Katsuaki Asai Sensei

50 Jahre Aikido in Deuschland


Meister Asai bei seiner Demonstration in Münster zu seiner 50Jahres Feier - April 2015

Herr Asai, 50 Jahre Aikido in Deutschland, drei Jahre waren geplant. Nach einer kurzen Rückkehr nach Japan sind Sie wieder gekommen. Was hat Sie bewegt, wieder zu kommen?

Ich sah ein, dass die drei Jahre, die ich unterrichtete noch nicht viel gebracht hatten. Wie man so schön sagt, ich hatte die Samen gelegt, aber diese sind noch nicht aufgegangen, nicht so, wie ich es gerne gesehen hätte. Das bedeutet, dass ich drei Jahre tagtäglich gearbeitet und viel Energie hier hinein gesteckt habe, dass aber davon noch nicht so viel Nennenswertes zu sehen war. So reiste ich erst mal nach Japan zurück und erklärte Meister Ueshiba, dass ich wieder zurück müsse, „um das Feld weiter zu bestellen“, weil ich noch keinen Spross sah.

Sind Sie denn heute zufrieden?

Ja, ja.

Bei der 50 Jahrfeier, sind mir extreme Unterschiede aufgefallen. Am auffallendsten fand ich die Darstellungen von Hatayama und Miyamoto – ich möchte eher sagen, dass das ein wildes Aikido war.

Herr Asai lacht los.

… wie sehen Sie diese Stile?

Ja, da kann ich wenig zu sagen, denn ich weiß nicht welchen Einfluss Meister Miyamoto hatte, als er bei Meister Chiba gelernt hat. Vor allen Dingen habe ich die Bewegung von Meister Chiba schon sehr, sehr lange nicht gesehen – so weiß ich eigentlich nichts von seinem Aikido. Folglich kann ich auch wenig dazu sagen – es ist eine persönliche Sichtweise und Sache von Meister Miyamoto. Wie man das Aikido sieht, wie man es erlebt, dass ist sehr unterschiedlich. Es kann auch einer zeitlichen Periode unterliegen.
Das Erlebnismoment, wenn Sie Aikido sehen, erlebt jeder Mensch anders. Diese Unterschiedlichkeit ist auch ein Zeichen des Aikidos, so wie man es wahrnimmt. Das Problem ist, dass Osensei nicht mehr unter uns lebt. Wir zum Beispiel, Meister Tada, Meister Kobayashi und ich, haben ja auch bei Osensei geübt, aber letztendlich sehen Sie die unterschiedlichen Bewegungen von uns. Wie ich schon öfter sagte, wenn wir großen Meister zusammentreffen, dann schaffen wir es nicht eine einzige einheitliche Bewegung hinzubekommen.

Jeder von uns stellt nur einen Teil von Osensei Bewegungen dar, und wir haben auch nur einen gewissen Teil von Osenseis Unterricht mitbekommen – das ist sehr, sehr schwer.  Das Schwierige war, dass Osensei nie etwas sagte oder korrigierte, wie man das heute kennt … Ich habe Schwierigkeiten die Bewegungen von Osensei nach zumachen, auch woher diese Bewegungen kommen, darüber hat sich Osensei nicht geäußert.

Es ist also kein unterschiedliches Training gewesen?

Nein, Osensei hat immer gleich unterrichtet, nur wir haben es unterschiedlich wahrgenommen – jeder für sich. Es gab keine speziellen Trainings für Fortgeschrittene oder besondere Schüler.

Sprachen Sie mit Ihren Freunden über die unterschiedlichen Bewegungen und Wahrnehmungen?

Nein, weil im Hombu Dojo,  als ich dort noch trainierte, z. B. wenn wir Stock und Schwert übten, dann war Osensei „total sauer“ und schimpfte … fragen Sie Meister Chiba oder Meister Yamada, die damals uchi deshi waren, die kennen das zur Genüge. Sie kennen doch Meister Yamada, fragen Sie ihn. Es gab einen extremen Fall, Meister Yamada übt ja überhaupt nicht mit Stock und Schwert. Denn er hat von Osensei  richtig „den Kopf gewaschen“ bekommen – wir hatten alle Angst.

Saito, der von Osensei mit Stock und Schwert, mehr mitbekam als andere –  hat daraus seine eigene Stock- und Schwertkata entwickelt. Hikitsuchi Michio Sensei, als weiteres Beispiel, hat eine ganz andere Konstitution und unterrichtete mit dem Langenstock, dem Bo und hat soviel ich weiß, eine Lehrerlaubnis von Osensei, für Bo und Schwert erhalten.  Solche Unterschiede können schwerlich nur von der Wahrnehmung herrühren.
Leider kenne ich Hikitsuchi überhaupt nicht, so kann ich dazu wenig sagen.

