Gérard Blaize

Es gibt also eine Art Illusion …


Nach dem Training, vor unserem Gespräch – im alten Dojo von Noro-Sensei.

Das Gespräch fand 2008 in Paris, in der Rue Petit Hotel, statt  – im alten Dojo von Noro Sensei.
Veröffentlicht wurden dieses  Interview mit Gérard Blaize in zwei Teilen, in den Französischen Ausgabe N° 29 & 30 des AJ.
http://www.aikidojournal.fr/Archives_fr/Entretiens/Blaize_Gerard_Paris_1e_partie_2008/
Jakob Spälti, ein Schüler von Gérard und langjähriger Leser des AJ, hat dieses Interview übersetzt, damit auch die deutschen Lesern des AJ den Aussagen von Gérad folgen können.  
  


 


Arbeiten Sie oft mit Waffen?

Ich?

Ja.

Im Aikido?

Ja.

Nie. Zu den Waffen … Ich bin Jôdô-Lehrer in Rahmen des Kendo-Verbands. Das hat aber mit dem Aikido nichts zu tun.
Im Aikido arbeite ich sehr, sehr wenig mit Waffen, und ich mache nur Masakatsu-Bô-Jutsu, das Bô-Jutsu des Aikido, das mich Hikitsuchi Sensei gelehrt hat. Ich verwende im Aikido keine Waffen, weil man in der ersten Zeit, als Osensei noch lebte, auch keine Waffen verwendete. Ich kannte japanische Meister, die nach Frankreich oder Europa kamen, als der Begründer des Aikido noch lebte – und man machte bei ihnen kein Waffentraining. Erst nach seinem Tod fing das an.
Wenn man Hikitsuchi Sensei fragte, antwortete er, dass nur Osensei selbst eine Waffe verwendete und so Aikido mit einer Waffe vorführte. Doch die anderen machten es untereinander nicht. Aber warum? Ich dachte darüber nach, weil ich zu dieser Zeit im Aikido gern mit Waffen trainierte. Und als ich nach Japan ging, übte ich ab und zu in der Kashima-Shin-Ryu mit Meister Inaba, und ich musste erkennen, dass ich von Waffen gar nichts verstand. Später musste ich aus anderen Gründen damit aufhören, und ich begann das Training in der Shindo-Muso-Ryu mit Meister Matsumura. Hier traf ich auf eine Jôdô-Welt. In dieser Welt begegnete ich Kendo- und Iaido-Meistern und merkte, dass mit den Waffen im Aikido etwas nicht stimmte.
Was das Aikido betrifft, versuche ich es wie mein Lehrer zu machen, das heißt, dass ich zu zeigen versuche, wie man mit einer Waffe Aikido trainieren kann. Denn es ist ein Problem, dass es im Aikido nie einen Unterricht gab, der lehrte, wie man eine Waffe halten soll und wie man mit einer Waffe angreifen muss. Jemand griff mit einer Waffe an, aber er beherrschte das schon, weil am Anfang der größte Teil derjenigen, die mit Aikido anfingen, mindestens 5. Dan im Kendo waren. Einige kamen vom Kendo, andere vom Judo oder vom Karate. Meister Ueshiba nahm also jemanden, der die Waffen kannte. Er führte mit ihm vor, wie Aikido mit einer Waffe ist, aber es gab keinen Unterricht wie in einer Schule, in der man lernt, wie man ein Schwert, einen Stock hält, wie man angreift, wie man sticht, welches die verschiedenen Situationen sind, in denen man da oder da angreift … also, für mich hieß das, dass ich Aikido und Waffen klar trennen wollte.
Geblieben ist nur das Bô-Jutsu. Wie ich schon geschrieben habe, kann man sagen, dass die Stellung der Füße, dass die Art, wie man sich fortbewegt, sich überhaupt bewegt, dass die Winkel, die Ausrichtung der Hüften – das alles findet man auch in den Aikido-Techniken, denn das Bô-Jutsu, das vom Gründer des Aikido geschaffen worden ist, ist sehr verschieden von den Waffentechniken, die man in den Schulen, wie Sui-O-Ryu, Kashima-Shin-Ryu, Katori-Shinto-Ryu und so weiter, lernen kann. Es ist ganz verschieden, die Richtungen sind nicht die gleichen. Das ist das Problem.
Damit jemandem, der trainiert, dieses etwas bringen kann, muss er lernen, seinen Körper aufrecht zu halten, sich richtig zu bewegen … Es geht um Körperkoordination. Wenn man ein Lenkrad hält, hält man es richtig, man hält es nicht so mit den Schultern. Wenn man einen Besen hält … Es ist nicht hilfreich, wenn man nur sagt: „Um kehren zu können, muss man die Schultern gesenkt halten und den Besen mit richtig platzierten Händen halten …“ Beim Schwert ist es das Gleiche.

