... »das Problemkind« und der neue Vorstand »TAD« ...

Reiner, erst einmal herzlichen Dank, dass Du mich hier in Deinem Dojo in Siegen empfängst.


Reiner Brauhardt in seinem dojo-Büro in Siegen.

Reiner, Du warst Gründungsmitglied und Du bist langjähriges Vorstandsmitglied des »TAD« (Tendoryu Aikido). Man kann wohl auch sagen, dass Du einer der ältesten Schüler von Shimizu Sensei bist. Seit Wochen nun erhalte ich Telefonate bzw. E-mails, die mich über einschneidende Veränderungen im TAD informieren...

Der »TAD« wurde 1994 hier in Siegen gegründet. Ich war, wie Du richtig sagst Gründungsmitglied und im Vorstand vertreten.

Was nun passiert ist, kann ich eigentlich gar nicht sagen, weil im Spätsommer des letzten Jahres sich die Ereignisse überschlugen. Es gab immer mal so kleine Probleme, weil ich und natürlich auch der Vorstand des »TAD« immer schon die Wünsche und vor allem die Probleme der Mitglieder an den Meister heran tragen mussten, was oft zu stundenlangen Diskussionen führte, die nicht immer nur Diskussionen waren – oft genug musste ich für die Mitglieder den Kopf hinhalten. Die Mitglieder wiederum, einerseits verständlich, nervten mich oder den Vorstand mit ihren Graduierungsproblemen.

Man kann sagen, dass bis vor ca. vier Jahren alles relativ gut gelaufen ist mit dem Verband, dem Graduierungssystem und dem Lehrgangswesen. Dann traten Unregelmässigkeiten auf, die Graduierungen, vor allem in den höheren Dangraden wurden seltenst ernannt, sie stagnierten quasi. Normalerweise geschah das bei den Lehrgängen mit Meister Shimizu auf Herzogenhorn (im Schwarzwald, Red.), und nun »ging fast nichts mehr«. Das führte natürlich zu einer grossen Unzufriedenheit bei den Teilnehmern (und zu unschönen Szenen). Vor allem, weil keine Linie, kein System mehr zu erkennen war.
Leider aber machten uns die Mitglieder dafür verantwortlich, obwohl wir händeringend mit Meister Shimizu eine Lösung suchten. Der wiederum liess uns oft »mehr oder minder im Regen stehen«, denn wir erhielten auch keine Antwort auf die Fragen der Mitglieder.


Hattet Ihr denn keine Prüfungsstruktur oder ein Prüfungssystem?

Wir hatten natürlich eine Prüfungsordnung, mit den entsprechenden Techniken darin. Diese wurde vor ca. 20 Jahren mit Meister Shimizu bearbeitet und zusammen gestellt.

Ich denke, es lag nicht an der Vielzahl der Techniken oder der Ausführung der Techniken. Aber die Struktur war eben, dass Meister Shimizu alleine graduierte und wohl dort lag die Stagnation. Ich bin der Meinung, dass etwas nicht stimmen kann, wenn Aikidokas mit z.B. dem 3. Dan, die seit neun Jahren oder länger regelmässig trainieren und eine eigene Gruppe leiten, in der Graduierung nicht weiter kommen. Oft erhielten sie auch keine konstruktive Kritik erhalten – kein »Warum« oder »warum nicht«, keine Erklärung, keine Vorgabe einer Linie.


Musstet Ihr Euch denn für eine solche Prüfung anmelden oder wie war der Ablauf?

Es wurden bundesweit für die Graduierungen gesammelt und zusammen gestellt, ein Antrag gestellt und Meister Shimizu in Herzogenhorn vorgelegt. Er begutachtete im Rahmen des Lehrganges dann die Kandidaten und entschied ob »ja« oder »nein«.
Obwohl Shimizu Sensei Euch nur selten sah, musstet Ihr keine Prüfung vor ihm und den anderen Teilnehmern ablegen, in der die geforderten Techniken der Prüfungsordnung überprüft wurde?

