Interview mit Juta Bernard aus Manas.

Durch einen Leser erfuhren wir von Juta Bernard, die in dem malerischen Örtchen Manas, im Département Drôme lebt…

Juta Bernard in ihrem Haus in Manas.
Juta Bernard in ihrem Haus in Manas.

Juta, du hast vor vielen Jahre die Schweiz verlassen, wie du mir am Telefon sagtest, und dann in Paris mit Aikido begonnen?

Ja, das war vor 30 Jahren.


Du hattest also in der Schweiz keinen Kontakt zum Aikido oder Budo, wie aber kam es dann zu der Idee »Aikido«?

Nein, ich hatte keinen Kontakt und auch keine Kenntnisse über Aikido, erst in Paris bekam ich den Rat eines Freundes.

Ich war Grundschullehrerin, eine sehr junge Grundschullehrerin mit 20 Jahren, und bin schnell in Kontakt mit Jacques Castermane gekommen. Jacques ist einer der Hauptnachfolger von Graf Dürkheim und er hatte ein Meditationszentrum im Haute-Savoie, in St. Jean de Tholome, in der Nähe von Genève.

Mir ging es damals gesundheitlich nicht sehr gut, ich musste schauen, wie es im Leben weitergeht. So kam es, dass mir die Leibarbeit und das stille Sitzen im Zazen, sowie die Arbeit nach Graf Dürkheim sehr geholfen haben, ich kann ohne Übertreibung sagen, dass sie für mich lebensrettend waren. Mir fielen dann, wie man sagt, die Schuppen von den Augen, und alles hatte wieder einen Sinn.

So habe ich sehr intensiv mit Jacques Castermane geübt, und durch das stille Sitzen im Zazen kam in mir der Wunsch nach Bewegung auf. Ich habe dann in Bern bei Annemarie Parek Tanzunterricht genommen, was mir sehr gefiel, »es roch nach mehr«, und so wollte ich eine Tanzausbildung beginnen und schaute mir einige Schulen an, z.B. in London, Rotterdam, Köln … meine Wahl fiel schließlich auf Paris.

Dann sagte mir Castermane, wenn du schon nach Paris gehst, dann musst du unbedingt zu Meister Noro – denn Castermane selbst hatte in seinen jungen Jahren in Belgien bei Noro Aikido gelernt.


Asai und Noro waren auch bei Dürkheim oder haben sich mit Dürkheim ausgetauscht. Ich erinnere mich nur, dass Asai das einmal erwähnte.

Ja, zumindest standen sie in Kontakt. Noro selbst erzählte, dass er einmal dort zu Besuch war, um eine Demonstration zu geben. Davor hätte es noch ein großes Essen gegeben, bei dem als Dessert Schwarzwälder Kirschtorte gereicht worden sei!
Nach dem ersten Stück habe er gefragt, wann denn die Demonstration losginge, und man hätte ihm geantwortet: »In 10 Minuten«, worauf er um ein zweites Stück Torte gebeten hätte.
Also, mich interessiert »martialische« Art oder Kunst überhaupt nicht. Da ich aber von Castermane »den Tip« erhielt, ihm vertraue und viel auf seine Meinung gebe…

Odile, eine sehr schicke Pariserin, die die Frau von Meister Noro war, saß am Empfang und sagte mir, man dürfe nur mit Kimono auf die Tatami. Ich wagte mich nicht dazu zu äußern, aber dachte bei mir, »ich in Uniform«, das kommt gar nicht in Frage. Ich bin dann aber doch in irgendeinen Supermarkt gegangen und habe mir dort einen der billigsten Pyjamas gekauft, um wenigstens überhaupt erst einmal in das Dojo zu kommen.

Nach der ersten Stunde war ich platt, platt von der Atmosphäre, von den Bewegungen, von Noros Präsenz, …


Vor dreißig Jahren, also 1976, war da das Dojo noch in der Rue des Petit Hôtels?

Ja, in der Rue des Petit Hôtels, dort war das Dojo, und nur mit reinem Aikidountericht. Obwohl da schon ein „Umschwenken“ begann, Noros Interesse wuchs an Ehrenfried, Gerda und Alexander, an Homöopathie und an allen Alternativen und anderen Arten, Personen »anzugehen«. Oft waren Gäste im Dojo, Spezialisten…


Das Tanzen hast du aber weiter praktiziert?

Ja, ich habe in Paris vom ersten Tag an getanzt und Aikido geübt. Die ersten beiden Jahre habe ich noch „Modern“ geübt, bis ich bemerkte, dass ich überhaupt keine Basis dazu habe. (lacht)

Die Modern-Lehrer sagen einfach: strecke das Bein. Aber sie sagen nicht, wie… Dann fand ich dort einen kleinen, von Hand geschriebenen Werbezettel: »Joelle Marsé dans cours danse classique« [Joelle Marsé gibt klassischen Tanzunterricht]… Ja, dachte ich, das brauche ich, ich benötige eine Grundausbildung – nun, sie rief mich kürzlich erst an, weil wir noch heute ganz dick befreundet sind. Sie hat einfach wunderbar unterrichtet und ist eine phantastische Pädagogin. Ich bin davon überzeugt, dass sie selbst eine Kuh »die Eigernordwand hätte hochsteigen lassen«. Sie hat sogar mir – ich war so etwas von »steif«, dass ich nicht einmal im Schneidersitz sitzen konnte, und war mittlerweile 25 Jahre alt – etwas vom klassischen Tanz beibringen können.

Aber, im Ballett geht alles in die Höhe – »allonger, allonger« [strecken, strecken]. Im Aikido Zentrum hieß es »tief, tief, tiefer« – so kam ich in keiner der beiden Ausdrucksformen wirklich weiter. Ich war wie Penelope, die nachts das Gestrickte wieder öffnete, was sie tags erstellte…

Ich war schlecht in beidem, doch ich konnte keins loslassen.

Aber das kommt mir heute zugute, denn durch diese Körperschulung habe ich viel mehr Ausbildung erfahren als ein gewöhnlicher »Aikidolehrer«. Damals war mir das nicht bewusst, aber heute – ich möchte es nicht missen.

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