Gespräch mit Gilles de Chénerilles aus Saarbrücken.

Es war ein alter, dunkler Ballsaal. Wir trainierten auf der Bühne. Im Winter gab es keine Heizung. Überall war der Geruch der Matten, der Kimonos und des Schweißes!


Gilles in seinem Dojo in Saarbrücken – Sakura Dojo

Wo, wann, wie und warum hast du mit dem Aikido begonnen? Erinnerst du dich an deine ersten Lehrer? Hast du schon andere Kampfkünste trainiert?

Gilles de Chénerilles: Ich habe zuerst mit dem Judo angefangen, ich war sehr jung, ich müsste elf gewesen sein. Mein Onkel und meine Cousins haben meinen Vater, meinen Bruder und mich auf eine Judomatte in Saint-Avold mitgenommen. Es war ein alter, dunkler Ballsaal. Wir trainierten auf der Bühne. Im Winter gab es keine Heizung. Überall war der Geruch der Matten, der Kimonos und des Schweisses! Das waren meine ersten grossen Eindrücke.

Ich habe nicht weitergemacht aber ein paar Jahre später hat mich ein Kommilitone – ich war auf der Kunstschule in Metz – zu einem Karatekurs mitgeschleppt. So habe ich ein gutes Jahr lang Karate machen können. Ich bin nach Saint-Avold zurückgekommen und konnte nicht weitermachen, weil es keinen Lehrer gab.

Aber der Virus der Kampfkunst war damals in mir. Ein wenig später habe ich eine Kampfkunstvorführung im Fernsehen gesehen.
Das war Wahnsinn! So was hatte ich noch niemals zuvor gesehen. Ein Japaner, es war Meister Tamura, warf die Angreifer, ohne sie auch nur scheinbar zu berühren. Diese sprangen, fielen und standen wieder auf, es war sehr faszinierend! Sehr viel faszinierender als all das, was ich zuvor gesehen hatte.

Ich habe meinem Judolehrer davon erzählt und er meinte zu mir: »Kein Problem, komm und wir werden es machen!« Die Woche drauf habe ich mit Aikido begonnen, es war 1970.

Ich habe die Basen mit dieser Person erlernt sowie mit einem 2. Kyu, der Aikido 1967 in Marseille mit Alain Gerrier trainiert hatte. Es war Gérard Schkud. Diese zwei waren eine grosse Motivationsquelle zu Beginn.

Nach einem Jahr habe ich beschlossen, einen Sommerlehrgang zu besuchen um intensiver zu trainieren. Ich hatte das Glück, an einem ersten Lehrgang in Annecy mit Tamura Sensei und Nakazone Sensei teilzunehmen.

Diese Lehrgänge waren sehr anstrengend, viel intensiver als heute und vor allen Dingen viel körperlicher! Aber mit einer grossen Gruppendynamik. Es war gewaltig!

Ich habe dort Paul Muller zum ersten Mal getroffen. Wir haben sofort sympathisiert und drei Monate danach hat er einen ersten Lehrgang in Saint-Avold gegeben. Es war der Anfang einer Periode, wo wir sehr intensiv miteinander gearbeitet haben. Paul ist wirklich ein aussergewöhnlicher Aikidolehrer.

Er war schon 3. Dan und hatte sehr viel zu geben. Dank ihm konnte der Aikidoklub von Saint-Avold wachsen und existieren. Heute ist unser ehemaliger Klub einer der wichtigsten von Lothringen.

1974 machte ich meinen Shodan und 1975 wurde ich zu den Prüfungen des Judo »BEES« (Brevet d'État d'Éducateur Sportif – Staatsprüfung zum sportlichen Ausbilder) mit Wahlfach Aikido zugelassen. Ich unterrichtete bereits seit 1972, seit meinem 4. Kyu. Ich hatte immer einen kleinen Vorsprung vor den anderen, weil alle nach einer gewissen Zeit aufhörten.


Was brachte dich dazu, dich in Deutschland niederzulassen?

Ich bin 1983 nach Deutschland gezogen, weil ich eine deutsche Frau kennen gelernt hatte, mit der ich eine gewisse Zeit zusammen gelebt habe. Zwar sind wir nicht mehr zusammen, aber ich bin in Deutschland geblieben.

Ich habe Aikido in Forbach trainiert, weil es von der Entfernung näher war. Dank der Anfrage deutscher Judokas hatte ich die Möglichkeit, Gruppen in Saarlouis und in Saarbrücken zu führen. Damals 1984, trainierten wir an der Universität in Saarbrücken sowie in zwei weiteren Vereinen. Heute sind es im Saarland ca. 10 Gruppen, die Aikido trainieren.


Gibt es Unterschiede beim Aikidotraining zwischen Deutschland und Frankreich? Wie ist es zwischen den Aikidokas?