Ich erinnere mich, dass Doshu vor zirka drei Jahren sagte, dass er verwundert ist, wie viele verschiedene Aikido-Stile es mittlerweile gibt, sein Großvater hätte das sicherlich nie geglaubt. Wahrscheinlich liegt es daran, wie Sie es eben schon sagten, dass jeder unterschiedlich wahrnimmt und unterschiedlich wiedergibt.

Ja, richtig.

Teilweile ist es sehr verwunderlich, wie Aikido wieder gegeben wird. Hat es noch etwas mit Aikido zu tun, was manches Mal gezeigt wird? Es ähnelt oft dem Tanz, im Extremfall sah ich, dass zum Beispiel kote gaeshi und sankyo gestrichen wurden, weil es den Übenden weh tat …

… was? Das gibt es doch nicht! Das ist doch nur eine Übung. Das ist doch eine Verrücktheit. Es ist eine reine Übung und wenn man es einige Mal geübt hat, dann spürt man das doch nicht mehr, das ist doch nur eine kurze Zeit, in der es sich etwas unangenehm anfühlt. Aber dann ist man gestärkt und freier in seinen Bewegungen.

Wahrscheinlich sind es wirtschaftliche Ängste. Herr Asai, sie habe immer viele Kinder im Dojo, kommen diese auch bis zum Erwachsenen Training?

Bis zum Erwachsenen Training, das ist sehr selten. Ich habe einige bis zum 1 Dan gezogen, dann aber kommt das Abitur und sie verlassen die Stadt, gehen ins Ausland oder studieren an Orten wo es kein Aikido gibt. Irgendwann sind sie leider weg.
Wenn sie in einer anderen Stadt eine neue Gruppe finden, dann ist das ja in Ordnung. Aber wenn nicht – ja, das ist dann wirklich schade.

… haben Sie Ihre Technik in den letzten 50 Jahren geändert?

Ja, das ist schwierig, keiner kann Osenseis Bewegung nachmachen. Der dritte Doshu macht die Bewegung vom zweiten Doshu, seinem Vater. Aber die Bewegungen des zweiten Doshu – Kisshumara – waren nicht die Bewegungen seines Vaters, dem Osensei. Wie ich schon sagte, das nachzumachen in fast unmöglich.
Ich selbst möchte gerne manche Bewegung ändern, wenn irgendwie eine andere Idee kommt, dann ändere ich meine Technik. Aber so schnell und so einfach passiert das nicht …

… in Frankreich sah ich jetzt mehrfach die Sensei  Kono, Kuroda und Hino – sie sind keine Aikidoka. Hino zum Beispiel, führt das Budo-Institut. Sie suchen Wege um fast kraftlos aus Angriffen heraus zukommen, ohne zu kämpfen. Oder Kono Sensei, er unterrichtet Krankenschwestern, damit sie schwere, krankheitsbedingt ans  Bett gefesselte Patienten, mit wenig Kraft bewegen können. Ich weiß, dass Tamura Sensei sich Kuroda Sensei anschaute und auch einige Bewegungen in seine Übungen integrierte.

Es tut mir leid, aber ich kenne diese Drei überhaupt nicht. Auch hatte ich nie eine Möglichkeit sie zu sehen.

Suchen Sie nach solchen „kraftlosen“ Wegen?
Kraftlos?  Wenn ich mich bewege, dann benutze ich meine Kraft – es gibt keine kraftlose Bewegung.

Natürlich, eine Muskelbewegung benötig immer Kraft – unter kraftlos, verstehe ich keine Kraft einer Kraft entgegenzusetzen, nicht zu kämpfen – ich lasse den gegriffenen Arm dort, wo er ergriffen wird und drehe meine Körper, oder versuche mit minimalsten Bewegungen mich aus einer Umklammerung zu befreien …

… ich schaue in meinem Gehirn immer nach den Bewegungen von Osensei – ich lasse oft diese „Filme abspielen“, um die Ansätze und die Eintrittsmomente zu erkennen. Immer wieder muss man sich das vor dem inneren Auge abspielen lassen. Immer wieder. Aber kraftlos ist das nicht. Er bewegt sich und sein Partner schließt sich um ihn, er zieht den Partner in seine Bewegung hinein. Das ist ganz anderes. Wahrscheinlich sind meine Bewegungen ganz anders, dass ich nicht auf solche Gedanken komme.

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