Gespräch mit Pierre congard aus Schwerin.

Ich habe mit dem Aikido in Brest begonnen, im Brester Dojo, einem Judoklub, der das Aikikai trainieren liess.

Pierre mit seiner Tocher Anna.
Pierre mit seiner Tocher Anna.

Beginnen wir mit den traditionellen Fragen: Wo, wann, wie und warum hast du mit dem Aikido angefangen?

Pierre Congard: Ich habe mit dem Aikido in Brest begonnen, im Brester Dojo, einem Judoklub, der zur Gemeinde gehörte und wo ich viermal wöchentlich das Aikido trainierte.

Da ich in der Schule und an der Universität sehr viel Gemeinschaftssport getrieben hatte und von den Wettkampfverpflichtungen nicht mehr überzeugt war, lockte mich das Aikido.

Die Kampfkünste haben mich schon immer angezogen und ich glaube, ich hätte am Anfang sehr wohl in eine Karate, Judo oder Kung-Fu-Schule eintreten können.

Ich habe in Deutschland Lehrgänge mit grossen Karatemeistern wie Tetsuhiko Asaï oder Kung-Fumeistern wie Al Dacascos verfolgen können und konnte feststellen, dass die Basisprinzipien die gleichen sind, egal in welcher Disziplin. 1989 ist Toshiro Suga aus Kanada zurückgekommen und der Klub ist in den Gymnase de la Pointe umgezogen. Später hat er sich im Dojo von Monsieur Le Treut in Saint-Pierre niedergelassen.

Ich bin auch nach Lesneven oder zum Klub von Plouzané gegangen, wo Jean-Yves und Robert Le Vouch sowie Roger Mathevey unterrichteten. Ich habe Toshiro am Wochenende zu Lehrgängen begleitet. Bruno Le Maitre und ich übten regelmässig die »Rollen des Mittags« – 300, 500 oder 1000 Stück.

Mit ihm haben wir 1990 das Aikikai von Plougastel-Daoulas gegründet. Ich bin natürlich auch zu den Lehrgängen mit Meister Tamura gegangen.


Erinnerst du dich an deinen ersten Lehrer?

Sicher! Es war Roger Mathevey, der lange Präsident der Bretagne-Liga war. Er hat mich bis zum ersten föderalen Dan ausgebildet. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an die Kurse im Brester Dojo – mit Bruno, Monique, Joseph, Jacques und den anderen sowie an unsere, etwas theoretischeren »Kurse« im Club-House des Brester Dojos.

Bei Roger habe ich gelernt, wie man einen Lehrgang organisiert, das hat mir in Deutschland sehr geholfen. Ich finde immer wieder Freude, Ihn beim Sommerlehrgang in Lesneven wiederzusehen. Zu dieser Zeit ist die Idee, ein Dojo zu eröffnen, in mir erwacht.


Hattest du zuvor andere Kampfkünste praktiziert? Hast du seitdem welche trainiert?

Mit 16 habe ich geboxt. Das ist wieder ein Beispiel, wo der Wettkampf schadet. Ich hätte gerne weitergemacht, weil ich am Training sehr viel Spass gefunden hatte: Das Seilhüpfen, das Sandsack-Training, das Laufen… Man braucht viel Koordination und Flinkheit – was die körperliche Kondition angeht, kenne ich nichts Besseres. Aber wenn man einmal im Ring ist, selbst auf kleinem Amateurniveau, ist man sehr schnell Punching-Ball, wenn der Gegner dominiert. Nach 18 Monaten habe ich beschlossen, aufzuhören.

Als ich 18 und in den Vereinigten Staaten war, habe ich Ringen und Wrestling gemacht. Das hat mir auch sehr gefallen. Ich habe zehn Kämpfe gemacht, für die Schule, in welcher ich studierte. Ich erinnere mich an die wahnsinnige Stimmung. Vor drei Jahren habe ich mit dem Iaido bei Jaff Raji begonnen.


Was hat dich dazu gebracht, nach Deutschland zu gehen? Hattest du dort schon mal Aikido trainiert?

1993 hat meine Frau eine Stelle als Lehrerin in Schwerin, der Hauptstadt des Landes Mecklenburg-Vorpommern (zwischen Hamburg und Berlin) bekommen. Ich habe beschlossen, meine gebürtige Bretagne zu verlassen und habe mich dort niedergelassen. Ich arbeite auch für das Touristikamt, als Führer. Die Stadt ist wunderschön und die Deutschen entdecken das Land als touristische Region wieder.

1988 war ich Taucher an der Uni in Oldenburg, wo ich auch Aikidokurse gegeben habe. Ich trainierte im lokalen Klub und in Bremen.


Praktikant, Lehrer und Dojoleiter, wie funktioniert das alles?

Als erstes musste unsere Disziplin bekannt gemacht werden, denn, ausser den olympischen Sportarten, dem Judo, Boxen und Ringen, waren Kampfkünste in Ostdeutschland verboten.

In den ersten sieben Jahren haben wir ungefähr zehn Vorführungen pro Saison an Orten wie Dorffesten, Schulen, Judo- oder Karatekämpfen, Diskotheken, Schreinereien, Hotels, Restaurants oder sogar zur Einweihung einer Müllanlage gemacht. Parallel dazu habe ich mit dem Innenministerium zusammengearbeitet, dem das Projekt »Sport statt Gewalt« sehr zu Herzen lag.

Somit kamen viele Kurse in Schulen und Kindergärten dazu. Nachdem ich ein Jahr lang am Freitagabend in einem Verein unterrichtet hatte, habe ich im Januar 1995 mein eigenes Dojo eröffnen können.

