Jachim Eppler - AJ 70DE

… daher kommt dieses Abhaken, ich kann es ja schon – das schadet dem Aikido.

Aikidojournal Interview

Joachim, wann und warum hast Du mit Aikido begonnen?

Ich begann 1974 im Karatezentrum in Stuttgart mit dem Training – nach zirka einem Jahr hat sich der Inhaber des Karatezentrums Aikido vorgestellt. Sein Freund machte Karate und Aikido, er hatte gerade seinen sho-dan erhalten… Ich glaube, ich saß mit offenem Mund da – völlig andere Bewegungen als diese geraden und gehackten im Karate. Runde, verschmelzende Bewegungen – ich war begeistert und schrieb mich sofort in dieses Training ein, das mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. Erst blieb ich noch im Karate, verließ dies aber, um mehr Zeit für Aikido haben zu können.


Hattest Du Probleme mit dem Unterschied von Aikido und Karate.

Weniger. Aber es war anfänglich gewöhnungsbedürftig von dem Geradlinigen wegzukommen. Doch wenn es schwer gefallen wäre, hätte ich es möglicherweise nicht weiter gemacht. Es war ja eher so, dass ich Karate den Rücken kehrte.


Ich erinnere mich an meine frühen Jahre, es sind viele Teakwan-Dokas, ob ihrer kaputten Gelenke, die sie durch allzu viele Schocks hatten, ins Aikidotraining gekommen …

… das ist hier auch seit vielen Jahren der Fall, dass Leute aus allen Budodisziplinen in das Training kommen und primär aus gesundheitlichen Gründen etwas anderes suchen – sie möchten beim Budo bleiben, können aber das Karate, Teakwan-Do oder auch Judo … nicht mehr ausführen. Viele sind geblieben, viele sind auch gegangen, aber es war interessant mit diesen Budokas zu arbeiten.
Abgesehen von dem gesundheitlichem Aspekt, ist es für den Anfänger in allen Budoarten gleich – wenn es dem Anfänger in dem ersten Dojo gefällt, dann bleibt er– ist er enttäuscht, so geht er. Er kommt natürlich nicht, oder wenn, dann nur sehr selten, auf die Idee, es in einen anderen Dojo zu probieren. So machen wir nun alle zwei Jahre einen Kombinations-Lehrgang, damit die Leute wenigstens mal in etwas anderes hinein schnuppern können, Es ist ja oft so, dass es für junge Menschen wichtig ist, sich zu beweisen, oder stark sein zu wollen … was sich ja zum Glück, abhängig von der Mentalität, verliert. So aber kann ein Kombinationslehrgang neue Wege oder Perspektiven aufzeigen. Vor allen aber, das versuche ich zumindest immer aufzuzeigen, die Gemeinsamkeiten zu finden– dieses ist mir am wichtigsten. So treffen sich Karatekas, Bogenschützen (keine Kyukas) und Aikidokas. Ich bemerke, dass immer mehr Karatekas aus allen Niveaus teilnehmen. Insofern ist es schade, wenn jemand, egal in welcher Budoart, aus Enttäuschung aufhört, ohne die Möglichkeit zu haben in ein anderes Dojo oder in eine andere Budoart rein zu schauen. Zumal die Sympathie oder Antipathie zu schnell und meist ohne triftigen Grund gefällt wird.

Der Mensch hat heute die Möglichkeit, oftmals sogar gesetzlich geschützt, den einfacheren Weg zu gehen.

Ja, das ist schade, zumal der einfachere Weg nur vermeintlich der einfachere ist. Dem heutigen Mensch fehlt die Konstanz – mit Ruhe an etwas heran gehen und dabei bleiben, über ein Zeitmaß hinaus. Nicht nur abhaken, um zu sagen, ich habe mal dies oder jenes gemacht – ich habe diese Graduierung gemacht. Heute ist doch vieles nur ein Streben nach Graduierung. Es ist einfach nur schade, dieses Konsumverhalten, dieses Abhaken – schlimm.
Mir viel vor einigen Jahren auf, dass die meisten vierte oder fünfte Dane, ihr Heil in Jo-, Ken- oder Tantodo suchten. Sie fanden im Aikido keine Befriedigung mehr, so suchten sie neue Aufgaben … Nach meiner Auffassung war es so, dass die erreichte Dangraduierung das Ende der Fahnenstange war, ohne Perspektive auf eine baldige höhere Graduierung, die doch so sehr ersehnt wird – also muss etwas Neues her, was man dann als ein Erforschen vom Ursprung, Aufbau und Wirkung der Technik verkaufen möchte.

Das unterschreibe ich dir – es ist zwar eine Entwicklungsstufe, die sich aber in der Qualität der Technik spiegelt, doch für mich ist es eine typische Abhakmentalität ohne Tiefe. Natürlich stimme ich zu, wenn es als Frage aufkäme – aber es ist ein Ausflug und nicht die Heimat, denn letztendlich ist es das Waffenlose, was es ausmacht. Ja, ich sehe die Begeisterung, wenn ein solcher Speziallehrgang angeboten wird, aber ich persönlich warne davor – ich erwarte zumindest ein Suchen nach der Gemeinsamkeit, zum Waffenlosen. Aber jemand, der wie dein eben angesprochenes Beispiel es zeigen sollte, nicht ein Vertiefen des Waffenlosen vermitteln möchte hat ja seinen Bezug dazu verloren. Das Schlimme aber ist, dass dies schnell übernommen werden kann – man verhält sich so, wie man aufgewachsen ist.

Ich wurde im letzten Jahr gefragt, ob ich einen sogenannten Bundeslehrgang geben würde. Ich stimmte zu. Ich bereitete es insofern vor, in dem ich hier am Computer Kärtchen ausdruckte – diese verteilte ich nach dem Angrüßen. Auf den Kärtchen stand ein asiatischer Sinnspruch: „Man muss den Tank erst einmal ausleeren bevor man ihn wieder füllt“ – ich bat darum, die Kärtchen nicht einfach wegzulegen, sondern sich individuell seine Gedanken dazu zumachen, selbst wenn der Inhalt des Kärtchen einem heute nichts sagt, vielleicht ist in zwei Tagen eine Erkenntnis damit verbunden. Die Resonanz zum Ende des Lehrganges war umwerfend, so gab ich zum Abschluss noch einen weiteren kleinen Spruch, um es abzurunden. Während des Trainings aber verwies ich gelegentlich auf das Kärtchen – aufgrund der Resonanz und des Abschlusses hatte ich das Gefühl, dass ich durch diesen kleinen Trick die Teilnehmer aus der leider allzu oft anzutreffenden lehrgangsüblichen Lethargie heraus heben zu können. Denn ein Öffnen verlangt ein sich Ändern – aber nur mit einer Öffnung kann ich den Tank entleeren … Öffnen bedeutet aber auch Mühe, sich bemühen, dies ist in unserer heutigen Gesellschaft leider verpönt – daher kommt dieses Abhaken, ich kann es ja schon – das schadet dem Aikido.
In meiner Lehrtätigkeit hat sich herauskristallisiert, dass ein Suchen nach der Gemeinsamkeit stabilisierend wirkt, mir intellektuelle Möglichkeiten zur Vertiefung eröffnet – also nicht etwas Exotisches suchen. Aikido besitzt keinen quantitativen Lernstoff, den man nach einer Prüfung abhaken kann – etwas was ich schon immer in unserem Verband kritisiere, sind diese Prüfungslehrgänge. Das ist kein Aikido.

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