Gespräch mit Patricia Guerri au Paris.

…das, was hier gemacht wird, eher eine Art Gymnastik oder ein weiterentwickelter westlicher Tanz ist. Das hat mit Budo nichts zu tun. Einer der Gründe dafür ist sicher die falsche Interpretation der Worte O Senseis, die man zusammengefasst hat, zu dem Verständnis »ohne die kleinste Kraftanstrengung zuarbeiten«.

Patricia Guerri in ihrem Dojo in Paris.
Patricia Guerri in ihrem Dojo in Paris.

Fangen wir mit der traditionellen Frage an: Wann und wo haben Sie das Aikido entdeckt?

Ich habe1978 hier in Paris begonnen. Ein paar Jahre später habe ich meine Eltern verloren, stand dann ganz alleine da und musste entscheiden, was ich tun sollte. Ich hatte ziemlich viel Geld geerbt, war finanziell unabhängig und beschloss daraufhin 1985 nach Japan zu reisen um mein Aikido zu vertiefen.

Ich hatte die Telefonnummer eines Journalisten erhalten, Stanley Pranin, und kaum war ich in Japan angekommen, rief ich ihn noch vom Flughafen aus an um ihn zu bitten mir einen Meister zu benennen, bei dem ich studieren könnte. Nach einigem Zögern hat er Saito Sensei angerufen. Da ich in Paris kein Takemusu-Aikido trainiert hatte, hatte ich keine Empfehlung und Saito Sensei weigerte sich zuerst, mich als Schülerin anzunehmen, da er dachte, ich sei eine »Aikido-Touristin«. Erst als Stanley Pranin ihn gefragt hat, was er denn bitte mit mir anstellen sollte und ob er mich denn ins Flugzeug zurück nach Paris setzen sollte, verstand er, dass es mir ernst war, und er bat ihn mich nach Iwama zu bringen, das 130km von Tokyo entfernt liegt.

In Iwama befanden wir uns wirklich in Japan. Ein Händedruck von Saito Sensei oder Küsschen »à la française« waren undenkbar! Es gab eine japanische Verbeugung und sonst nichts. Saito Sensei hat mich gefragt, welchen Grad ich hätte. Damals hatte ich den 2. Dan aber bei ihm musste ich wieder bei Null anfangen.

Danach bekam ich ein Problem mit der Aufenthaltsgenehmigung, denn ich hatte nur ein Touristenvisum. Saito Sensei hat daraufhin ein Stück Papier genommen und hat etwas darauf gekritzelt. Mit diesem Blatt und meinem Pass hat er mich zu den für Äusländer zuständigen Behörden geschickt. Er bat mich das Dokument dort zu präsentieren und abzuwarten. Und tatsächlich habe ich die Büros mit gültigen Papieren verlassen.

So haben meine drei Jahre als Ushi Deshi in Iwama begonnen.


Sind Sie ins Hombu Dojo in Tokyo gegangen?

Nein, es war mir nicht möglich ins Hombu Dojo zu gehen, nachdem sich Saito Sensei so für mich bei den japanischen Behörden eingesetzt hatte. Aber der Doshu, Kisshomaru Ueshiba, kam oft nach Iwama.


Wenn man Ushi Deshi in einem Dojo wie dem in Iwama ist, was bedeutet das?

Bei Saito Sensei ist die Tradition der mit dem Sensei lebenden und trainierenden Schüler erhalten geblieben. Zu Beginn meines Aufenthalts hat er mich zunächst ein wenig mir selbst überlassen. Es ist wahr, dass die Japaner sich Fremden gegenüber nicht so schnell öffnen und ihre Kultur und ihr Wissen nicht sofort an den Ersten, der auftaucht weitergeben, vor allen Dingen nicht, wenn es sich um eine Frau handelt. Der Anwärter muss ein Verhalten aufweisen, das seinen Wunsch zu lernen und seine Selbstlosigkeit zu erkennen gibt. Er hat mich eine Zeit lang getestet, um zu sehen, ob ich diese unentbehrlichen Bedingungen erfüllte. Er hat mich gewarnt und mir deutlich zu verstehen gegeben, dass ich an dem Tag, an dem ich akzeptiert werden würde, mit keinerlei besserer Behandlung zu rechnen hätte und dass ich selbst schauen müsste, wie ich mit den anderen Schülern mithalte. Von Anfang an wurde ich in der Küche eingesetzt und beauftragt, die Mahlzeiten für alle Ushi Deshis vorzubereiten... Das war mein erster Test.

Die Erziehung in einem Dojo verlangt, dass der Schüler viel verträgt, sowohl im Training als auch im täglichen Leben. Beim Sensei zu leben erfordert eine bestimmte Geisteshaltung: erst wenn man dem Sensei seine ganze Motivation schenkt und begierig danach ist, etwas zu lernen, sind die Voraussetzungen dafür gegeben beim Sensei Gehör zu finden. Seine Ehre verlangt es dann, die ihm erwiesene Aufmerksamkeit nicht einfach auf egoistische Weise entgegenzunehmen, sondern sich erkenntlich zu zeigen. In diesem Moment bildet sich eine Art Symbiose zwischen dem Schüler und dem Meister und erst dann kann das Training wirklich beginnen. Das ist das, was ich verstanden habe, als ich in Iwama war.

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