Dojoleiter zu sein bedeutet, vielseitig zu sein. Man kann sich nicht auf die Rolle des Lehrers beschränken. Man muss sich um die Werbung, die Nachbarschaft, die Reinigung, die Buchhaltung und die Organisation der Lehrgänge kümmern. Man ist Fürsorger, Vertrauter, Pressereferent, grosser Bruder, gar Vater für manche Kinder.

Ich habe mir am Morgen immer etwas Zeit für mein eigenes Training genommen: Ich laufe, rolle im Dojo oder arbeite mit Waffen. Den Unterricht beginne ich am Nachmittag mit einem Kinderkurs, danach kommt ein Erwachsenkurs. Am Wochenende bin ich oft auf Lehrgängen. Die letzten zehn Jahre waren sehr reichhaltig an menschlichen und sportlichen Erfahrungen.


Gibt es Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland in Sachen Training? Wie sieht es mit den Aikidokas selbst aus?

Es gibt in Deutschland schätzungsweise zehn Föderationen, vielleicht sogar mehr. Dies bedeutet eine grosse Vielfalt an Stilen, auch innerhalb eines gleichen Dojos. Dazu kommt die Tatsache, dass viele allergisch reagieren, sobald man von Kampfkünsten spricht. Viele sehen das Aikido wie eine körperliche Gymnastik oder eine Meditation – sehr oft sogar mit profitgierigen Absichten.

Es ist nicht ungewöhnlich, wenn ein 1. Dan-Träger ein eigenes Dojo aufmacht und dies als Beruf betreibt. Das würde in Frankreich als sehr gewagt angesehen. Mit der Ausrede, sich mit Uke zu harmonisieren, wird die »Kotai«-Arbeit wenig unterrichtet und die Arbeit mit Waffen scheint wenig studiert, oft sogar fantasiereich. Alle Begriffe, die der Kampfkunst das Leben geben (Shisei, Zanshin, Metsuke, Maai, Kamae etc.) bleiben oft weg. Die Arbeit mit dem Rollen lässt Dutzende von Interpretationen zu, aber das ist ja das gleiche in Frankreich, nicht wahr?

Ich denke, dass die Wahrnehmungsunterschiede zwischen den zwei französischen Föderationen in Deutschland mit 10 multipliziert werden können.

Dies ist freilich meine Art nach wohldefinierten Kriterien zu analysieren, aber ist nicht eine Vielfalt von Strömungen die Quelle von Reichhaltigkeit? Die Arbeit der Ushi Deshi unterscheidet sich auch, obwohl sie alle beim Gründer gearbeitet haben… Eben!!

Die Praktikanten? Ich bin immer wieder von der Neugierde der Praktikanten fasziniert, unabhängig der Strömung oder gar der Disziplin. Es ist nichts Rares bei Lehrgängen Karateka, Judoka etc. anzutreffen.

Wenn die auf einen zukommen, dann erwarten sie auch was von einem Kampfkunstlehrer. Am Anfang dachte ich, es wäre, um mich zu testen und durch meine Arbeit, das Aikido zu bewerten.

Es ist peinlich, wenn man als Lehrer mit einem Anfänger, der aus einer anderen Disziplin kommt, nicht »fertig wird«. Man muss überzeugen ohne an den Empfindlichkeiten der anderen zu schürfen: Alles eine Kunst, die ich bei Toshiro Suga gelernt habe. Heute treffe ich diese Leute regelmässig auf Lehrgängen oder im Dojo in Schwerin. Manche trainieren nur noch Aikido.


Welche Personen haben dich am meisten beeinflusst?

In der Reihenfolge nach dem Alter sind dies: Meister Arikawa, Meister Tamura, René Van DroogenBroeck, Toshiro Suga (mein Lehrer), Malcom Tiki Shewan, Jaff Raji, dessen Rolle uns alle hat träumen lassen. Und sobald sich die Möglichkeit zeigt, werde ich einen Lehrgang mit Meister Chiba machen.


Was hat dich auf diesem Weg beharren lassen?
DIE LEIDENSCHAFT!!!


Welche Wichtigkeit gibst du der Vorbereitung?

Ich schenke ihr immer mehr Aufmerksamkeit, vielleicht hat es was mit dem Alter zu tun. Ich finde immer wieder Details, bei Lehrgängen, als Lehrer und manchmal bin ich auf mich selbst böse, weil ich deren Sinn nicht früher verstanden habe. Mein Kurs nimmt nach Tori Fune Form an.


Welchen Platz hat Arbeit mit Waffen in deinem Training?

Mein Urteil wird von meiner Arbeit an der Seite von Toshiro beeinflusst sein, der das ganze Jahr über Lehrgänge in ganz Europa gibt. Und wie ich in den Berichten des Lehrgangs in Lesneven schreibe, werden die Waffenkurse von Toshiro am Nachmittag immer mehr besucht.

Ich unterrichte Aikido seit 1989 und bei Gradprüfungen kann man sofort den Kandidaten erkennen, der wenig mit Waffen arbeitet. Seine Arbeit ist nicht strukturiert. Ich verstehe diese ganze Polemik um die Arbeit mit Waffen nicht ganz. Es gibt kein Video, keine Fotoaufnahme, keine Aussage aus denen hervor geht, dass O Sensei kein Bokken oder Jo in der Hand hatte.

Als Trainierender kann ich mir kein Lehrgang vorstellen, ausser aus Sicherheitsgründen, in dem keine Übung mit Waffen stattfindet. Als Lehrer kann man dank der Waffen alles erklären oder zumindest es versuchen und alle Techniken verstehen. Der Mittwochabend ist dieser Arbeit gewidmet und die Kinder lieben Kumijo und die Kumitachi.

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