Das war mal so und er ging dann zu diesem System über. Auch wurden die Teilnehmer nicht direkt auf dem Lehrgang von einer bestandenen oder nicht bestandenen Prüfung informiert. Das erfolgte dann aus dem »stillen Kämmerchen« oder aus Japan. Das auf jeden Fall war in den letzten paar Jahren so. Er sagte mir einmal, er könne die Tränen nicht ertragen ...

In den letzten zwei Jahren ist gar nichts gelaufen, keine Prüfung, nichts. Man kann bei Meister Shimizu die Prüfungsrichtlinien nicht nachvollziehen, weil man sie ja auch nicht kennt. Man kann nicht erkennen, wie er die Kandidaten beurteilt. Es ist für Aussenstehende sehr schwer bis gar nicht ersichtlich.


Hat er auch Dir als technischer Leiter des TAD nicht seiner Kriterien anvertraut?

Nein, nichts.


Gut, man kann natürlich auch sagen, dass der Kandidat so die Möglichkeit hat, während eines solchen Lehrgangs seine Arbeitsweise wunschgemäss zu verändern, wenn die entsprechende Kritik kommt?

Wenn sie denn kommt!


Waren denn nun diese Enttäuschungen der Grund, dass der Vorstand des »TAD« ausgewechselt wurde?

Nein, nach dem letzten Sommerlehrgang auf Herzogenhorn haben sich viele Teilnehmer über das »Klima« auf Herzogenhorn beschwert – dass es nicht mehr so sei, wie vor einigen Jahren. Auch der Vorstand, ich war nicht dort, hat mit Meister Shimizu über die diversen Missstände gesprochen. Dazu kam, dass er selbst beabsichtigte, den Verband aufzulösen und alle Dojos in sein Dojo in Japan zu integrieren. Es wurden deswegen Lehrgänge abgesagt, Daten verschoben bzw. andere Lehrgänge angenommen. Mit anderen Worten, er ignorierte den Vorstand des »TAD« und ging seine eigenen Wege.


Noch einmal, in Reinschrift für Langsame. Er wollte den Verband auflösen, einen deutschen Verband, in dem er als Bundestrainer fungiert oder sehe ich das falsch?

Er hat auf Herzogenhorn kundgetan, dass der Verband nicht nötig sei und er alle in sein Dojo einschreiben würde. Das sagte er dem Vorstandsmitglied Rainer Koppenhöfer aus Worms. Sein Aikido ist zwar in Japan nicht bekannt, wie das anderer Senseis, aber vielleicht wollte er dies alles aus diesem Grund.

Oder er meinte, es wäre so einfacher für ihn? Das, wie gesagt war ein Gespräch mit dem Vorstandsmitglied Rainer Koppenhöfer, in dem er sagte, er wünsche die Auflösung des Verbandes. Worauf Rainer ihm antwortete, dass der »TAD« ein deutscher Verband sei und nicht so einfach aufgelöst werde. Daraufhin ist Meister Shimizu aufgestanden und gegangen und hat ihn alleine stehen lassen. Das zu deiner vorherigen, erstaunten Frage: Der Vorstand widersprach oder »dachte nicht in seine Richtung«, folglich ignorierte er ihn.

Daraufhin hielten wir eine Sitzung hier in Siegen ab, um es den Mitgliedern verkaufen zu können bzw. um Ruhe in den Verband zu bekommen. Denn es sind schon viele Vereine, vor allem viele Danträger aus dem Verband ausgeschieden. Wir beschlossen, den Herzogenhorn-Lehrgang 2001 auszusetzen, um mit den Mitgliedern abzuklären wie in Zukunft weiter verfahren werden soll. Dieses Konzept wurde in einem Brief Meister Shimizu mitgeteilt. Auf einmal hiess es aus Japan, er wolle den Verband doch nur stärken und unterstützen – zuerst Auflösung und dann sagen, das ist dann Stützung?!

