Kei Izawa

In Kiew, als der Aikikai Ukraine sein 20-jähriges Jubiläum feierte, führten wir unser Gespräch …


Kei während unserem Gespräch

Als ich 1995 Generaldirektor von Opel war, fragte Kisshomaru Doshu mich, ob ich nicht Ratsmitglied der Aikikai Föderation werden wollte und ich nahm an. Ich war dann Ratsmitglied der Aikikai Förderation bis sie die Föderation zugunsten der öffentlichen Interessen reformierten. 2004 fragte mich der damalige Doshu, ob ich nicht Osenseis Biographie übersetzen könnte, die sein Vater geschrieben hatte: „A Life in Aikido“. Diese Arbeit kostete mich vier Jahre, wobei ich Hilfe von Mary Duller, einer Professorin der MIT, bekam, sie ist Schülerin von Kanai Sensei. Das Buch wurde damals von Kodansha international verlegt und ist mittlerweile vergriffen, aber soweit ich weiß, die 3. Auflage ist bereits in Planung. Es hat mich viel Zeit und Mühe gekostet, Osenseis Biographie zu übersetzen. Hast Du von dem Buch bereits gehört?

Ja, ich habe es gelesen.

Aha. 2008 fragte man mich dann, ob ich mich nicht in der IAF engagieren wollte, als Somemiya-san etwas älter geworden war. Somemiya-san wollte aufhören, so sollte ich sein Nachfolger werden. 2012 wurde ich dann erneut gewählt, sodass meine zweite Legislatur bis 2016 läuft. Dort befinde ich mich gerade.


Was bedeutet Aikido für dich?

Aikido ist für mich etwas Außergewöhnliches, eine Art Gemeinschaft, die der einer Kirchengemeinschaft ähnelt, ohne derart dogmatisch zu sein. Es ist ein Ort, an dem man Körper und Geist trainiert durch einen kämpferischen Gedanken, allerdings ohne dabei jemanden zu verletzen. Es ist außerdem eine friedliche Umgebung, in der die Trainierenden ihre Zeit auf der Matte genießen und ihren Stress ablegen können. Für mich ist es darüber hinaus etwas, dass ich mir erhalten möchte, um weiterhin die Bewegungen zu studieren, die Kanai Sensei mir so oft erklärte. Hinzu kommt, dass ich es benutzen möchte, um die Augen derer zu öffnen, die anfangs Schwierigkeiten haben, weil ihnen vielleicht eine entscheidende Information fehlt, um Freude in ihrem Aikido zu finden. Rein mechanisch betrachtet, kann man natürlich durch die richtige Position mit bloßer Hebelkraft den Gegner bewegen. Wenn man das auf eine natürliche Art und Weise schafft, wird Aikido plötzlich zu einer überragenden Freude.
In meinem Umfeld wurde eine Initiative ins Leben gerufen, um Veteranen bei der Bewältigung ihres posttraumatischen Stress-Syndroms in den USA zu helfen, ich versuche das auch. Ich denke, dass Aikido durchaus in der Lage ist, bei eventuellen psychologischen Problemen zu helfen, aber ich suche natürlich nicht nur Menschen mit Problemen. Außerdem denke ich, dass es ein zusätzlicher Anreiz für kontinuierliches Training ist, vielleicht für solche, die sonst nicht die Kraft hätten, sich aufzuraffen. Denn sobald man im Anzug steckt, ist man schon vollständig eingetaucht. Ich würde es also sehr begrüßen, wenn mehr Menschen das genießen könnten, was Osensei entdeckt hat: Inneren Frieden. Natürlich ist es auch äußerst wichtig, den kämpferischen Aspekt voranzutreiben, denn ohne kämpferisch zu sein, würde Aikido meiner Meinung nach eine Kernqualität einbüßen. Wenn es kein Gleichgewicht zwischen dem kämpferischen Aspekt und einem wirkungsvollen Flow gibt, würde es zum Tanz werden – dabei muss man auch offen für die Bewegungen sein. Man könnte dann genauso gut Tango tanzen und versuchen das zu perfektionieren, was ebenfalls sehr schwierig ist: Man muss sich auf die Emotionen seines Gegenübers einstellen und vieles mehr. Ich denke aber, dass der Wert des Aikido unter anderem darin besteht, dass es dem Tango zwar sehr ähnlich ist, man aber immer hinterfragen kann: Wie sicher sind meine Bewegungen eigentlich? Kann ich damit jemanden effektiv kontrollieren? Es gibt also viele Kontrollpunkte. Im Tango gibt es sicherlich ebenso viele Kontrollpunkte, doch im Aikido ist es unter anderem die Kampftauglichkeit, die dafür in Betracht gezogen werden muss. Das sollte eine ganze Menge sein, was du drucken kannst. (lacht)

Wann hast du deine Frau kennengelernt?

