Dr. Peter Goldsbury in Klausenburg (Cluj-Napoca) 2014

Als ich an der Universität in Sussex in England studiert habe, war mein Mitbewohner Aikido-Schüler von Noro Sensei in Paris.


Dr. Peter Goldsbury mit August Dragt während unseres Gespräches.

AJ: Was ist die Aufgabe der IAF?

Peter Goldsbury: Hombu ist eine hierarchisch strukturierte Organisation, an deren Spitze der Doshu sitzt. Sie wird ergänzt durch Organisationen, bei denen die Mitglieder auf einer Ebene stehen, wie z. B. der IAF. Die IAF gibt es meiner Meinung nach, um den Austausch mit anderen Organisationen zu pflegen, wie z. B. dem Sport Accord usw. Über diese Mitgliederförderationen besteht dann wiederum der Kontakt zu nationalen Sportverbänden und national-olympischen Komitees.

AJ: Was ist denn jetzt der Unterschied zwischen der IAF und der EAF?

In der IAF sind Mitglieder aus unterschiedlichen europäischen Verbänden. Die IAF beachtet aber diese Unterschiede nicht.

AJ: Ich dachte immer, die Unterschiede zwischen diesen Verbänden hätten eine politische Natur.

Auf europäischer Ebene mag das so sein, aber ich habe als Präsident immer darauf geachtet, dass diese politischen Unterschiede nicht auf der Ebene der IAF ins Gewicht fallen.

AJ: Hat die IAF einen Einfluss auf Aikido als Kampfkunst?

Auf die Kampfkunst? Das würde ich mit Nein beantworten. Nein, ganz einfach, weil der Aikikai eine Iemoto-Organisation ist (Familien-Organisation). Die Beziehungen ergeben eine Pyramide und so habe ich z. B. eine Beziehung zum Doshu durch meinen Dan-Grad. Nun, die IAF ist eine Vereinigung von Mitgliedern, die alle die gleiche Beziehung zum Doshu in Hombu haben. Welchen Einfluss haben wir also auf das Aikido? Insofern, dass Aikido nicht nur in Japan praktiziert wird, da würde ich es mit Ja beantworten. Aus meiner Sicht kann man nicht abstreiten, dass die westliche – wenn ich westlich sage, meine ich im allgemeinen Sinne nicht-japanisch – Mentalität sich von der japanischen unterscheidet. Deswegen ist es auch ganz natürlich anzunehmen, dass Nicht-Japaner die Lehre des Begründers anders interpretieren als Japaner. Ich will nicht sagen, dass eine Variante besser ist als die andere, aber sie sind einfach wie die Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen. Während dieses Lehrgangs in Rumänien ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass nicht alle Lehrer aus Japan kamen. Es lehrten auch Mitglieder der IAF. Wenn ich unterrichte, erkläre ich immer, dass ich zwar mein eigenes Dojo habe, aber auch der IAF angehöre. Der rumänische Organisator, Herr Marchis, hat sich für diesen Lehrgang gewünscht, dass alle Lehrer zwar aus dem Aikikai kommen, aber es sollten auch Mitglieder der IAF dabei sein. Heute war mir ein bisschen mulmig, weil ich auf der einen Seite nach Christian Tissier, der wirklich sehr berühmt ist, dran war, auf der anderen Seite nach mir dann aber der Ur-Enkel des Begründers an der Reihe war. Und ich war da irgendwie so dazwischen.

AJ: Wieso trainieren Sie Aikido?

Wieso? Der Hauptgrund ist wohl, dass ich das Training genieße. Ich mag diese Art des Tuns. Ich trainiere jetzt seit 40 … 45 Jahren. In dieser Zeit hatte ich viele, viele verschiedene Lehrer, die alle ein wenig anders waren. Das gab mir die Gelegenheit mindestens zwei verschiedene Arten der Spiritualität zu studieren. Die asiatische Variante ist, dass Körper und Geist als eins verstanden werden und nicht in Dualität fungieren. Das einem Westler zu erklären, ist gar nicht so einfach. Die Westler haben Schwierigkeit, sich vorzustellen, dass es eine Kunst gibt, in der man körperlich trainieren kann, aber zum gleichen Zeitpunkt auch eine Beziehung zum Gegner oder Partner haben kann, die nicht rein körperlich ist. Das ist eine große Herausforderung und unterscheidet sich, sagen wir mal, vom Judo- oder Fußballtraining. Ich will damit nicht Judo oder Fußball abwerten, aber der Wettbewerb gibt dem Ganzen eine andere Dimension, die ich anders empfinde als die, die Aikido erreichen will.

AJ: Wo haben Sie mit dem Aikido angefangen?

Als ich an der Universität in Sussex in England studiert habe, war mein Mitbewohner Aikido-Schüler von Noro Sensei in Paris. Er war halb Franzose halb Engländer und sagte zu mir: „Peter, ich habe eine Kampfkunst gefunden, die auf Liebe basiert!“ Ein Jahr später kam dann ein Japaner als Student an unsere Universität und er hatte den 3. Dan im Aikido. Da habe ich dann die Matte betreten, wurde geworfen, habe einen Trainingsanzug gekauft und dann nie aufgehört. Das was in England im Jahre 1970. Mein japanischer Freund ist dann wieder zurück nach Japan gegangen und so passiert es, dass ein Schwarzgurt die Universität in Sussex besuchte und mit uns trainierte. Wir haben das Training dann fortgesetzt. Einige Jahre später bin ich für meinen Ph.D. nach Amerika gegangen und kannte einige Leute aus dem Aikikai, die mir einen Lehrer in Boston empfahlen. Bei ihm trainierte ich 4 Jahre, dann ging ich zurück an die Londoner Universität und suchte dort nach einem neuen Dojo, weil es politische Probleme an der Harvard University gab. Ich fand eins und konnte so mein Training fortsetzen. Erst dann hörte ich vom Begründer und hörte auch verschiedene Lehrer erklären, was wohl Osenseis Idee war und welches Ziel diese japanische Kampfkunst verfolgt. Da dachte ich mir: „Ich gehe wohl mal nach Japan und schaue mir das an.“ Dann bin ich nach Japan gegangen und habe bis jetzt noch keine Pläne wieder zurückzukommen.

AJ: Wie lange sind Sie jetzt schon in Japan?

35 Jahre und ich möchte auch weiterhin dort bleiben.

AJ: Was denken Sie über die japanischen Traditionen?

Wie Sie vielleicht wissen, gibt es im Aikido immer Omote und Ura. Vielleicht denkt man, dass das nur Namen sind, aber das sind sie nicht. Es ist ein sehr zentrales Konzept der japanischen Kultur, vergleichbar mit Yin und Yang im Chinesischen. Die Japaner finden also in allen Dingen ein Ura. Wo Omote ist, muss auch Ura sein und vielleicht sogar ein Omote eines Ura. Die Kultur ist so gesehen sehr passend für bestimmte Kampfkünste.  …


Möchten Sie gerne mehr lesen – wir veräußern das AJ:
https://www.aikidojournal.eu/Deutsche_Ausgabe/2015/


 

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