Ich habe Ihnen diese Frage gestellt, weil ich oft gehört habe, dass das Training mit dem Ken den Fortschritt im Aikido unterstütze.

Ich halte das für völlig falsch, denn im Aikido geht es um etwas ganz anderes. Übrigens: Wenn man die Bücher von Meister Ueshiba zur Hand nimmt, sogar die alten wie „Budo no Renshu“ von 1933, kann man sofort sehen, dass da keine Waffen vorkommen. Das ist sehr interessant: Man sieht hier wirklich keine Waffen. Wenn man die Fotos von 1942 nimmt, sieht man viele Angriffe mit bloßen Händen, aber man sieht keine mit Waffen. Und nie hat der Begründer des Aikido gesagt, dass das Aikido aus Waffentechniken entwickelt worden sei. Es gibt keinen einzigen Text … Das, wovon er spricht, ist etwas ganz anderes: Er sagt, dass das Aikido der Ausdruck des Kototama sei. Das heißt: Vertrauen in die Kraft der Schwingungen. Und er wiederholt es ohne Unterlass: „Aikido ist Kototama.“ Es hat also mit Waffen nichts zu tun. Ich glaube, dass eine Verwirrung vorliegt. Es gibt auch ein Problem bei den Aikido-Praktikanten, das daher kommt, dass sie dauernd untereinander mit Waffen trainieren, aber nie mit einem Kendo- oder Iai-Meister, der kein Aikido macht. Es gibt also eine Art Illusion.
Was die Auffassung betrifft, es unterstütze das Aikido, wenn man mit einem Schwert arbeitet: Ja, es ist so: Wenn ich einen Schüler vor mir habe, der seit zehn oder fünfzehn Jahren Kendo oder Iaido trainiert, kann ich die Kenntnisse, die er sich dort angeeignet hat, verwenden, um ihm Hinweise zu geben, damit er im Aikido schneller Fortschritte macht. Aber wenn jemand diese Kenntnisse nicht hat, stellt man damit nur ein zusätzliches Hindernis vor ihm auf, denn man muss sehr lange trainieren, bis man ein Schwert oder einen Stock richtig halten und einsetzen kann. Mit nur einer Stunde Training  je Woche schafft man es in einem Monat oder einem Jahr, aber auch in zwei Jahren nicht, ein Schwert richtig zu halten und zu führen.
Aus diesem Grund trenne ich diese beiden Sachen: Ich unterrichte Bô nur freitags von zwei bis drei Uhr. Ich mache es auch ein wenig an den Stages, weil man hier Zeit dazu hat. Aber es ist das Bô-Training von Hikitsuchi Sensei, es ist das Bô-Training des Begründers des Aikido, und man macht es immer allein, man macht es nie zu zweit gegeneinander.

Es gibt ein altes Foto, das in Shingu aufgenommen worden ist und auf dem man sieht, wie Hikitsuchi Sensei Osensei mit einem Schwert angreift.

Ja, Osensei zeigte, dass er Aikido gegen eine Waffe einsetzen konnte. Aber nur er machte es, als er noch lebte. Erst nach seinem Tod trainierte man oft mit Waffen, vor allem anhand der Bücher von SaitOsensei.

SaitOsensei sagte, er habe mit Osensei immer mit Waffen trainiert.


 


 

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