Im November 1978 und geheiratet haben wir dann im Juli 1979, jetzt sind wir schon 36 Jahre verheiratet.
Denkst du, dass Aikido einen Menschen verändern kann?

Ich denke, dass sich einiges bei jedem verändert hat, außerdem verändern wir uns auch alle mit dem Alter. Mit steigendem Alter verliert man die Kraft, um einen Wurf nach dem anderen zu machen, dafür wird man weiser. Die Philosophie des Aikido bringt uns, denke ich, alle dazu, uns stückweit zu verändern. Aber das ist nicht alles, auf dem Weg, ein guter Aikidoka zu werden, werden wir, meiner Meinung nach, alle einfühlsamer. Einfühlsamer, weil man immer einen Partner braucht, um sein Können zu zeigen. Wenn man also seine Partner schlecht behandelt, wird irgendwann niemand mehr mit einem trainieren wollen. Man muss also stillschweigend eine Basis für beiderseitige Freude schaffen. Ich denke, wenn nur einer Freude empfindet, hat man versagt. Wenn man danach sucht, würde ich eher Mix Martial Arts empfehlen, da kann man dann den Moment des Sieges genießen. Im Aikido, denke ich, kommt es darauf an, dass man zum Beispiel bei einem ausladenden Wurf darauf achtet, dass man seinen Partner nicht in andere Personen oder gegen eine Wand wirft. Man möchte zwar, dass die Technik effektiv ist, aber man möchte seinen Partner auch nicht verletzten. Ich glaube, dass es einen dem Aikido innewohnenden Mechanismus gibt, der dafür sorgt, dass wir von ganz alleine lernen –sagen wir – einfühlsamer zu werden. Dennoch gibt es Menschen, die sich nicht so entwickeln, ihr Ego ist wohl zu groß dafür. Aber auch sie realisieren, wenn sie alt werden, dass das nicht mehr geht, weil sie Angst vorm Fallen haben, so wird es immer schwieriger … Ich denke nicht, dass es dabei nur um das Ego geht, meiner Meinung nach muss man dem anderen auch vertrauen, sonst wird man im Aikido bald sehr einsam sein – das denke ich zumindest.

Du hattest erwähnt, dass man dich um Hilfe für die IAF bat. Aber wieso gibt es die IAF eigentlich?

Über die Hintergründe der IAF-Gründung weiß ich nicht allzu viel, mir selbst wurde es viele Male von Dr. Peter Goldsbury und anderen erklärt. Daher möchte ich vermeiden, darüber zu spekulieren. Ich denke, es gab eine Gruppe, die eine unabhängige internationale Verbindung außerhalb vom Aikikai Europe etablieren wollte. Ich glaube, dass der damalige Doshu sehr besorgt war und deshalb Tada Shihan und einige andere damit beauftragte, etwas auf die Beine zu stellen, dass durch den Aikikai geleitet wird, sodass es Aikikai-nah bleibt und sich nicht verselbstständigt.
Durch die Gründung der IAF konnten wir IWGA und dann GAISF (heute SportAccord) beitreten, wodurch das Dasein des Aikido von renommierten Sportorganisationen akzeptiert ist. Das ist eine wichtige Aufgabe der IAF. Wir haben auch eine lange Zeit an den World Games der IWGA teilgenommen, doch in den letzten Jahren wollten sie von uns, dass wir Wettkampfelemente integrieren, weshalb wir uns dazu entschieden haben, an dieser Veranstaltung nicht mehr teilzunehmen. Stattdessen sind wir der neuen Initiative für Kampfkünste des SportAccord beigetreten, wo wir durch Demonstrationen teilnehmen können und damit Osenseis Lehre vom Aikido unangetastet lassen. Derzeit befinden wir uns im Gespräch mit der IWGA, um wieder an den World Games teilnehmen zu können, da wir bei den SportAccord Combat Games erfolgreich waren ohne jegliche Elemente des Wettkampfes. Schließlich sind wir beitragszahlende Mitglieder der IWGA und des SportAccord …

