Gespräch mit Wolfgang Baumgartner aus Berlin.

wir pflanzten bis zu 1000 Bäume am Tag, alle zwei Meter, wie auf dem Schachbrett. Diese Arbeit ist wie das Arbeiten mit dem Bokken, es ist das gleiche Schwingen.


Wolfgang Baumgartner in Kniebaum anlässlich des Stages mit Hitohiro Saito.

Wolfgang, heute hast Du ein Iwama-Dojo in Berlin, aber wann und wo hast Du mit dem Aikido begonnen?

Ich bin in den USA, genauer in Kalifornien, mit Aikido in Berührung gekommen. Dort habe ich dann unter Bill Witt Sensei trainiert. Das ist einer der ersten »Nicht-Japaner«, der zu der Zeit, als O Sensei noch lebte, uchi-deshi im Iwama-Dojo von Saito Sensei war.

Es gab jedenfalls ein sehr großes Dojo in San Franzisko, in dem er unterrichtete. Dort wurden auch Lehrgänge mit Kisshomaru Ueshiba und natürlich auch mit Saito Sensei veranstaltet. Saito Sensei hat des Öfteren dort Seminare abgehalten. Das war mein Ausgangspunkt im Aikido.


Das heißt, dass Du in den USA gelebt hast?

Ja, ich habe 20 Jahre in den USA gelebt.


Aber dann kam der Entschluss, wieder in die »Heimat« zurückzukehren?

Ja, der Grund dafür war »die Wende«. Mein Sohn wurde vier Tage vor dem »Mauerfall« geboren. Diese große Freude betrachteten meine Frau und ich als die Möglichkeit, wieder in mein Heimatland zurückzukehren. Meine Frau unterstützte mich darin vollkommen. Und so reifte die Idee, Aikido nach »Ost-Berlin« zu bringen. Das haben wir dann auch gemacht.

Im Nordosten von Berlin haben wir uns ein Haus gebaut. Ganz im Stil von Iwama haben wir auf unserem Grundstück gleich daneben das Dojo errichtet. Mit unserem Dojo sind wir jetzt im siebten Jahr, die Truppe kann sich sehen lassen…


Findet eigentlich jetzt auch in Deutschland eine Teilung statt wegen des Austrittes von Hitohiro Saito aus dem Aikikai, besser der Nichtannahme des Angebotes des Aikikais?

Ich glaube nicht, sicher ist, dass einige Schüler von Saito Sensei eine sehr starke Unterstützung von M. Saito Sensei erhielten. Diese Schüler, wie Hitohiro Saito Sensei und auch ich im Endeffekt nahmen am Unterricht von M. Saito Sensei teil, wir waren gemeinsam »nur Schüler« von M. Saito Sensei. Man ist sozusagen »gemeinsam einen Weg gegangen«. Nur jetzt tun sich diese anderen Schüler schwer, Hitohiro Saito als Doshu anzuerkennen, der über ihnen stehen soll. Mir ist deren Ansinnen nicht klar, aber es scheint wohl, dass sie sich eher auf der gleichen Ebene wie Hitohiro Sensei sehen.

Eindeutig ist, dass Hitohiro Sempai ist. Vielleicht erkennen sie das auch an, oder aber es sind persönliche Gründe, dass sie nicht mit ihm zusammenarbeiten möchten und andere Wege suchen …?


Aus welchem Grund bist Du nach Amerika gegangen?

Ich habe Familie in Amerika. Meine Tante lebt in Colorado, sie hat vier Kinder … So nahm ich die Gelegenheit wahr, die sich mir damals bot, um zum einen meinen Traum, die Berge des Coloradomassivs, zu sehen, und um meine Cousins kennen zu lernen. Tja, und dann bin ich einfach geblieben.

Es war einfach phantastisch, ich lernte Menschen kennen, ging zur Schule, fand eine Arbeit, es war einfach stimmig. Ich bin aufgenommen worden und konnte meine heutige Ausbildung erlernen. So kam ich auch zum Aikido.


Im welchen Alter bist Du in die Staaten gegangen?

Mit 21.
Hattest Du keine Probleme mit dem Visum, »einfach so zu bleiben« …?

Zuerst war ich Tourist mit einem einjährigen Aufenthaltsrecht, dann lebte ich ein halbes Jahr in Mexiko und erteilte dort Englischunterricht und bin dann in die Staaten als Student zurückgegangen. Ich studierte dann am Junior College. Danach arbeitete ich. Ich pflanzte Bäume und war dadurch unabhängig. Nach der Heirat war es sowieso kein Problem mehr mit der Aufenthaltsberechtigung.


Die Bäume hast Du aber nicht für das Recht auf Heirat gepflanzt, für wen hast Du sie gepflanzt?

Nein, für den Nationalpark, meinen Arbeitgeber, habe ich sie gepflanzt. Es wurde aufgeforstet. Alles ging von Hand, wir pflanzten zweijährige Setzlinge mit riesig langen Wurzeln, bis zu 1000 Bäume am Tag, alle zwei Meter, wie auf dem Schachbrett.

Diese Arbeit ist wie das Arbeiten mit dem Bokken, es ist das gleiche Schwingen.


Welche Bäume wurden gepflanzt?

Ponterosa Pin.


Hm, alle zwei Meter, sehr dicht.

Hast Du da schon Aikido gemacht?

Nein, da machte ich noch kein Aikido. Ich bin erst auf das Aikido aufmerksam geworden, weil mir jemand das Buch von Kisshumaro Ueshiba, »Das Herz des Aikidos« gegeben hat. Das Buch habe ich verschlungen und war sofort der Überzeugung: das ist die Philosophie, die praktiziert werden kann. Es hat mich wie ein Magnet in den Bann gezogen.

Dann bin ich gleich nach San Franzisko gezogen, weil ich von der Schule von Bill Witt hörte. Dort begann ich mit dem Aikido und habe bis heute nicht damit aufgehört.

Faszinierend war es auch deshalb, weil ich von Anfang an aufmerksame Lehrer hatte, die immer parat waren. Genau wie O Sensei es immer sagte, »Aikido ist eine Familie«; dieses Gefühl erfuhr ich auch später wieder in Iwama.


Du bist auch auf ein College gegangen, was hast Du dort studiert?

Kunst, Malerei und Fotographie studierte ich. Das mache ich immer noch, meine Frau ist auch Malerin. Wir haben hier in Berlin auch eine Künstlergruppe gegründet, mit der wir regelmässig Ausstellungen organisieren. Das ist meine Leidenschaft. Da ich Heilpraktiker und Dojoleiter bin, muss ich mit der Kunst kein Geld verdienen. So habe ich drei Künste, die mich inspirieren, die Heil-, die Kampf- und die Malkunst.

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