann kam mir der Gedanke, dass ich, wenn ich älter werde, nicht mehr ringen könnte … und ich meine nicht sehr viel älter. Es war doch schon ein ziemlich brutaler Sport. Ich bekam ein Buch über Aikido in die Hände und darin ging es um Timing und Atemkraft und all die anderen Dinge, für die ich mich interessierte. Jemand hatte schon all das herausgefunden, woran ich interessiert war und würde es mir beibringen können. Das fand ich großartig. Es stellte sich heraus, dass in meiner Nähe gerade ein Dojo eröffnet hatte, was 1978 noch eine Seltenheit war. Damals ging ich noch zur High School. Es gab in ganz Florida nur drei Aikido-Schulen – und eine davon lag nur wenige Meilen von meinem Zuhause entfernt. So habe ich angefangen.

AJ: Hast du regelmäßig trainiert oder gab es längere Pausen?

Ich habe ein paar Mal versucht mit dem Aikido aufzuhören. Als ich nach New York zog, wollte ich nicht im New York Aikikai trainieren.
Hast Du zu der Zeit schon unterrichtet?

Hin und wieder. In meinem Dojo in Miami habe ich öfter unterrichtet, obwohl ich dort nicht regelmäßig lebte. In Atlanta bin ich zur Schule gegangen, da habe ich nicht wirklich viel unterrichtet. Da ich nicht im NY Aikikai trainieren wollte als ich nach New York kam, begann ich mit dem Judo. Das habe ich zwei Wochen lang durchgehalten. Den Lehrer mochte ich auch nicht, aber ich konnte sonst nirgendwo hin. Ich ging also eine Weile in ein kleines Dojo in Brooklyn, wo ich auch ein bisschen unterrichtet habe, aber der Weg war zu weit, da meine Wohnung in Manhattan lag. Also habe ich doch wieder im NY Aikikai angefangen.

AJ: Bei wem hast Du die Prüfung zum ersten Dan abgelegt?

Das war bei Nelson Andujar, einem Schüler von Yamada-Sensei. Er war mein Lehrer in Miami, als ich anfing.

AJ: Du hast mir erzählt, dass das Dojo zunächst zuerst dem Aikikai angehörte, doch dann seid ihr zum Iwama-Ryu gewechselt. Warum?

Das Iwama-Ryu gehört immer noch zum Aikikai. Wir sind und waren immer im Aikikai organisiert. Saito-Sensei hat den Aikikai niemals verlassen. Wir richten uns heute nach Hoa-Sensei. In der Stadt [New York City] war Seiichi Sugano-Sensei mein Lehrer im NY aikikai. Ihm war klar, mir war klar, allen war klar, dass ich dort nicht hineinpasste. Als Sugano-Sensei krank wurde und nicht mehr so regelmäßig unterrichten konnte, hat er mir einen kleinen Stups gegeben, damit ich für mich eine andere Perspektive fand. Ich sah mich also um. Kurz vor seinem Tod drängte er mich dann freundlich mich doch einmal bei Saito-Senseis Schülern zu erkundigen. Versteh‘ mich nicht falsch: Ich konnte gehen wohin ich wollte! Aber ich hatte schon damals großen Respekt vor Saito-Sensei, seit ich ihn 1979 oder 1980 bei einem USAF Sommer-Camp kennen gelernt hatte. Wir fanden dann ein exzellentes Dojo in Kalifornien.

Sugano-Sensei war toll. Ich habe den allerhöchsten Respekt vor ihm, doch ich denke, Saito-Senseis System ist wahrscheinlich etwas umfassender – und die Waffentechniken hatten mehr mit dem zu tun, was Osensei unterrichtete. Ich glaube Sugano-Sensei hat noch etwas Kendo in seinen Unterricht einfließen lassen. (Ich mag Kendo, es ist interessant und lehrreich.) Doch ich meine, dass Osensei etwas anderes im Sinn hatte, als er Aikido erschuf. Ich fühle mich einfach wohler mit dem Waffensystem, das direkt von Osensei stammt.

AJ: Als ihr euren Fokus vom Aikikai-Stil zum Iwama-Stil gewendet habt, war es schwierig sich umzugewöhnen?

Für mich nicht so sehr. Ich war zwar kein direkter Schüler von Saito-Sensei, bin auch nie in Japan gewesen, doch ich ergriff jede Gelegenheit seine Seminare in den USA zu besuchen. Wie schon gesagt, ich hatte großen Respekt vor ihm. Ich versuchte alles aufzunehmen, was ich bei ihm lernte. Bei mir ging es also eher darum mein Gedächtnis aufzufrischen und dann vielleicht nur hier und dort etwas hinzuzufügen. Aber vieles kannte ich schon. Es war so als würde man am Computer den „Neu laden“-Knopf drücken (lacht). Manche Iwama-Techniken hatten wir sowieso schon geübt, aber hauptsächlich in den Grundtechniken, nichts darüber hinaus. Für die anderen im Dojo war es eine Menge Arbeit, es war schwierig.

AJ: Haben alle im Dojo diesen Wechsel mitgetragen?

Das Dojo wollte diesen Wechsel! Es war ihre Entscheidung. Einige wollten sich lieber nach Shiohiro-Sensei richten, den ich ebenfalls sehr respektiere. Ich mag ihn sehr. Aber die meisten im Dojo wollten das nicht. Die meisten wollten sich lieber nach dem Iwama-Ryu richten. Das gefiel ihnen besser.

AJ: Hast Du eine Aikido-Philosophie? Oder hältst Du nicht allzu viel von Spiritualität? Versuchst Du die Werte und Kultur des Aikido zu pflegen?

Meinst du, ob ich nur auf die physische Technik achte?

Man könnte Aikido auch völlig ohne die Berücksichtigung der geistigen Aspekte betreiben. Versuchst Du die geistigen Aspekte des Aikido zu unterrichten und in Worte zu fassen oder ist das etwas zu persönliches, etwas, dass jeder für sich selbst herausfinden soll?

Nun, ja und nein. Ich beantworte Fragen, doch ich erlege niemandem meine Antworten auf. Und was das Finden des eigenen Weges betrifft: Ja, die Leute sollten unbedingt ihren eigenen Weg finden. Ich habe keine eigene Philosophie oder Agenda, die ich anderen aufprägen wollte. In den Kampfkünsten versuchen wir alles auf die effizienteste Weise zu tun, doch es stellt sich dann heraus, dass für verschiedene Leute, verschiedene Philosophien der jeweils für sie effizienteste Weg ist. Es ist wirklich schwer zu erklären. Aber es muss definitiv niemand meiner persönlichen Philosophie folgen.

AJ: Aber du hast eine Philosophie …

Ich habe keine eigene persönliche Philosophie. Ich meine, ich habe mir keine ausgedacht. Ich habe mich mit Meditation und anderem beschäftigt. Ich konzentriere mich auf diejenigen Elemente, die im Einklang mit den verschiedenen Philosophien stehen, die es da draußen gibt. Alle sollen zusammenkommen und auf der gleichen Ebene kommunizieren können. Wir streiten uns nicht über die Dinge, die uns trennen, sondern reden über die Dinge, die uns vereinen. Von diesem gemeinsamen Anfangspunkt kann dann jeder seine ganz persönlichen Ideen entwickeln. Das ist gar kein Problem. Und doch …


Möchten Sie gerne mehr lesen – wir veräußern das AJ:
https://www.aikidojournal.eu/Deutsche_Ausgabe/2015/

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