Die IAF war lange Zeit eine soziale Gruppierung, die sich alle vier Jahre versammelte. 2016 werden wir unser 40-jähriges Jubiläum in Takasaki, Japan feiern. Obwohl die IAF eine mitgliederbasierte Organisation ist, öffnen wir in Takasaki die Türen der IAF-Versammlung für alle Aikido-Trainierenden. Wir suchen so nach neuen Wegen, um alle Aikidoka zu verbinden, die vom Aikikai anerkannt sind. So befindet sich die Rolle der IAF im Wandel. Auch die Welt des Sports wird definierter und festigt sind. Kisshomaru Doshu hielt es für eine gute Idee, den Weltorganisationen beizutreten und Moriteru Doshu setzt diese Tradition fort. Solange wir nicht darum gebeten werden, von Osenseis Lehren abzuweichen, werden wir sicherlich auch weiterhin ein Teil der internationalen Sportorganisationen sein. Auch der SportAccord verändert sich, sodass wir uns immer mehr den olympischen Bewegungen annähern, obgleich wir wohl nie mit ihnen auf einer Ebene stehen werden. Aber mit Sicherheit lässt sich das nicht sagen, denn auch die Olympischen Spiele verändern sich zunehmend. Wir – als IAF – glauben, dass Aikido einzigartig ist in seinen Körper-Geist-Arbeiten, was wegweisend für die Zukunft sein könnte. Im Aikido muss sich keiner Gedanken über Doping oder Wetten machen, da es weder einen Gewinner noch einen Verlierer gibt. Das ist sehr erfrischend.
Wir gehören zwar derzeit nicht zu den olympischen Bewegungen, aber die olympische Satzung fordert, dass wir uns mehr um die Umwelt, Frauenintegration und andere soziale Auflagen bemühen. Das ist zwar neu für das Aikido, aber es ist ein allgemeiner sozialer Trend, dem gegenüber wir uns nicht verschließen können. Daher erscheint uns die olympische Satzung durchaus sinnhaft, es gibt einige Aspekte, um die wir uns sehr bemühen sollten.

Ich habe dich das gefragt, weil man mir oft die Frage stellt, ob die IAF eine Zukunft hat oder nicht.

Ich denke, dass der SportAccord uns bereits durch eine hervorragende Plattform unterstützt hat. Schließlich ist nicht abzustreiten, dass jeder Dahergelaufene ein Video ins Internet stellen und dann behaupten kann, es würde sich um „echtes“ Aikido handeln.

… Traditionelles Aikido (lacht) …

Genau. Und es gibt viele, die das behaupten. Durch eine gewisse Anzahl an Klicks und Suchanfragen über Google steigen ihre Bewertungen und auch die Chancen auf einen Treffer in der Suche. So wird die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt. Daher habe ich mich aus eigenem Interesse darum bemüht, den Stil des Aikikai besser erklärt zu sehen. Das soll keine Kritik sein, aber Japaner neigen dazu, sich nicht ausreichend um Selbstdarstellung zu bemühen. Die Japaner empfinden das als Untergrabung ihres eigenen Wertes. Wenn man echten Wert hat, wieso sollte man sich dann um Selbstdarstellung bemühen? Leider gibt es viele andere Nationalitäten und viele andere Personen, die Experten darin zu sein scheinen. Daher denke ich, dass wir eine bessere Kommunikation zur Öffentlichkeit aufbauen müssen, um die Scharlatane als solche zu entpuppen. Einige studieren vielleicht die Videos von berühmten Persönlichkeiten, aber wenn das Wissen nicht ausreicht, wird man u. U. auf nicht vertrauenswürdiges Material stoßen. Ich denke also, dass es wichtig ist, dass jemand die Welt dahingehend aufmerksam macht und ich denke nicht, dass das Hombu sein wird … Diese Art der Selbstdarstellung entspricht einfach nicht der Mentalität des Hombu-Dojos. Aber die IAF hat durch die verschiedensten Plattformen wirklich ausreichend Tragweite dafür. Wir haben erst kürzlich unser Medienteam unter Guillaume Erard erweitert und versuchen derzeit je einen Medienbeauftragten für jede unserer Mitgliedsorganisationen einzurichten, die uns dabei helfen sollen, gutes, zulässiges Material zu etablieren. Das alles befindet sich noch in der Anfangsphase, aber wir können zunehmen die Informationen über Aikido stärken durch Interviews und viele andere Aktivitäten. Ich bin sehr erfreut darüber, dass wir das durch die Zusammenarbeit und das Interesse des Hombu-Dojos realisieren können. Weitere Projekte stehen noch in Aussicht.

Das Hombu-Dojo ist eben der „japanische Stil“.

