Gespräch mit Ursula und Kenji Hayshi.

In Hannover Dezember 2013.


Kenji während unseres Gespräches – 12/2014.

Im Aikido haben wir das Beispiel mit dem Urenkel von Osensei, der nun auch schon „übt“ und in fernen Ländern Lehrgänge leitet …

Kenji: … das ist das japanische System des Kaiserhauses – und es war egal um was es sich handelte, ob in der Teezeremonie oder Ikebana … „der Nachfolger musste immer aus der Familie stammen“. Tradition. Allerdings sieht man heutzutage, dass die Tradition in den Familien bröckelt, immer mehr ist ein Ende nach dem Lehrer zu sehen – mit etwas Glück wird es von einem Schüler übernommen und weiter geführt. Bei Meister Tada ist es ebenso, er hat einen Sohn, aber ein Uni-Professor führt sein Aikido weiter …

Meister Tada ist ja auch nach Japan gegangen, damit er seinem Sohn eine richtige Erziehung angedeihen kann – in Europa sah er dieses wohl nicht …

(Kenji lacht)  … vielleicht gibt es auch andere Gründe.

… das haben ihm zumindest einige sehr „angekreidet“.

Ursula: Sagen wir mal so, vielleicht dachte er, dass das Leben in Japan schöner ist. Er hat von seinen Eltern ein sehr schönes Haus geerbt, in einer wunderbaren Lage …

Ja, natürlich hat er recht, wenn du dein Auskommen hast, dann suchst du dir den Fleck aus, der dir genehm ist.
Ursula: … Ja, wo es dir gefällt. Auch musst du bedenken, dass es für einen Japaner, dazu mit einer japanischen Frau, im Ausland nicht einfach, um nicht zu sagen schwierig, ist.

Ich habe vor einigen Jahrzehnten mitbekommen, dass ein Freund eine Koreanerin heiratete, die nach wenigen Wochen verstarb. Worauf er nach 2 Jahren erneut eine Koreanerin heiratete, mit der er zwar vier Kinder, aber keine freudvolle Ehe hatte – eines Tages sagte er mir: „nie wieder eine Ausländerin“. Sicherlich ist ein Pauschalisieren unpassend …

Ursula … nein, nein, du musst sehr viel toleranter sein – es fängt doch schon damit an, dass man über eine andere Art von Witzen lacht. Dinge die für dich selbstverständlich sind, sind für deinen Partner überhaupt nicht selbstverständlich. Du musst sehr viel eigenständiger, toleranter, lockerer sein …

… weißt Du, was man da wunderbar üben kann: das Leben pur – akzeptieren. Denn wir ziehen uns doch gerne, bereits nach einer kleinen Verletzung, in unseren Kokon zurück.

Ursula: Oh ja.

… gestern ist der Nelson Mandela verstorben, ich hört dazu im Radio eine nette Aussage von ihm: „ich liebe, deshalb kann ich mir keinen Hass gegen andere Menschen erlauben, weil ich lieben will.“ Ich hoffe, ich gab es richtig wieder. Und das was Du gerade sagtest, wenn man aus verschiedenen Kulturen kommt – dann bin ich geradezu „verpflichtet“ viel offener zu sein.

Kenji: Das beginnt bereits im Budo, im Training wird kein wahres Lernen geübt, es werden die Techniken geübt, aber keine innere Arbeit, die einen Menschen formt. Da muss die Basis der Harmonie sitzen, in mir. Mit dem Partner zusammen. Nicht Stärke oder Schwäche zeigen, sondern zusammen beginnen sich zu bewegen.
Das was Meister Ueshiba als Kreis darstellte. Wenn man das nicht übt, dann kommt man in diese Welt von Meister Ueshiba oder die von Meister Tada nicht hinein. Man bleibt unweigerlich bei den Techniken hängen. Das sind meine Gedanken, ich empfinde, dass dort ein großer Mangel  herrscht. Das ist ein großes Problem, was aber leider verdrängt wird – die körperliche Befriedigung durch das Beherrschen von Techniken ist trügerisch. Deshalb ist ein jeder verpflichtet, zu suchen, zu forschen … Das sind unsere Körper-Gesetzmäßigkeiten, Geist-Seele-Gesetzmäßigkeiten,  die jeder für sich suchen muss.
Wenn man aber in seiner Verbandstruktur lebt und dieses hervorkehrt, dass die Technik in „unseren Verband so gemacht wird, wenn man es anders macht, dann ist das nicht richtig“ – dann bleibt man bei dem Körperlichen hängen und das Forschen und Suchen geht verloren.



… das ist ein sehr großes Problem des Aikido – denn das Aikido hat sich nicht entwickelt.

Kenji: Genau.

Budo ist Kampf. Im Kampf muss, bzw. sollte ich meinen Körper beherrschen. Jahrelang meinte man, dass Aikido darin eine gute Stellung habe, zumal es auch Frauen ausführen können … Heute meine ich, dass dem Aikido vieles fehlt.



Kenji: Tada Sensei schrieb und sagte zum Beispiel, das  goshin jutsu [Selbstverteidigung] reduziert sich auf stark und schwach – gewinnen und verlieren. Dieses ist heutzutage nicht mehr so wichtig, viel wichtiger ist, wie bewege ich meinen Körper richtig, wie bewege ich meine Geist-Seele richtig. Dieses ist bei Meister Tada vielmehr zum Thema geworden als das goshin jutsu. Auch in der Gesellschaft ist das heutzutage wichtiger als eine Selbstverteidigungstechnik.
Das stark und schwach – gewinnen und verlieren, ist lediglich in einer kleinen Budogruppe, wie Karate, Kon Fou oder andere kurzzeitig wichtig, um kleine Siege davon zu tragen. Oder die Frage, „wenn der stößt und schlägt, was mache ich dann“.
Aber wichtig ist selbst zu finden, zu forschen und zu entwickeln. Was ist gut für meinen Körper, wie verhält sich das zu meiner Körper-Geist-Seele.
Ich sehe es so, dass wenn man das weiter verfolgt, dann wird das automatisch zu einer Selbstverteidigung. Deshalb lese ich in letzter Zeit viel im Buch von Musashi – das ist in dieser Richtung sehr interessant. Denn zum Schluss war von Musashi auch dieses ein Thema und seine  Lehre: „wie man Körper und Geist bewegt, dies zu lernen und zu suchen, zum Thema geworden“.
Wenn jemand zum Beispiel beide Hände fast und du sollst eine Technik daraus machen, dann ging das in Japan – aber nicht in Deutschland, denn hier wird eher richtig zugefasst, dann funktioniert das nicht. Die Idee, Harmonie im Kopf, wurde dann zur eigenen kleinen Falle, durch diese Kraft und Technik. Dann wurde immer gesagt, du sollst mitgehen und dich nicht immerzu sperren – dann ist dies keine Technik mehr, es ist dann eigentlich eine Lüge. Wenn eine Technik nicht wirkt, dann ist es keine Technik. Das ist eben auch richtig. Diese Wahrheit muss man erkennen. Deshalb suche ich auch stark nach diesen Gesetzmäßigkeiten. Musashi sagt auch, das Schwert mit beiden Händen führen ist eigentlich nicht korrekt. Mit einer Hand zu schlagen ist besser – eben zwei Schwerter, eines in jeder Hand, sind besser. Denn so ist der Körper frei, um sich zu bewegen. Dieses ist beim Aikido das Gleiche.


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