Gespräch mit Hitohiro Saito in Kinsbaum bei Berlin.

…ich gehe neue Wege, um an die Tradition von O senseis Geist und Herz, an seine Spiritualität, anknüpfen zu können.

Hitohiro Saito junios, liest das AJ in Kiensbaum bei Berlin.
Hitohiro Saito junios, liest das AJ in Kiensbaum bei Berlin.

Ich möchte diese Gelegenheit nützen und Ihnen persönlich mein Beileid zum Hinscheiden Ihres Vaters aussprechen.

Vielen Dank.


Gleichzeitig möchte ich Sie durch das nun folgende Interview den Lesern des Aikidojournals in Deutschland und in Frankreich vorstellen.

Sie haben ein Erbe mit einer grossen Verantwortung angetreten, was möchten Sie dazu sagen?

Den persönliche Unterricht, den O sensei meinem Vater und mir zukommen liess, gilt es in seinem Sinne fortzuführen. Mein Vater hat diese Aufgabe bis zu seinem Ableben erfüllt. Nun ist es an mir, dieses Erbe an interessierte Aikidokas weiterzuvermitteln, eben das tägliche ernsthafte Training. Denn für O sensei war es immer äusserst wichtig, dass täglich die Basisformen geübt werden, so wie es mein Vater Jahrzehnte in Iwama weitergab.

Diese Basisübungen, die aus Iwama überliefert sind, unterscheiden sich erheblich von den Basisübungen, die aus Tokio überliefert sind. Dort lernten die heutigen Lehrer nicht das, was O sensei in Iwama trainieren liess. O sensei ist, während er in Iwama lebte, von anderen Vorstellungen ausgegangen und hat neue Ideen für das Basistraining seiner Techniken entwickelt. Saito Sensei, mein Vater, hat diese Techniken erforscht, intensiv trainiert und weiterentwickelt; es gibt nicht wenige Aikidomeister aus Tokio, die diese dann auch von meinem Vater gelernt haben, indem sie meinen Vater bei der Durchführung dieser Techniken beobachteten, um sie in Erinnerung an die Techniken von O sensei weiter zu trainieren.

Wir in Iwama möchten aber nicht nur in der Erinnerung oder auf der Grundlage von irgend etwas Abgeschautem trainieren, sondern wir trainieren etwas, das ganz genau und klar von 1 bis 10 festgelegt ist. Das ist nicht innerhalb von einem oder zwei Jahren erlernbar, das erfordert mehr Zeit. Für so ein Training muss man mindestens zehn, fünfzehn oder vielleicht sogar zwanzig Jahre trainieren.

Gestern erklärte ich das Prinzip von nisshin-geppo …, sprich immer ganz kleine Schritte machen, um dann in einem Monat einen Schritt geschafft zu haben (das bed. nisshin-geppo übersetzt, Anm. der Übersetzer). Man muss geduldig sein und step by step üben. Man muss sozusagen stets das Gefühl haben Anfänger zu sein, und zwar bis zum Tode.
Diese Art zu trainieren hat es bis heute immer in Iwama gegeben. Dieses führe ich von damals weiter und habe das immer im Kopf, wenn ich mit anderen Aikido trainiere.

Um das zu verwirklichen, muss man nicht nur gegenüber anderen sehr streng sein, sondern vor allem sich selbst gegenüber. vor allem sich selbst muss man in die Verantwortung nehmen.

Leider sieht man immer wieder, dass die meisten Lehrer diese Verantwortung nicht ernst genug nehmen. Gerade wenn man ein sehr grosser Meister ist, muss man sich selbst gegenüber am allerstrengsten sein. Diese Denkweise wird in Iwama weiterhin überliefert.

Man soll sein Herz nicht an bestimmte Ding, an einen bestimmten Ort oder ans Geld hängen. Man braucht zwar Geld um leben zu können und hat vielleicht einen geliebten Ort und ein gutes Dojo, man soll aber nicht zu sehr daran hängen oder deswegen streiten. Man muss den Kopf freihalten und darf nicht hart werden.

Im vergangenen Jahr habe ich mich von einem sehr wichtigen Ort entfernen können, weil ich nicht daran gehangen habe. Damit man auf dem Weg weitergehen kann, darf man nicht an den Dingen hängen bleiben, sonst gibt es keine Entwicklung mehr.

In der Gesellschaft, zu der ich vorher gehört habe, dem Aikikai Honbu Dojo, gab es nicht alles, was O sensei tatsächlich unterrichtet hat. Schwert und Waffentechniken wurden im Honbu-Dojo nicht gelehrt.

Wenn O Sensei ins Honbu Dojo ging und jemanden sah, der mit dem Bokken trainierte, dann hat er das kritisiert. Daher gibt es dort im Gegensatz zum Dojo in Iwama keine Waffentechniken. Diese überlieferten Dinge sind für uns sehr wichtig. So wurde es verständlicherweise für uns nun schwierig, in der Aikikai-Gesellschaft zu bleiben, da man dort immer irgendworan Anstoss genommen hat.

Gegen meinen Vater hat man nicht viel gesagt, aber über mich meckerte man viel, bzw. man hat viele Forderungen an mich gestellt.

Z. B. sollte ich den Titel Iwama-dojocho (Leiter des Iwama Dojos bzw. Ibaragi Dojos) zurückgeben. Auch forderte man mich auf, den Titel Aiki-Jinja Shamori (Hüter des Aiki-Jinjas) (Anm. der Red. - Aiki-Schrein, 1943 gegründet), den mein Vater getragen hat, nicht mehr zu benutzen.

Dafür, dass ich dort z.B. saubermachte, wollte der Aikikai mich bezahlen, den Namen sollte ich aber nicht mehr benutzen, obwohl ich dort diese Arbeit machte.

Uns geht es aber nicht um Geld. Ich möchte O senseis Herz und Geist bewahren, daher mache ich das.

Die Familie Saito stand nun auf einmal im Wege nach dem Motto: »Wenn es keine "Beschwerden" mehr gibt, gibt es auch keine Probleme mehr.« Wenn nicht auch noch das viele Gemecker und die Kritik gewesen wären, dann wäre ich vielleicht im Aikikai geblieben. Über die Waffentechniken wurde auch immer etwas erzählt, so dass ich mich immer mehr vom Aikikai entfernt habe.

Mein Vater hat in Europa und in den U.S.A. viele Schüler bekommen und diese gefördert und aufgezogen. Meine Arbeit ist es nun, diese dabei zu unterstützen, Aikido weiter voranbringen zu können.

Vor diesem Hintergrund habe ich nun ganz unabhängig mit dem Shin-Shin-Aiki begonnen.

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