Auf einem Lehrgang in Lüneburg, den er anstelle eines von ihm abgesagten hielt, sagte dann Meister Shimizu, dass »diese Leute« wie Koppenhöfer, Krüger, Siegried Dausch und Brauhardt nicht mehr seine Schüler seien und er sie auch nicht mehr sehen möchte! Das war eine Forderung, verbunden mit einem ultimativen Nachsatz: Sonst komme ich nicht mehr nach Deutschland. Diese Worte liess er so in Lüneburg verlauten.


Aus diesem Grund wurde dann im Dezember eine ausserordentliche Mitgliederversammlung einberufen, mit dem Haupttraktandum: Neuwahl des Vorstandes, auf Anregung von Meister Shimizu. Der alte Vorstand hat das noch gerne ausgeführt. Es fand natürlich ein Diskussion statt, in der ganz klar heraus kam, das viele Anwesende der Meinung waren, dass das einem Verhalten ähnlich der der Feudalherrschaft gleiche, das man sich eben unterwirft, um weiter mit »ihm« zusammen zu arbeiten. Einige waren dagegen, einige dafür. Und so wurde der neue Vorstand gewählt, mit der Auflage, dass man »versuchen sollte«, das Lehrgangswesen und Graduierungswesen neu zuordnen um es in eine ruhige Linie hinein zu bekommen.

Seitdem hörte ich nicht mehr von dieser Geschichte, bis ich jetzt einen Lehrgang in Hamburg ausrichten sollte. Der Ausrichter, Peter Prem, bedrängte mich noch im Dezember auf der Mitgliederversammlung, dass ich unbedingt den Lehrgang bei ihm ausrichten solle... . Auch hatten wir uns, der »neue Vorstand, die Mitglieder und ich«, insoweit geeinigt, dass ich bisher festgelegte Lehrgänge noch ausrichten solle. Man wollte dann versuchen, wenn Meister Shimizu das nächste Mal kommt, sich mit ihm zusammen an einen Tisch zu setzen..., um einen Konsens zu finden.

Zwischenzeitlich hat sich der Ausrichter aus Hamburg, Peter Prem mit einem Fax – über die Qualität dieses Schreibens möchte ich mich nicht weiter äussern, Du hast eine Kopie davon gelesen – mit einer Frage an Meister Shimizu gewandt, »ob der neue Vorstand da wohl richtig handeln würde, wenn weiterhin Lehrgänge mit Reiner Brauhardt.....«; »wie gesagt kurz vorher bedrängte Peter Prem mich noch, um ja einen Lehrgang bei ihm auszuführen.«

Die Antwort aus Japan, hier eine weitere Kopie, hat eigentlich alle Ideen und Vorstellungen zunichte gemacht. Es heisst in diesem Fax, ich hätte keine Lehrgänge mehr im »TAD« zu geben und die Mitglieder des »TAD« hätten sich von mir fernzuhalten. Ich solle ihm erst erklären, was meine Ziele seien – das nach über zwanzig Jahren gemeinsamen Weges und ich weiss immer noch nicht, warum! Ich erhalte von ihm auch keine Antwort auf meine Schreiben! Seine Aufforderung würde bedeuten, dass mir Freunde !!, Trainingspartner und Mitglieder, die ich unterrichte und mit denen ich seit über 20 Jahren verkehre, nun den Rücken zukehren müssten! Absolut nicht nachvollziehbar, dass der Sensei eine solche Aufforderung herausgibt, einen »solchen Befehl« erteilt, damit stempelt er sich selber ab, das ist »seine Visitenkarte«!


Wenn das so da steht, dann... aber... nun ...

Ich denke, man muss sich da doch schon fragen, in welch einem Staat wir leben, dass man sich so unterwerfen soll, und...


Darf ich unterbrechen? Gut, wenn die Mitglieder und der Vorstand des »TAD« das akzeptieren, und wenn das so stimmt, was Du sagst, dann sollen sie damit glücklich werden.