Ja, es ist sehr japanisch. Ich respektiere das sehr, aber einige sollten vielleicht verstehen, dass Hombu etwas Hilfe benötigt. Wieso sollte man nicht, statt zu sagen: „Hombu macht das nicht“, ihnen Hilfe anbieten? Das ist zumindest meine Philosophie. Die Japaner lieben das Bild des „Kenjo no Bitoku“ (譲の美徳) sehr, es bedeutet so viel wie „Tugend der Bescheidenheit“, aber ich denke, wir sollten mehr tun, um mit unserem Inhalt zu strahlen, insbesondere wenn im Web so viel Hintergrundrauschen kursiert.

Als die Amerikaner 1868 nach Japan kamen, haben sie das Leben der Japaner auf den Kopf gestellt. Nach wie vor sind davon in Japan Überbleibsel zu spüren. Ich denke, dass es für Japaner schwer ist, so etwas zu überwinden.

Ich denke das auch. Wenn man sich nur mal die Hombu-Shihans anschaut, sind sie zwar theoretisch hervorragende Diplomaten, aber wenn es darum geht, Aikido Übersee in internationalen Organisationen zu vertreten … Ich denke, dass wir dafür einfach noch nicht bereit sind. Außerdem will der Aikikai, denke ich, sich eher Anweisungen konzentrieren. Da aber die Weltpräsenz des Aikido zunimmt, sollten wir meiner Meinung nach auch bemüht sein, die Talente von Übersee stärker zu integrieren. Ich möchte das nicht weiter vertiefen, aber das wäre die wahre Globalisierung des Aikido.
Ich werde zwar hier und dort eingeladen, um Lehrgänge abzuhalten, aber dennoch betrachte ich mich nicht als weltweiten Aikido-Lehrer. Ja, ich habe mein Dojo und lehre dort, aber das mache ich eher aus ideellen Gründen. Ich möchte dort meinen Stil weitergeben. Wenn er den Menschen gefällt, ist das gut und erweitert das Lernfeld für die Betreffenden. Deshalb denke ich dennoch, dass die eigentliche Ausbildung Hombu obliegen sollte, zukünftig vielleicht mit Strukturen, die eine neue Generation von professionellen Lehrern von Übersee integriert. Ich bleibe schmückendes Beiwerk. Sie sind die wirkliche Mahlzeit und ich nur das Tablett (beide lachen). Eben nicht die eigentliche Mahlzeit.

Ein echtes Big Meal statt einfach nur Entengrütze (im Engl. „duckmeal“). (beide lachen) Möchtest du sonst noch etwas sagen?

Ich halte uns für eine große Familie, eine Aikido-Familie … Ich weiß, dass sich große Communitys formieren, die fast einer kirchlichen Gemeinschaft gleichen, wo alle froh sind, dort zu sein und man fühlt sich einfach wohl. Aber ich halte die Welt für sehr groß und Austausch für sehr wichtig. Der Besuch in Japan und das Training dort sollte motivieren, Neues kennenlernen zu wollen, da es neue Blickwinkel eröffnet. Ich denke, dass man sich nicht darauf versteifen sollte, nur unter einem Sensei zu lernen und deswegen nicht Teil einer weiteren Gruppe sein zu können, weil es eben eine andere ist. Ich denke nicht, dass das dem Geist des Aikido innewohnt. Eher glaube ich, dass es im Wesen des Aikido liegt, von jedem etwas zu lernen, ungeachtet dessen, welchen Lehrer derjenige hat. Wir müssen Gemeinsames entdecken … Wir können zwar sehr verschieden sein, aber teilen gemeinsame Interessen sowie Werte des Aikido, weshalb wir nicht getrennt sein sollten. Es ist schwierig, da viele einander nicht „leiden“ können, aber ich denke nicht, dass Osensei das gewollt hat. Osensei hat viele aus dem Judo, Kendo und vielen anderen Kobudos für Aikido begeistert, so sollte Aikido weiterhin ein Magnet sein, um andere anzuziehen. Jetzt, wo Aikido sehr weit verbreitet ist, kapseln sich einige ab. Ich würde mir wünschen, dass diese Hindernisse verschwinden, damit die Menschen sich frei bewegen, trainieren und Aikido genießen können – so sollte es sein. In Japan wurden viele Kenjutsu-Schulen im Geheimen gegründet, mit verdunkelten Fenstern, sodass man nicht zum Stehlen verleitet werden kann. Aikido ist komplett offen und sollte das auch sein. Wir sollten unsere Techniken nicht verstecken und uns auch so verhalten. Ich denke, Teilen bereitet mehr Freude als Verstecken.

Vielen Dank für das Gespräch.

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