Meiner Meinung nach gibt es keinen grossen Unterschied zwischen dem Aikido in Deutschland und in Frankreich. Die Zusammenarbeit ist gut, es findet ein reger grenzübersteitender Austausch statt. Was das Training angeht, könnte man sagen, dass der Franzose ein etwas globaleres, lateinischeres Aikido macht wohingegen der Deutsche eher ein strukturierteres Aikido. Man muss aufpassen, nicht zu sehr zu verallgemeinern.

Der französische Aikidoka scheint eine grössere Abwechslung in der Anwendung seiner Techniken zu suchen, wobei der deutsche Aikidoka eher versucht, das was man ihm vorschlägt, immer wieder und weiter zu vertiefen.


Praktikant, Lehrer und Dojoleiter zugleich. Wie funktioniert das alles?

Praktikant und Lehrer laufen gut in beiden Ländern. Man sollte jedoch wissen, dass man Aikido beruflich einfacher in Deutschland als in Frankreich ausüben kann. Die Masse an sozialen Lasten, die auf den Rücken des französischen Aikidoka drücken, lassen ihn leicht vor dem Alter einknicken. Im Gegenteil kann der unabhängige Aikidoka in Deutschland eine berufliche Aktivität starten ohne am Anfang zu viele Steuern zahlen zu müssen. Er kann den Rücken gerade halten.


Welche Menschen aus der Welt des Aikidos haben dich am meisten geprägt?

Zu den schon erwähnten kommen noch einige Senseis hinzu. Es gab Meister Tamura, der einen grossen Einfluss auf das Aikido in Frankreich und Europa hatte. Seine persönliche Ausstrahlung und seine Technik haben mich sehr beeinflusst.

Meister Yamaguchi war auch einer meiner Vorbilder, vor allen Dingen in diesen letzten Jahren, seit seinem Tod. Es ist etwas paradox, aber während seiner Lebenszeit habe ich zwar zahlreiche Lehrgänge in Deutschland und Frankreich besucht, jedoch gebe ich zu, nicht viel verstanden zu haben. Jeder Lehrgang war für mich eine Quelle der Frustration durch die Form seines globalen Unterrichts. Jetzt mit dem Abstand habe ich das Gefühl, Geistesblitze mit Formen und Verhalten, die mir in meiner täglichen Arbeit helfen, wieder zu sehen.

Meister Yamaguchi hatte ein extremes Niveau der Auswertung in seinen Techniken erreicht. Es war kein Stil mehr vorhanden. Er hatte den Kreis geschlossen, auf gewisse Weise. Es war aussergewöhnlich!

Meister Nishio hat eine einmalige Unterrichtsform gebracht, die auf dem Zusammenspiel von Aikido mit Waffen und dem Training des Irimi-Begriffes basiert. Was bei ihm auch sehr schön ist, ist seine menschliche Seite. Ich hatte die Möglichkeit, in den letzten Jahren mit ihm zusammen zu kommen, und was mich am meisten beeindruckt hat, ist seine Einfachheit, seine Verfügbarkeit und seine Energie. Er ist nie müde! Seine Assistenten schliefen am Tisch ein und er erzählte weiterhin mit vielen Gesten von den Zwischenfällen im Aikido in Japan nach dem letzten Krieg.
Ich hatte einige Probleme, als ich mit Nishio Sensei anfing zu arbeiten, da er einen sehr unterschiedlichen technischen Stil hat, und ich wollte nicht mein ganzes Erlerntes verleugnen. Wenn man zu einer solchen Wende kommt, dann kann man versuchen, sich auf den letzten Stand zu bringen und das schon Erlernte zu vertiefen, mit den neuen Werkzeugen, die man nun zur Verfügung hat.


Siehst du das Aikido als eine Kampfkunst?

Im modernen Sinn des Wortes würde ich ja sagen. Das Aikido hat eine traditionelle Basis aber es ist eine entschlossene, moderne Kampfkunst in Idee und Form. Das Fehlen von Wettkampf und die Suche nach Harmonie mit dem Partner sind wichtige Punkte. Diese Suche nach Harmonie mit dem Partner ist in Wirklichkeit die Basis der Kommunikation. Wir sind voll in den Konzepten des dritten Jahrtausends. O Sensei war ein Visionär!


Ist die Vorbereitung (Aiki, Taiso etc.) eine einfache Aufwärmung oder ein Element des Trainings an sich?

Die Vorbereitung im Aikido ist für mich eine sehr wichtige Sache. Eine unvollständige oder unangepasste Aufwärmung erhöht das Unfallrisiko. Viele Praktikanten arbeiten vor einem Rechner, in einem Büro, bewegen sich kaum und es ist grundlegend, sie schrittweise in Bewegung zu setzen.

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