Fürst Wolfgang, Wien 2010 Teil 2, N°65DE

Der Wasserkocher soll, laut Zeugenaussage, erneuert worden sein !


Wolfgang Fürst in seinem Dojo in Wien.

Also nicht fixfertige Strukturen für jede Stunde, sondern ich versuche das dynamisch im Augenblick zu gestalten. Der Vorteil ist, wenn man schon viele Jahre unterrichtet hat, dass man dazu auch in der Lage ist. Die Situation des Unterrichtens ist einem nicht unangenehm, Zwischenrufe stören nicht mehr, man kann damit arbeiten. Das ist eine Frage des Lebensalters genauso wie des “Alters” als Lehrer im Unterricht. Das wird sich, denke ich, bei jedem Lehrer so verändern im Laufe der Zeit. Mir macht unterrichten grundsätzlich Spaß.“

Weißt Du, dass Dein Bart weiß wird? (es dauert eine längere Sekunde, bis ein lautes Lachen aus Wolfgang heraus bricht)

„Ja, das ist noch der Mauerstaub vom Dojoumbau! Der Bart wird weiß, komischerweise die Haare am Kopf nicht so, aber ich hab‘ den Verdacht, dass die, die weiß werden, ausfallen. Ja, weiße Haare machen einen interessant – ich bekomme schön langsam einen Meisternimbus.“

Apropos Meister, früher hast Du oft Toshiro Suga eingeladen, dazu Deine Zugehörigkeit zum Österreichischen Verband um Tamura, dass wird sich wohl auch nicht ändern?

Ja, der Österreichische Aikidoverband (ÖAV), da hat sich nichts geändert, ich bin nicht nur irgendwie zugehörig sondern ein integrierter Bestandteil im Vorstand, in der Technischen Fachkommission, auch in den Prüfungskommissionen immer wieder und dabei hat sich nichts geändert. Es hat sich auch nichts geändert, dass Meister Tamura sozusagen die oberste Laterne auf unserem dunklen Weg (lacht) des Aikido ist, der uns den Weg ausleuchtet. Und es hat sich auch nichts daran geändert, dass ich weiterhin, wie schon seit fast 20 Jahren, intensiv mit Toshiro Suga zusammenarbeite.

Werden in Österreich von Dojos andere japanische Lehrer eingeladen, wie das viele Jahre überall praktiziert wurde und wird, um seine eigene Struktur aufzubauen.

„Wir verfolgen im Verband grundsätzlich die Linie, dass es bestimmte Lehrer gibt, die wir als Lehrer des Verbandes ansehen und die der Verband einlädt. Dazu gehören natürlich Tamura Sensei, Suga Sensei, Claude Pellerin und auch Tiki Shewan. Das sind sozusagen die offiziellen Lehrer des Verbandes.

Darüber hinaus ist es bei uns jedem Dojo freigestellt, jeden Lehrer einzuladen, den sie einladen wollen. Das wird auch gemacht, allerdings ist es oft ein finanzielles Problem für ein einzelnes Dojo einen größeren Lehrgang zu organisieren, also bleibt es im Rahmen. Aber grundsätzlich ist man daran interessiert, den „Blick über den Tellerrand“ zu ermöglichen. Diese offene Haltung ist etwas, auf das wir auch Wert legen. Der Verband lädt deswegen in der Regel einmal jährlich auch einen anderen Shihan als Tamura Sensei ein, das aber natürlich in Absprache und mit Zustimmung von ihm.

Ohlala, ich vergaß Stéphane Benedetti zu erwähnen, er ist zwar nicht in der Liste der ‚offiziellen‘ Lehrer genannt worden, aber er wird von den Grazern seit Jahren zu einem einwöchigen Sommerlehrgang eingeladen und zählt ohne Zweifel zu den Lehrern, die wir als die ‚unseren‘ betrachten. Auch ich war letztes Jahr in Graz und plane auch heuer wieder dort teilzunehmen.

Du unterrichtest Aikido, Iaido und Zazen, wie willst Du Deine Entwicklung in Iaido weiter ausbauen?

„Im Moment habe ich da keinen Stress etwas Besonders zu erreichen. Es gilt, das was ich bisher gelernt habe, weiter zu üben und zu perfektionieren. Iaido ist für mich eine eher meditative Arbeit, wo man viel im Bereich der Katas arbeitet. Wie gesagt, im Moment gibt es nichts Bestimmtes zu erreichen, ich sehe aber Arbeit vor uns liegen.

Die einzelnen Teile wie Omori Ryu, Hasegawa Ryu oder Okuden gilt es noch weiter auszuarbeiten und zu perfektionieren. Meine Arbeit ist auch, meine Schüler auf diesem Weg und in allen Teilbereichen der Schule weiterzubringen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich das ganze Curriculum des Muso Shinden Ryu erarbeiten zu können.

Ich höre oft, das man Aikido nur verstehen könne, Aikido nur erlernen könne, wenn man mit Waffen arbeitet – stimmst Du dem zu?

„Tendenziell ja. Waffen sehe ich als eine gute Möglichkeit, verschiedene Dinge zu üben, wie Distanzen, Winkel usw. Die Grundbewegungen die im Aikido vom Schwert kommen, also z. B. das Schneiden, oder die geraden Bewegungen wie beim Jo, die von der Lanze, dem Yari, kommen, geben eine gute Vorstellung davon, wie man sich ohne Waffen bewegt. Ich halte die Arbeit mit Waffen letztlich für unersetzlich im Aikido und für absolut notwendig.

Die Waffe ist, wenn man den Körper anschaut, so etwas wie eine Verlängerung der Gliedmaßen. Und wenn ich ohne Waffe die Hand schief halte sehe ich das vielleicht nicht so. Wenn ich die Waffe in der Hand halt, kann ich Abweichungen sehr deutlich sehen, weil jede Bewegung dadurch vergrößert wird. Die Waffe ist für mich ein sehr nützliches Instrument, ein guter Orientierungspunkt in der Arbeit.

Trotzdem bin ich der Ansicht, dass man die Arbeit mit Waffen und die mit Menschen nicht 1:1 gleich gestalten kann. Ein Mensch ist lebendig, er ist dynamisch, geschmeidig oder steif usw. und ein/e jede/r ist anders, und selbst der gleiche Mensch ist zu unterschiedlichen Zeiten anders.
Darauf gilt es Bedacht zu nehmen. Man darf nicht glauben, dass es reicht, andere in einem korrekten Winkel nieder schneiden zu können.

Das kann ein Anfang sein, aber wenn ich Aikido so verstehe, dass ich andere Menschen zu guter Letzt nicht vernichten, sondern ihr Leben und ihre Gesundheit ebenfalls bewahren will, muss ich viel weiter gehen. Ich muss lernen, vorsichtig und dosiert mit den anderen umzugehen. Die Basis bleiben die Waffen, die Ausführung der Technik muss den menschlichen Faktor aber miteinbeziehen, sonst kann man Aikido wie ich es verstehe auf Dauer nicht verwirklichen.

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