Hast Du ihn irgendwie »auf die Füsse getreten«? Mir drängt sich die Frage auf, wenn ich Dich sagen höre, dass Meister Shimizu sagt: »Ich wünsche diesen Vorstand und gewisse Leute nicht mehr zu sehen«. So etwas kommt doch nur vor, wenn jemand sehr sauer ist. Also, im übertragenen Sinn, hast Du ihn auf die Füsse getreten? Es muss doch eine Erklärung geben, eine rationale? Oder vielleicht, doch nicht?

Ich habe Meister Shimizu nie auf die Füsse getreten, nie beleidigt. Im Gegenteil, er war doch »mein Meister«. Ich habe über 20 Jahre versucht, das »Tendoryu Aikido« und damit auch ihn, meinen Meister(!!) in Deutschland zu verbreiten. Ich denke, Aikido ist für alle Menschen da, auch die Dangrade sind nicht nur für privilegierte Menschen da.

Wir können eben nicht alle gleichmässig und gleichzeitig die gleiche Entwicklung machen, technisch und geistig gehen wir verschiedene Wege. Wir sind zum Glück alle unterschiedlich. Das muss ich immer wieder berücksichtigen. Das ist mein Denken, das waren früher auch seine Gedanken, aber das habe ich bei Meister Shimizu in der letzten Jahren nicht mehr erfahren.

1999 wurde ich durch familiäre Veränderungen allein erziehender Vater. So kam es, dass ich mich um meinen kleinen 7 Monate alten Sohn kümmern musste, mit der Folge, »nur zwei Tage« auf den Sommerlehrgang des Meister Shimizu fahren zu können.

Dort erhielt ich dann auch noch Vorwürfe – dass ich mein Leben besser ordnen solle (wahrscheinlich, um den ganzen Lehrgang anwesend zu sein) ich sei schuld an meiner familiären Situation, mit meinem Sohn...

Das ist mein Privatleben und geht niemanden etwas an. Und ich wäre wohl kaum allein erziehender Vater mit dem Sorgerecht für den Sohn, wenn bei mir etwas nicht stimmte täte, oder?!! Der Meister enttäuschte mich, eine solche Aussage passt nicht. Ich war wirklich sehr enttäuscht, ich dachte, ich hätte durch die 20 Jahre engster Zusammenarbeit in ihm quasi auch einen Freund gefunden. So kann man sich täuschen, nun von da an habe ich mich persönlich etwas distanziert.

Ein Meister sollte, meine ich, helfen, vorleben können, wenn solche Schwierigkeiten auftreten. Besonders, wenn man selber nicht mehr zu Hause, sprich getrennt lebt, dann sollte man zumindest nicht »im Glashaus sitzen und mit Steinen werfen, nicht Wasser predigen und Wein konsumieren«.

Jeder Mensch hat ein Privatleben. Ich mische mich auch nicht in das Privatleben meiner Schüler ein. Jeder Mensch hat ein Recht auf eine Privatsphäre. Ich akzeptiere die Menschen so wie sie sind, das hat nichts mit Aikido zu tun. Daher denke ich, dass ich ihn nicht auf die Füsse trat. Vorwürfe, das ich mittlerweile geschiedener allein erziehender Vater bin, brauche ich mir auch nicht zu machen.

Im Jahre 2000 wollte ich wieder nach Herzogenhorn fahren, konnte aber nicht, weil mein Sohn erst 1 ½ Jahre alt war. Ich schrieb Meister Shimizu einen Brief, dass es die Bestimmungen von Herzogenhorn nicht zuliessen, ein Kind in diesem Alter dorthin mitzunehmen, gleichzeitig bat ich ihn aber um ein persönliches Gespräch.

Auf diesen Brief erhielt ich nie eine Antwort bis heute nicht. Ich hörte aber, dass er ihn auf Herzogenhorn belächelt habe und gemeint, den lese ich in Japan weiter.

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